Was versteht man unter dem Begriff?

Jedes Denken braucht ein Fundament. Doch der Fundamentalismus lässt gerade ein eigenständiges Denken nicht zu. Diese Ausrichtung ist vor allem eine Männersache, hat patriarchale Strukturen und wünscht sich eine Ordnung aus der Vergangenheit zurück, in welcher noch alles klar und übersichtlich war. Dies gilt für viele Bereiche des Lebens, so auch die Politik, die Wirtschaft, die Wissenschaften, ja das Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Die „gute alte Zeit“ wird verklärt, die pluralistische Gesellschaft zum Feindbild erklärt – und damit auch die so Denkenden. Rigide Moral und Disziplinierung nach innen und im Gegenzug Abschottung nach aussen gehören zu den Merkmalen dieser Denkrichtung. Unversöhnlichkeit gegen Andersdenkende, eine Verengung der Sichtweise auf Probleme der Gegenwart und fehlende Dialogbereitschaft kennzeichnen den Fundamentalismus. 

Abrahamitische Religionen besonders anfällig

Judentum, Islam und Christentum gehören zu diesen Religionen. Auf Krisen der heutigen Gesellschaft gibt es für diese Gruppierungen nur eine Lösung: Rückbesinnung auf die alten Werte in einer Zeit der Verluderung der Sitten. Allerdings gibt es diese Strömungen durchaus auch im Hinduismus – in Indien schürt Präsident Narendra Modi Hass gegen Andersgläubige – oder auch im als friedlich geltenden Buddhismus, wie das Beispiel Myanmar mit der Vertreibung von Hundertausenden muslimischer Rohingyas zeigt. Frauen sollen aus der Öffentlichkeit verschwinden, möglichst unsichtbar sein, die Gleichstellung rückgängig gemacht werden.

Fundamentalisten verstehen sich als „Krieger Gottes“, wollen ihn wenn nötig auch mit dem Schwert verteidigen, da sie ja als Einzige zu wissen meinen, was richtig ist. Sie haben ein ausgeprägtes „Krisenbewusstsein“, besonders feine Antennen für alles , was ihrer Meinung nach falschläuft. In allen drei Religionen ist eine Richtung hin zur Restaurierung der alten Ordnung auszumachen, man möchte Re-Islamisieren, Re-Judaisieren, Re-Christianisieren, wenn nötig auch mit brachialer Gewalt.

Gerade viele evangelikale Gemeinden in den USA pochen auf wörtliche Auslegung der Bibel. Sie legen die Bibel quasi in Ketten, samt Vorhängeschloss. Zweifel sind des Teufels, selber denken verboten. TV-Pfarrer haben grossen Einfluss, um sie scharen sich die „Schäfchen“. Und doch findet Arens, dass in den USA die Zivilgesellschaft eine grosse Kraft hat, gerade weil Kirche und Staat getrennt sind.

Einsatz neuester Technologie

Der Einsatz der neuesten Technologie – soziale Medien, Internet und was zur weltweiten Verbreitung einer Idee beitragen kann – wird für die Verbreitung der Philosophie genutzt, das ist kein Problem. Kulturelle Errungenschaften werden dagegen heftig bekämpft. Diese Bestrebungen sind sowohl auf der politischen wie auch der religiösen Ebene wieder auf dem Vormarsch. Die Rettung kann nur durch Rückbesinnung gelingen, die alten Werte müssen wieder Vorrang haben. Autoritäten sind unangreifbar, Zweifel verboten.

Religion wird in unserer Gesellschaft heute zunehmend privat und immer weniger sichtbar. Der Referent machte eine Art Gegenüberstellung zwischen von ihm als „Bastelreligionen“ bezeichneten und fundamentalistischen Religionsgemeinschaften. Letztere wollen sichtbar sein. Sie drängen sich in den Vordergrund, haben knallharte Programme, die keine Abweichung dulden. Es gibt hier kein „Auswahlmenü“. Die private Religiosität sucht sich dagegen aus den verschiedensten Richtungen das heraus, was in das eigene Denkgefüge passt. Und dagegen kämpfen die Fundamentalisten dann an…

Traditionen bewahren

Religionsgemeinschaften wie die Quäker, Mennoniten, Amishen – Nachkommen vertriebener Wiedertäufer gerade auch aus der Schweiz – haben sich über die Jahrhunderte ihre traditionelle Lebensweise bewahrt. Sie zählen nicht zu den Fundamentalisten, auch wenn sie grosse Skepsis gegen viele Neuerungen haben.

Der nächste Bildungsabend – Mittwoch, 20. Juni 2018 - findet wieder um 19:30 Uhr im evangelischen Kirchgemeindehaus statt. Dann wird der politische Fundamentalismus behandelt werden. Referentin: Dr. Jeannette Behringer, Politologin und Ethikerin, Fachbereich Gesellschaft und Ethik der reformierten Landeskirche Zürich. 

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