Anspruchsvolles Unterfangen

Jugendliche von heute sind es gewohnt, mit elektronischen Medien umzugehen. Sie wissen, wie man eine Power-Point-Präsentation gestaltet und haben gelernt, wirkungsvoll Bilder einzusetzen. Doch bis jetzt war eine Planung über einen derart langen Zeitraum noch kaum verlangt. Verschiedene Jugendliche berichteten freimütig, dass sie nicht immer sofort auf ein passendes Thema gestossen seien. Es gab Anfänge, die verworfen wurden, Themen, die dann doch nicht passten oder auch die Erkenntnis, dass dieses Thema nun doch nicht das Richtige sei. Diese Phase brauchte denn auch Zeit. Das kam gleich bei mehreren Präsentationen zum Ausdruck, natürlich auch die Tatsache, dass auch Jugendliche eine Aufgabe gerne vor sich herschieben, genau wie das die Erwachsenen oft auch tun. Und so verwundert es nicht, dass von manchen Schülerinnen und Schülern von einem hektischen Schlussspurt zu hören war.

Arbeit über einen längeren Zeitraum

Als Vorbereitung auf die Berufswelt wird in Oberuzwil von Schülerinnen und Schülern der 3. Oberstufe eine Projektarbeit verlangt. Die Themenfindung und Grobplanung wird im zweiten Quartal aufgegleist. Dazu wird den Jugendlichen eine umfangreiche Planungshilfe abgegeben. Die Lehrpersonen stehen ebenfalls unterstützend zur Seite. In vier Unterbereichen – Arbeitsprozess (Planung, Engagement, Projektjournal, Zielerreichung), Dokumentation (Gestaltung, Inhalt/Leitfrage, Eigenleistung, schriftlicher Ausdruck), Produkt (Gestaltung/Form/Funktion, Eigenleistung, Qualität) und Präsentation (Zielvorgaben, Inhalt, Einleitung und Schluss, mündlicher Ausdruck, Auftreten, Hilfsmittel) – wird eine Arbeit systematisch geplant und durchgeführt. Am Schluss soll ein Produkt vorgestellt werden, sei dies nun ein Gebrauchsgegenstand, eine neue Erkenntnis in Buch- oder Broschürenform oder eine künstlerische Eigenleistung – etwa ein neuer Tanz, ein selbstkomponiertes Lied. 

Gefragte Kompetenzen

Eine derartige Arbeit verlangt viel von einem jungen Menschen. Alle Kompetenzen sind gefragt, heisst es doch, die Vorgaben der Lehrerschaft erst einmal durchzulesen, genau zu verstehen und darauf auch umzusetzen. Doch Lesen allein genügt nicht. Für die schriftlichen Vorgaben braucht es Sicherheit in der deutschen Sprache sowie einen guten Wortschatz. Weiter sind Ausdauer und Eigenantrieb vonnöten. Auch eine gute Sozialkompetenz ist erwünscht, gerade dann, wenn man Interviews zu einem gewählten Thema machen möchte und dazu möglicherweise auf bis anhin unbekannte Menschen zugehen sollte. Dazu gehören aber auch gestalterische Fähigkeiten, um eine ansprechende Dokumentation gestalten zu können. Je nach Thematik ist auch Mathematik in all ihren Ausprägungen hilfreich, gerade wenn es um Umfragen geht. Nicht vergessen werden darf zudem die grosse Anspannung, welche eine solche Präsentation mit sich bringt, kann man sich da doch nicht verstecken, sondern muss sich mit seinem Werk vor der Klasse, den Angehörigen und möglicherweise auch völlig unbekannten Menschen zeigen.

Grosses Themenspektrum

Verschiedene Sekundarschüler und –schülerinnen benutzten den Singsaal, um dort entweder selbstkomponierte Songs vorzustellen oder mit einer Tanzperformation zu verblüffen. Es wurden aber auch handwerklich hergestellte Gegenstände wie eine Chügelibahn aus Altmetall, eine Seifenkiste oder ein Palettensofa oder gar ein Balkenbett mit dem Zusatz „selfmade“ (selbstgemacht) ausgestellt und über deren Werdegang berichtet. Überhaupt scheint Handwerkliches hoch im Kurs zu sein. Mopeds wurden restauriert, Kleider aufgemotzt oder eine Ständerlampe aus Massivholz angefertigt. Für ein soziales Label entwarf ein Mädchen T-Shirts, welche in einem professionellen Shooting auf die Bühne gebracht worden waren. Der Erlös geht an eine Schule in Afrika. 

Über die eigene Geschichte nachdenken

Gleich mehrere Jugendliche hatten eine eigene Erfahrung, sei dies Mobbing oder Krankheit, als Thema für ihre Arbeit genommen. So war es sehr berührend, einem jungen Mädchen zuzuhören, welches von schlimmen Mobbingerfahrungen in Italien berichtete. Ursprünglich lebte die Familie in Mazedonien. Niemand half dem Mädchen. Doch hier in Oberuzwil fand es Akzeptanz, dankte auch seinen Klassenkameradinnen und –kameraden mit bewegenden Worten für die Unterstützung, die es hier bekommen habe. Es war nicht leicht, beim Zuhören die Tränen zurückhalten zu können. 

Post inside
Arta verarbeitete ihre schlimmen Mobbing-Erfahrungen in Italien in einem kleinen Büchlein…
Obwohl das Mädchen erst zwei Jahre hier zur Schule geht, stellte es sein Thema – mit Unterstützung seiner Lehrerin Verena – in sehr gutem, verständlichem Deutsch vor. Es hat ein Geschichtenbuch aus seiner Jugend gestaltet, in welchem es Bilder von Fotos aus der Kindheit sorgfältig abgezeichnet hatte. Ein Bursche aus der Klasse gab ihr die Rückmeldung: „Ich finde, du hast es perfekt gemacht.“ Hier spürte man, dass das Mädchen in der Oberuzwiler Oberstufe angekommen ist, auch wenn das im Teenageralter alles andere als leicht ist, sind dann doch meistens die Gruppenbeziehungen schon ziemlich fix. 


Post inside
…mit sehr schönen Bildern, die sie nach eigenen Kinderfotos abgezeichnet hatte. Ihre so offen vorgetragene Lebensgeschichte berührte und machte nachdenklich.

Bezug zum späteren Leben

Ein anderes Mädchen aus der Sekundarschule hatte sich etwas ganz Besonderes ausgedacht. Es stellt eine professionell ausgetüftelte und auch ökonomisch genau ausgerechnete Amerikareise vor, welche in ungefähr drei Jahren zur Ausführung gelangen sollte. 

Post inside
Olivia machte mit der Präsentation ihrer geplanten Amerikareise grad Lust aufs Mitkommen...

Auch wenn es den Spruch gibt: „Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.“, so möchte man es doch der jungen Frau gönnen, dass alles klappen wird. Mama wird ja dann auch dabei sein, so ist wenigstens der Plan. Erst gilt es aber, jeden Monat den errechneten Sparbetrag auf die hohe Kante zu legen, damit die Reise Wirklichkeit werden kann... 

Post inside
Olivia hat für ihre Amerikareise auch einen klaren Finanzplan aufgestellt. Jugendherbergen werden vermutlich eher Schlafstätten sein als ein Trump-Tower, aber die Reise wird bestimmt unvergesslich bleiben.

Rätselheft entwerfen

Ein Mädchen aus der Realschule liebt Rätsel lösen derart, dass es dieses Hobby gleich zum Thema seiner Projektarbeit machte. Mit einem Buchstabenchaos-Rätsel stieg es in seine Präsentation ein und animierte die anwesenden Jugendlichen aus der eigenen Klasse zum Nachdenken. Für die schnellste Antwort gab es ein Glückskäferli aus Schokolade – später bekamen auch alle Übrigen ein solches, eine nette Geste an die Klasse. Zehn verschiedene Rätselarten hat sie in ihrem Rätselheft aufgelistet, alle selber herausgefunden und alle auch selber nachkontrolliert. Sie beliess es aber nicht bei je einem Rätsel, sondern entwickelte gleich zwei Unterkategorien, eine leichtere und eine schwierigere Ausführung. Sie betonte, dass sie alles ganz allein herausgefunden habe, kaum im Internet gesucht oder andere Leute um Hilfe angegangen sei. 

Post inside
Selina hatte sich mit dem Aufdruck auf ihrem T-Shirt – GIRL BOSS - gleich selber Mut für die Präsentation ihres Rätselbuches mit lauter selber herausgetüftelten Rätseln gemacht. Kolleginnen und Kollegen konnten zu Beginn selber mitraten.

Kochbücher, Fussball, Fitness

War Kochen bei jungen Leuten viele Jahre nicht besonders gefragt, ist in den letzten Jahren ein eigentlicher Kochrausch ausgebrochen. Ein Mädchen präsentierte sein selbst erstelltes Kochbuch mit dem Titel „Gesund essen“, während ein anderes „Apéro-Rezepte, lactosefrei, vegan, normal“ vorstellte. Da war von „Heraustüfteln, neu rezeptieren, der Familie vorstellen, Rückmeldungen einholen, geniessen“ die Rede. Dabei fand sie heraus, dass vegane Küche sehr viel Zeit und auch Finanzkraft braucht. 

Post inside
Die ganze Familie half mit, Ruths kreierte Rezepte zu kosten und darüber ein Urteil abzugeben.

Gerade junge Burschen aus südlichen Ländern begeistern sich für Fussball. So kam vermutlich eine ganze Schulklasse in den Genuss einer Trainingseinheit, die ein Schüler unter dem Titel „Meine Fussballskills für eine Trainingseinheit im Turnen nutzen“ sich ausgedacht hatte. Der Umfang aller Präsentationen übersteigt die Möglichkeiten eines Artikels bei Weitem. Alle Thementitel können jedoch auf der Homepage der Oberstufe Oberuzwil nachgelesen werden. 

Post inside
Da war Hamdo noch ganz entspannt, sogar richtig „cool“, doch mit der Präsentation über die Unterschiede zwischen der Schweiz und Ex-Jugoslawien kam dann doch ziemliche Nervosität auf.

Unterschiedliche Unterstützung

Verschiedene Jugendliche dankten am Schluss ihrer Präsentation der begleitenden Lehrperson, aber auch Eltern und Geschwistern für die Unterstützung. Das hilft natürlich, wenn man nicht allein vor einer so grossen Aufgabe steht. Laut Aussagen von Lehrpersonen haben aber nicht alle Buben und Mädchen in dieser wichtigen Phase ihres Lebens – Schulabschluss, vielleicht noch keine Lehrstelle, Pubertät – sich auf eine derartige Begleitung einlassen können und deshalb vielleicht wichtige Punkte bei der Beurteilung nicht erreicht.

Post inside
Ruth - hier mit ihrem Lehrermentor Pascal Germann - liess ihre Familie die selbst entwickelten kulinarischen Köstlichkeiten geniessen - hörte aber auch auf deren Einwände und wandelte da und dort die Rezeptur ab. Das Kochbuch könnte glatt verkauft werden...

Nicht alle Eltern sind zudem in der Lage, ein derart anspruchsvolles Projekt auch zu unterstützen. Doch haben bestimmt ausnahmslos alle Beteiligten viel über ihr gewähltes Thema gelernt. In weiterführenden Schulen oder auch in einer Lehre werden weitere solche Projektarbeiten verlangt werden, da ist es gut, wenn man schon einmal daran wenigstens geschnuppert hat…

http://www.schulen-oberuzwil.ch/xml_1/internet/de/application/d85/f88.cfm