Ganz unabhängig der derzeit heissen Temperaturen ist der Wahlkampf in Niederhelfenschwil so richtig angeheizt. Vier von fünf Gemeinderatsmitglieder treten per Ende Jahr zurück, darunter Gemeindepräsident Simon Thalmann und Primarschulpräsidentin Gabriela Arn. Um Kandidaten zu finden, wurde im März eine unabhängige, aus neun Personen bestehende Findungskommission aktiviert. Diese hatte den Auftrag, bis zum Ende der Kandidaten-Meldefrist Anfang Juli Personen für die verschiedenen vakanten Mandate zu finden. Nach Möglichkeit sollen mehrere Kandidaten pro Posten präsentiert werden, damit der Stimmbürger eine Auswahl hat.

Doch genau dies ist in Niederhelfenschwil bei den wichtigsten beiden Stellen nicht passiert. Die Findungskommission hat mit Peter Zuberbühler einen Kandidaten für das Gemeindepräsidium und mit Esther Nietlispach eine Kandidatin für das Schulpräsidium präsentiert. Vor allem die Personalie Nietlispach gibt nun zu Diskussionen Anlass. Denn Esther Nietlispach ist die Ehefrau von Findungskommissions-Präsident Eugen Nietlispach – und hat mit ihm in den vergangenen Jahren eine Firma aufgebaut. Es handelt sich um die Nietlispach Unternehmensberatung AG. Es ist just jenes Unternehmen, welches mit der externen Fachbegleitung des Rekrutierungsprozesses beauftragt worden ist. Und das nicht eben gratis: 37'000 Franken wurden ihr zugesichert. 27'000 Franken für die Rekrutierung von Kandidaten für das Gemeindepräsidium, 10'000 Franken für die Suche von Bewerbern für das Primarschulpräsidium. Es sind Steuergelder, welche nicht an die Findungskommission, sondern direkt an die Nietlispach Unternehmensberatung AG geflossen sind.

Favoritin zog sich zurück

Wie kam es zur aktuellen Situation? Laut Eugen Nietlispach habe es verschiedene Bewerbungen für das Schulpräsidium gegeben und es seien zusätzliche Personen in der Gemeinde direkt angefragt worden. Es habe sich im Verlauf des Prozesses eine in der Gemeinde wohnhafte Favoritin herauskristallisiert, welche von der Findungskommission einstimmig unterstützt worden sei. «Leider hat sie am Ende des Prozesses ihre Bewerbung aus familiären Gründen zurückgezogen. Trotz intensiven Bemühungen der gesamten Findungskommission haben sich keine weiteren Personen für das Amt zur Verfügung gestellt», sagt Eugen Nietlispach. Erst dann habe sich seine Frau definitiv entschieden, sich zu bewerben. Es folgte ein Bewerbungsgespräch mit der Findungskommission. «Ich bin bei ihrer Bewerbung in den Ausstand getreten und war weder beim Bewerbungsgespräch noch bei der anschliessenden Diskussion der Findungskommission anwesend», sagt Eugen Nietlispach.

Und was ist mit den Steuergeldern für den Rekrutierungsprozess? «Nachdem feststand, dass sich keine weiteren Kandidaten für das Primarschulpräsidium zur Verfügung stellen, hat die Nietlispach Unternehmensberatung AG der Gemeinde angeboten, den Auftrag für die Suche nach einem Schulpräsidenten zu stornieren. Der Gemeinde entstehen somit keine Kosten für diesen Prozess», sagt Eugen Nietlispach. Konkret sind 10'000 Franken von den total 37'000 Franken zurückerstattet worden. Der amtierende Niederhelfenschwiler Gemeinderat hat diesem Vorgehen Ende Juli zugestimmt, wie Gemeindepräsident Simon Thalmann auf Anfrage von hallowil.ch bestätigt.

Einheimische Kandidaten abgelehnt

Für Wirbel sorgt aber auch, wen die Findungskommission als künftigen Gemeindepräsidenten vorschlägt. Es ist der auswertige Unternehmer Peter Zuberbühler, der Geschäftsleiter einer Holzhandelsfirma in Frauenfeld und nebenberuflich Gemeindepräsident in der 600-Seelen-Gemeinde Wasterkingen im Zürcher Unterland ist. Abgelehnt hat die Findungskommission die beiden einheimischen Interessenten Damian Gahlinger und Willy Bläuer, die nun aber trotzdem kandidieren und Ende September für einen Dreikampf um die Nachfolge von Thalmann sorgen. Doch warum wurden die beiden abgelehnt? Mit Verweis auf den Persönlichkeitsschutz will Eugen Nietlispach nicht ins Detail gehen. Er sagt: «Die Findungskommission unterstützt jene Kandidierenden, welche die Anforderungen an das Amt des Gemeindepräsidiums aus ihrer Sicht am besten erfüllen.»

Im Video: Willy Bläuer begründet die Wahlversprechen

 

Willy Bläuer mit eigenem Anlass

Diese Konstellation treibt nun spezielle Blüten. Heute Mittwochabend findet ab 20 Uhr in der Oberstufe Sproochbrugg in Zuckenriet eine von der Findungskommission organisierte Wahlveranstaltung statt, an welcher sich alle Kandidaten präsentieren können. Willy Bläuer, der seine Gemeindepräsidiums-Kandidatur als Letzter publik gemacht und bisher nur spärlich Informationen zu seinen Beweggründen kommuniziert hat, informierte bereits am Dienstagabend an einem öffentlichen Infoanlass im Mehrzwecksaal Niederhelfenschwil. Der 56-Jährige tat es separat, weil ein Abend später zu wenig Platz dafür gewesen wäre.

Vor dem Studium in Fribourg ist Willy Bläuer aus seiner Heimat England in die Schweiz gezogen – auch wegen dem Polit-System. Seit 14 Jahren wohnt der Unternehmensberater in Zuckenriet. Wird er gewählt, möchte er das Pensum des Gemeindepräsidenten reduzieren – von aktuell 100 auf «70 oder 80 Prozent». Ebenfalls reduziert werden soll der Steuerfuss – regelmässig und in kleinen Schritten. Dabei nahm Bläuer Mörschwil, die steuergünstigste Gemeinde im Kanton St. Gallen, als Vorbild. Jene Gemeinde habe es über 20 Jahre geschafft, Schritt für Schritt eine Vorreiter-Rolle zu übernehmen. Bläuer ist Teil einer «unabhängigen parteifreien Liste», der neben ihm noch die Gemeinderatskandidaten Johanna Burri, Juliane Hiltebrand und Patrick Mathis angehören. Folgende Ziele werden angestrebt: Lebensqualität für alle, Zukunftsgerichtete Wirtschaftsbedingungen, produzierende, fortschrittliche Landwirtschaft, direkte Informationspolitik und Entscheidungen frei von Interessenkonflikten. Zudem will die Gruppierung «Zusammen eine Gemeinde» bilden. Die konkreten Ziele (siehe obenstehendes Video) wurden unter den Anwesenden aber teilweise kontrovers diskutiert. Der heisse Wahlkampf läuft.