Man kann Abwasser deutlich besser reinigen, als es die angejahrten Kläranlagen von Wil, Jonschwil, Zuzwil und Uzwil heute können. Alle Kläranlagen sind sanierungsbedürftig. Die Anlage in Wil muss zudem zwingend mit einer zusätzlichen Reinigungsstufe versehen werden, die chemische Schadstoffe, sogenannte Mikroverunreinigungen entfernt. Für die Region war das die Ausgangslage. Eine Strategiestudie des Kantons sah bereits im Jahr 2012 den Weg einer regionalen Anlage. Weil sie bedeutende ökologische Vorteile hat, insbesondere aus Sicht des Grundwasser- und Gewässerschutzes in der Thurebene. Und – so die damalige Annahme – auch wirtschaftlicher ist. Die Gemeinden Jonschwil, Wil, Zuzwil sowie Uzwil und Oberuzwil haben sich deshalb 2016 auf den gemeinsamen Weg gemacht. Um zu analysieren, Varianten zu prüfen, Entscheidgrundlagen aufzuarbeiten und Weichen zu stellen.

Entscheidgrundlagen

Damit die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger über ein derart komplexes und finanziell aufwändiges Infrastrukturprojekt auf der Basis gesicherter Entscheidgrundlagen abstimmen können, musste eine Vielzahl technischer, betrieblicher, organisatorischer, finanzieller und rechtlicher Fragen beantwortet sein. Rund zwei Mio. Franken und tausende von Planer- und Expertenstunden mussten dafür investiert werden. Geprüft wurde nebst der regionalen Lösung auch die Variante der Alleingänge: Jede ARA bleibt und wird saniert. Die Arbeiten an der regionalen ARA sind mit der Stufe Vorprojekt nun abgeschlossen, die Entscheidgrundlagen parat. Ein aufwändiger Weg liegt im Rückspiegel.

ARA Thurau

Herzstück der regionalen Lösung ist eine neue Kläranlage «ARA Thurau» auf dem Areal der heutigen Anlage in Niederuzwil. Sie hat dort Platz für die ganze Region. Anlagenteile, welche in Sachen Geruchsbelästigung kritisch sein könnten, werden unterirdisch angeordnet oder eingehaust, die Abluft gefiltert. Die Anlage erhält eine vierte Reinigungsstufe, welche dem gesamten Abwasser der Region die Mikroverunreinigungen entzieht. Die «ARA Thurau» kann in 30 Jahren auf demselben Areal, sollte das erforderlich sein, für nächste Generationen nochmals deutlich erweitert werden. Der Standort funktioniert langfristig. Schlüssel dafür ist, dass die Becken der bestehenden Kläranlagen in Jonschwil, Wil und Zuzwil als wesentlicher Teil des künftigen Gesamtsystems weiterverwendet werden. Um Abwasser zu puffern, etwa bei Starkregen oder bei Havarien. Das sorgt dafür, dass weniger Abwasser ungereinigt in die Umwelt gelangt. Zuleitungsbauwerke führen das Abwasser nach Niederuzwil. Diese Kanäle verlaufen ausserhalb der Grundwasserschutzgebiete. Ihre Lebensdauer ist auf 80 bis 100 Jahre ausgelegt. Der Kanton St. Gallen begrüsst diese regionale Gesamtlösung ausdrücklich.

Ökologischer Quantensprung

Das Projekt ist ein ökologischer Quantensprung für die Region. Was heute Stand der Technik ist, kann die Anlage meistern. Grössere Anlagen können ohnehin bessere Reinigungswerte erzielen, laufen stabiler und erfüllen damit ihren Zweck besser als einzelne kleinere Anlagen. Das gesamte Abwasser der Region – nicht nur das einzelner Kläranlagen – wird im Projekt von der vierten Reinigungsstufe von Mikroverunreinigungen befreit. Weil zwischen Wil und Uzwil kein gereinigtes Abwasser mehr in die Thur gelangt, sind der Fluss und der angrenzende Naturraum mit seinen wichtigen Grundwasser- und Trinkwasserfassungen besser geschützt. Insbesondere sind die neun Grundwasserfassungen zwischen Wil und Niederuzwil nicht mehr von Mikroverunreinigungen betroffen.

28,5 Mio Franken günstiger

Die Investitionskosten für die regionale Gesamtlösung belaufen sich ohne Landerwerbe und nach Abzug der Subventionen für die vierte Reinigungsstufe auf rund 120 Mio. Franken. Müssten die vier ARA der Region separat erneuert und allein weiterbetrieben werden, müssten sie für insgesamt über 123 Mio. Franken erneuert werden. Die Investitionskosten von regionaler Lösung und Alleingängen sind entsprechend etwa gleich hoch, obwohl bei der regionalen Lösung in die Zulaufbauwerke investiert werden muss. Anders sieht die Welt beim Blick in die nächsten Jahre aus. Die kumulierten Jahreskosten für Betrieb, Erneuerungen, Abschreibungen und Kapitalkosten sind über den Beobachtungszeitraum von 20 Jahren beim Zusammenschluss insgesamt rund 28,5 Mio. Franken tiefer als bei den Alleingängen. Auch künftige Ersatzinvestitionen sind zentral günstiger als in dezentrale Anlagen. Ein Versprechen für die Zukunft. Alle angeschlossenen Gemeinden partizipieren angemessen am finanziellen Gesamtnutzen, für alle Gemeinden wäre der Alleingang teurer.

Standortgemeinde Uzwil

Die «ARA Thurau» bringt der Standortgemeinde verschiedene Vorteile wie Arbeitsplätze, Aufträge an lokale Unternehmen, allenfalls auch die Übernahme des dort produzierten Biogases als erneuerbare Energie ins lokale Gasnetz der Technischen Betriebe. Dennoch bringt eine regionale Kläranlage auch Nachteile mit sich. In der Gesamtbetrachtung der Regionsgemeinden rechtfertigt sich deshalb ein Standortbeitrag an die Gemeinde Uzwil. Er beläuft sich auf fünf Mio. Franken und wird Uzwil in 20 Jahrestranchen zu 250‘000 Franken überwiesen. Zu finanziellen Vorteilen für Uzwil führt auch, dass die Gemeinde der Region das Standortgrundstück zu Marktpreisen verkauft.

Der Verband investiert

Das neue Gesamtsystem mit der «ARA Thurau», den neuen Zulaufkanälen und den Investitionen in die dezentralen Anlagen im Einzugsgebiet wird vom neu zu gründenden Abwasserverband gebaut und finanziert. Er beschafft das erforderliche Kapital am Markt. Die Gemeinden leisten keine Investitionsbeiträge. Betrieb, Abschreibungen und Kapitalkosten werden unter den beteiligten Gemeinden jährlich aufgeteilt.

Demokratische Entscheide

Nun liegt der Ball bei den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern, zuerst bei denjenigen der Standortgemeinde Uzwil. Sie befinden am 15. Mai über das Vorhaben. Parallel befasst sich das Wiler Stadtparlament mit der Thematik. Die Abstimmungen in Wil, Oberuzwil, Jonschwil und Zuzwil erfolgen im November 2022 – die Zustimmung in Uzwil vorausgesetzt. Die Verantwortlichen aller involvierten Gemeinden zeigen sich überzeugt: Die regionale Lösung, die Zusammenarbeit über die Gemeindegrenzen hinaus, ist eine Investition in die Zukunft und hat grosse Vorteile für Natur, Mensch und Portemonnaie.