Schon beim Eintritt in den Saal fiel es auf: Die Bühne war kaum wieder zu erkennen. Jolanda Würth und Katharina Honegger hatten die sonst eher etwas kalt wirkende Bühne mit grauen Filzstellwänden voller Sterne und Adventskränzen in eine warme, adventliche Stimmung verwandelt. Viele Kerzen, auf ganz besondere Weise aufgestellt, vervollständigten die festliche Atmosphäre. Die Tische, von den restlichen Frauenvereins-Vorstandsmitgliedern mit viel Liebe zum Detail geschmückt, sahen ebenfalls sehr einladend aus. Und Mandarinen und Schoggikugeln sowie ein gebackener Stern deuteten an, dass man später noch bei Speis und Trank verweilen könne.


Duo «Doppel-Hack»

Emanuel Krucker aus Bichwil und seine Partnerin Barbara Bösch beglückten mit ihren beiden Hackbrettern mit mal zarten, dann wieder stark akzentuierten Melodien. Der Hackbrettspieler komponiert gerne selber Stücke für sein geliebtes – und gut studiertes! – Instrument. Wie praktisch ist es da, dass seine Freundin auf das Instrument bezogen die gleiche musikalische Vorliebe hat!

Schon der «kleidertechnische» Auftritt war eine Freude. Frische, junge Menschen in Tracht, was zeigt, dass sie sich der heimischen Tradition verbunden fühlen. Doch einfach da stehenbleiben, wo alles schon gesagt, gespielt und überliefert ist, das ist dann doch nicht ihr Ding. Anklänge an bekannte Melodien – etwa das «Alpenglühen» der Streichmusik Alder – liessen aufhorchen, waren jedoch immer in ein neues, eigenes «Kleid» gesteckt. «Auf der Rodelbahn» liess beim Zuhören fast schwindlig werden, so eine rasante Abfahrt hat es eben in sich. Aber auch ganz eigenwillige Titel wie «Irish Cobolds» – man sah die Kobolde geradezu Unsinn machen! – oder ein Stück mit hörbarem Pferderennen über die Hügel des Juras zeigten, dass der junge Künstler bereits eine eigene Handschrift hat.

Immer wieder gab es «mollige» Zwischenstücke, was gerade für die Appenzeller Musik ja besonders typisch ist. Die Beiden boten als eingespieltes Duo hochstehende Musik. Dabei verblüffte Barbara Bösch, die keine ausgebildete Musikerin ist, mit ihrem feinen, auf Kruckers Tonsätze eingestellten Spiel. Die Beiden wechselten sich auch immer wieder in der Melodienführung ab.

Auf Emanuel Kruckers Webseite kann dessen künstlerischer Werdegang nachgelesen werden. Gerade hat er seinen Master in Schulmusik II abgeschlossen. Seit einigen Jahren kann dieses anspruchsvolle Instrument glücklicherweise auch an der Hochschule für Musik in Luzern studiert werden. Es hat sozusagen den Eingang in den «Musikhimmel» gefunden, nach vielen Jahren des quasi Eingesperrtseins in die Sparte Volksmusik.

Auf das Publikum zugeschnittene Geschichten

Marianne Pessina hatte viel Zeit investiert, um den Frauen kluge, am liebsten sogar etwas humorvolle Advents-Geschichten herauszusuchen. Fündig wurde sie beim ehemaligen Radiomoderator Jörg Stoller. Drei Geschichten übernahm sie aus dessen Fundus. Ob Christbaum-Demo im Kobelwald, Aufstand in der Guetzlikiste oder eben ein Zackenbruch an einem Schneeflöcklein – immer ging es dabei ums Ausgeschlossensein wegen kleiner, unwichtiger Schönheitsfehler.

Marianne Pessina hat die Geschichten aber nicht einfach so übernommen, sondern diese erst im SRF-Archiv nachgehört, darauf alles in ihren Thurgauer Dialekt umgeschrieben, ein wenig auf lokale Verhältnisse angepasst und schliesslich auf unnachahmliche Weise vorgetragen.

Wer mag, kann die ursprünglichen Geschichten auch hier selber nachhören – im Berner Dialekt.

Zum Nachdenken anregend

Die vier Geschichten hatten alle eine Botschaft. So wurde im Text «Auf der Suche» – aus dem Buch «Adventsmümpfeli» von Kamil Krejci – die Weihnachts-Geschichte aus Sicht von Schafen erzählt. Die Hirten waren bereits weg, sogar die Hirtenhunde, darum übernahm ein Schafbock das Kommando. Aufregung höchsten Grades! Und das alles wegen eines Kindes, das irgendwo geboren worden sein soll! Man stelle sich vor: 2375 Schafe, junge und alte, machen sich auf den Weg, Chaos vorprogrammiert! Trotz «Disziplin! Disziplin!»-Rufen rennt alles durcheinander. Leider finden sie das Kind trotz langer Suche dann doch nicht. Frage an die Zuhörerschaft: Haben vielleicht Sie das Kind gefunden?

Chaos in der Guetzlikiste

Geschmunzelt werden konnte bei der Geschichte «Mobbing in der Guetzli-Trucke». Wie sich da die einzelnen Sorten doch gegenseitig das Leben schwermachen konnten! Die Spitzbuben brauchten Platz. Was macht man da? Man schubst alles zur Seite, was im Wege steht. Da nützt es wenig, dass die Änis-Chräbeli schlichten wollen. Es geht wirklich zu wie im wirklichen Leben. Bis die Büchse zu Boden fällt, alles zerdrückt, zertrampelt oder schmutzig wird. Bei der Neuauflage der Backarbeit geht es dann richtig gesittet zu und her. Alle haben ihre Lektion gelernt. Wenn das nur immer so einfach wäre!

Wenn ein Zäcklein fehlt

Sogar unter Schneeflöcklein gibt es scheinbar eine Hierarchie. Da gibt es die Frechdachse, die gerne ahnungslose Velofahrer erschrecken, wenn sie sich auf deren Helm stürzen. Da gibt es ein ausgesprochen hübsches Flöckli, daneben aber auch ein verschupftes, armes Ding, welchem zwei Zäcklein fehlen. Da wollte man es nicht abfliegen lassen. «Auf dich wartet bestimmt niemand!» bekommt es zu hören. Doch irgendwann darf es doch von der Wolke hin zur Erde fliegen. Es landet genau auf einem Christbaum, glänzt und freut sich. Gibt es ein grösseres Glück?

Christbaum-Demo

Bei Jörg Stoller demonstrieren die verschiedenen Baumparteien auf dem Belpberg, bei Marianne Pessina im Kobelwald. Aber die Aussage ist bei beiden Geschichten genau die gleiche: Alle plustern sich auf, finden sich selber am besten. Doch ein kleines Tännchen bleibt aussen vor, ist halt nicht besonders grad gewachsen. Dabei wäre es so gerne auch ein Weihnachtsbäumchen. Ganz kurz vor Torschluss – sprich Schluss des Weihnachtsbaum-Marktes – kommt ein Vater mit seinem Buben vorbei. Letzterem gefällt das Bäumchen. Nun darf es sich wie im Christbaumhimmel fühlen, denn es wird reich geschmückt und darauf von allen bewundert. Unweigerlich kam einem das Gleichnis von den Arbeitern im Rebberg aus der Bibel in den Sinn, in welchem es heisst: «Die Letzten werden die Ersten sein.» Zusammenhänge mit aktuellen Parteien und Situationen sind hier vermutlich absolut gewollt! 

Geselliges Beisammensein

Mit grossem Applaus wurden die Erzählungen und die festliche Musik verdankt. Marianne Pessina bedankte sich ihrerseits bei allen, die zum guten Gelingen dieses feierlichen Abends beigetragen hatten. Ihr Mann Daniel hatte es gar auf sich genommen, im kalten Kabäuschen der Technik für den guten Ton zu sorgen. Darauf durften sich alle an einem feinen Teigstern, Mandarinen oder Schokoladenkugeln und einem Tee oder Kaffee gütlich tun. Das gemeinsame Gespräch kam dabei nicht zu kurz. Draussen schneite es unterdessen, genau die passende Kulisse für so einen Advents-Anlass.