Frau Gilli, glauben Sie, dass es Frauen heute noch immer schwerer haben, um eine Führungsposition zu erreichen?

Generell gesagt: ja. Das zeigt sich in der so genannten «gläsernen Decke». Je wichtiger die gesellschaftliche oder berufliche Position, desto weniger Frauen finden sich. Für eine einzelne Frau muss aber diese Gegebenheit nicht zutreffen. Die Gründe sind vielfältig. Wichtige Gründe sind die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie, bedingt durch die Rahmenbedingungen, welche für Kaderstellen vorgegeben sind. Daneben spielen gesellschaftliche Stereotypien eine Rolle. Diese bleiben über mehrere Generationen erhalten, auch wenn sich für Frauen die berufliche Realität bereits stark positiv verändert hat.

Sie haben die «gläsernen Decke» erwähnt, an die karrierewillige Frauen stossen. Wo erkennen Sie sie?

In den stark männlich geprägten medizinischen Fachgebieten in der Ärzteschaft, den chirurgischen Disziplinen, ist sie immer noch sichtbar. Wir erheben jährliche Statistiken und können die Veränderung deshalb gut beschreiben.

Was würde Ihrer Meinung nach die beruflichen Aufstiegschancen von Frauen verbessern?

Sehr wichtig sind Rahmenbedingungen, welche es erlauben, neben der Karriere auch eine Familie zu gründen. Mittlerweile ist das auch in Bedürfnis junger Männer. Dies zeigt die positive Veränderung, die gerade in unserer Gesellschaft passiert.

Manche Frauen in Kaderpositionen sagen, Frauen müssten mehr leisten um nach oben zu kommen und sie stünden unter kritischerer Beobachtung als Männer. Deckt sich dies mit Ihren Erfahrungen?

Ja, aber auch dazu gibt es verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen. Sicher ist, dass Frauen eher auch mit Kommentaren versehen werden, welche ihr Aussehen, ihre Kleidung etc. betreffen als Männer. Frauen treten auch oft mit weniger Selbstvertrauen auf nach aussen, womit ihre tatsächlichen Fähigkeiten unterschätzt werden. Eine eigene Erfahrung, welche ich bei Anstellungen immer wieder mache ist, dass Frauen in Kaderpositionen bezüglich Lohnforderungen bescheidener auftreten, und in der Folge auch weniger hohe Löhne verhandeln.

Zur Person:

Dr. med. Yvonne Gilli steht seit kurzem der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH mit rund 40 000 Mitgliedern vor. Zuvor machte sie in der Politik Karriere. Diese begann im Jahr 2000 im Wiler Stadtparlament, von 2004 bis 2007 gehörte die Grüne dem St. Galler Kantonsrat an, bevor sie als Nationalrätin bis 201 5 in die eidgenössische Politik wechselte. Die 64-Jährige Mutter dreier Kinder gilt auf Bundesebene als politisch gut vernetzt.