Von der Terrasse zwischen der St.Nikolauskirche und dem Kirchplatz-Schulhaus eröffnet sich den Betrachtern an schönen Tagen ein grandioser Blick auf die Berge des Alpsteins. Ungefähr an jener Stelle lebte und wirkte einst eine Gruppe besonderer Frauen. Gläubige Menschen gehen heute davon aus, dass die Verstorbenen in eine glückselige Ewigkeit aufgenommen werden. Die Menschen im Mittelalter waren sich diesbezüglich keineswegs sicher. Leicht konnte man für lange Zeit ins Fegefeuer geraten oder gar der ewigen Verdammnis anheimfallen.

Manche Verblichenen irrten auch als unerlöste Seelen umher und erschreckten und quälten die Menschen im Diesseits. Um nicht zeitweiligen oder ewigen Qualen ausgesetzt zu sein, war es wichtig, dass nach dem Tod von Lebenden für das Seelenheil gebetet wurde.

Fürbitte bei Gott
Speziell für Verstorbene ohne Angehörige legte niemand bei Gott Fürbitte ein – für Menschen in den vergangenen Jahrhunderten eine Horrorvision. Für eine Spende konnte man in Wil bei frommen Frauen diese Bittgebete in Auftrag geben. Sie hiessen Samnung und lebten zeitweise in einem Haus neben der Stadtkirche St. Nikolaus.

Einfache Erscheinung
Samnung sowie Sammnung sind alte Schreibweisen von Sammlung, in diesem Zusammenhang ist eine Besammlung oder Gemeinschaft von Frauen gemeint. Sie lebten klosterähnlich, waren aber keine Nonnen im eigentlichen Sinn. Sie waren dennoch an ihrer Kleidung als Angehörige einer religiösen Gemeinschaft erkennbar. Sie wurden als „gewylete“ (schleiertragende) Frauen bezeichnet. Ihre Röcke, Umhänge, Schuhe und Kopfbedeckungen hatten einfach und ungefärbt zu sein.

Sie versprachen sich für eine gewisse Zeit in ihrem Leben an bestimmte Regeln im Alltag zu halten, legten aber keine ewigen Gelübde ab. Sie hatten sich zu einem Leben in der Nachfolge Christi verpflichtet.

Gäste beherbergen
Sie hatten beispielsweise täglich sieben Mal Gebete zu verrichten. Sie wurden bezüglich der Einhaltung der Regeln von höhergestellten Geistlichen visitiert. Durch diese Inspektionsberichte weiss man heute genaueres über die Lebensweise dieser Frauen. So ist etwa bekannt, dass sie für einige Tage Gäste in einem eigenen Zimmer in ihrem sogenannten „Gotteshüsli“ beherbergen konnten.

Die durch die Reformation aus St. Gallen vertriebenen Dominikanerinnen sollen anfänglich vorübergehend in der Samnung gelebt haben. Später diente es auch den Kapuzinern als erste Unterkunft in Wil.

Erziehung und Pflege
Die Angehörigen dieser Frauengemeinschaft waren entweder unverheiratet oder verwitwet. Sie hatten kaum persönlichen Besitz und sorgten durch Arbeit für ihren eigenen Unterhalt. Dies waren in der Regel Krankenpflege, Sterbebegleitung, Leichenwäsche sowie auch Erziehung und Textilhandwerk.

Wie bereits erwähnt, war die Fürbitte für die Verstorbenen und die Anwesenheit bei Beerdigungen eine weitere wichtige Aufgabe. Oft wurden sie auch als Patinnen gewählt. Wahrscheinlich erhoffte man sich durch ihr gottgefälliges Leben eine segensreiche Wirkung auf das Patenkind. Öfters waren einzelne Samnung-Frauen auch bei Bürgerfamilien zum Essen eingeladen.

Spirituelles Gewicht
Diese Frauen wurden und werden insgesamt als Beginen (siehe Infokasten) bezeichnet. Derartige Gemeinschaften bestehen bis heute. Die auch gebräuchlichen Bezeichnungen Seelfrauen oder Seelschwestern drücken ihre Aufgabe in der mittelalterlichen Gesellschaft leichter verständlich aus, sie waren für das Seelenheil zuständig. Übrigens gab es derartige Männergemeinschaften mit dem Namen Begarden.

Zum Teil stammten die Samnung-Frauen aus Oberschicht-Familien, etwa aus Adelsgeschlechtern oder Patrizierfamilien. Sie wählten aus ihrer Reihe eine eigene Vorsteherin.

Ursprünge in Flandern
Erste urkundliche Erwähnungen dieser Frauengemeinschaften lassen sich um 1180 in Lüttich nachweisen (siehe Infokasten). Später entstanden in verschiedenen Regionen Mitteleuropas derartige Gruppen.

Für die Historikerin Dr. Magdalen Bless-Grabherr, die vor längerer Zeit die Ergebnisse ihrer Forschungen zu den Wiler Samnung in einem Vortrag in Wil erläuterte, weisen diese Gemeinschaften auch auf einen damals grossen Mangel an Plätzen in Frauenklöstern hin.

Attentat entgangen
In Wil findet sich die erste urkundliche Erwähnung der Gemeinschaft im Jahr 1284. Ursprünglich soll sie neben der Kirche St. Peter gelebt und gebetet haben. Dort war damals ein Friedhof. Da sie für die Verstorbenen zuständig waren, ist diese Nähe naheliegend.
Aus Sicherheitsgründen verlegten sie später ihren Sitz in die wehrhafte Altstadt, wo sie eine eigene Kapelle hatten, die an St. Nikolauskirche angrenzte. Während der Appenzeller Kriege sollte die ursprüngliche Samnung bei St. Peter angezündet werden, die Wiler Schützen vereitelten diesen Anschlag.

Ab 1448 lässt sich das Samnung-Haus in den städtischen Steuerregistern in der heutigen Altstadt nachweisen. In ihrer Nachbarschaft stand das Heilig-Geist-Spital, ungefähr dort wo heute das Kirchplatzschulhaus steht. Die Frauen besassen auch einige reservierte Plätze in der St.Nikolauskirche.

Zunehmende Überforderung
In Wil sollten nie mehr als sechs Frauen der Samnung angehören. Diese hatte alle aus einer gemeinsamen Schüssel zu essen. Während den Mahlzeiten wurden ihnen zwei Kapitel aus den Evangelien oder anderen religiösen Schriften vorgelesen.

Wöchentlich bekam jede von ihnen einen Laib Brot. Zum Abendessen einen Viertel Wein. Pro Woche gab es einen Batzen zum Flicken der Kleider.

Vor den Toren der Stadt besassen sie etwas Land, das sie wohl zum Anbau von Gemüse und Obst nutzten. Später schien sich der Landbesitz vergrössert zu haben, in den Dokumenten ist etwa ein Gut in Maugwil vermerkt. Es könnte sich um Schenkungen gehandelt haben, die der Frauengemeinschaft Zinseinnahmen brachte.

Die Beschränkung auf sechs Frauen wurde mit der Zeit immer mehr zur Last, mit zunehmendem Alter fiel es den Frauen schwerer, ihre täglichen Pflichtgebete zu verrichten.

Religiöse Wirren
In den stürmischen Zeiten der Reformation schwenkte der Wiler Rat ab 1529 vorübergehend zum neuen Glauben über. In diesem Jahr soll Huldrych Zwingli in der Stadt aufgetaucht sein und gepredigt haben. Er nahm den Samnung-Frauen ihr Brevier weg und gab ihnen an deren Stelle das Neue Testament. Doch sie beteten weiterhin ihre angestammten Gebete.
Abnahme der Einkünfte

Die damalige Priorin Elisabeth Huber brachte Wertschriften sicherheitshalber ins Kloster nach Rapperswil.

Während vor der Reformation zahlreiche Totengebete in Auftrag gegeben wurden, liessen diese mit den religiösen Veränderungen nach, damit ging auch ein erheblicher Spendenrückgang an die Wiler Samnung einher.

Zusammenschluss mit Dominikanerinnen
Im Jahr 1615 vereinigten sich die Samnung-Frauen auf Geheiss des Abtes Berhard Müller und mit der Bewilligung des Vatikans mit den Dominikanerinnen des Klosters St. Katharina.
Bereits ab dem 14. Jahrhundert lässt sich die Nähe des Wiler Samnung zum Dominikaner-Orden nachweisen, er hatte Beziehungen zum entsprechenden Kloster in Konstanz.

Das verlassene Samung-Haus kaufte die Stadt Wil im Jahr 1756 für 800 Gulden mit der Absicht, darin eine Schule einzurichten. An seiner Stelle entstand 1840 das Kirchplatzschulhaus.
Die Kapelle der Frauengemeinschaft wurde abgebrochen. An ihrer Stelle ist nun die Kirchenterrasse, die einen weiten Blick Richtung Säntis gewährt und gleichzeitig Erinnerungen an eine denkwürdige Phase der Wiler Stadtgeschichte weckt.

Verdacht der Ketzerei
Der Namen Beginen geht auf den flämischen Priester Lambert de Bègue zurück. In der Nähe von Lüttich liess er einige kleine Häuser, eine Kirche und eine Friedhof anlegen. Die Anlage war von einer hohen Mauer umgeben. Die Häuser übergab er Witwen und Jungfrauen. Sie sollten dort täglich ihre religiösen Pflichten verrichten, ein christliches Liebenswerk leben und ein tätiges Dasein führen. In der Folge entstanden ähnliche Einrichtungen in vielen Ländern Europas, was Teilen des damaligen Klerus nicht behagte. Er hängten Bègue auf intrigante Weise eine Klage an.

Der Sittenzerfall beim damaligen kirchlichen Personal hatte ursprünglich dazu geführt, dass Lambert de Bègue eine eigene Form spirituellen Lebens begründete. Er hatte die unethischen Entwicklungen scharf gebrandmarkt. Der Priester galt als guter Redner, der sein Publikum fesseln und überzeugen konnte. Auch nachdem der damalige Papst diese Frauengemeinschaften anerkannt hatte, blieben sie unter kritischer Beobachtung, den Verdacht der Ketzerei wurden sie nie ganz los. Einige Beginen landeten gar auf dem Scheiterhaufen. Dass diese Frauen am öffentlichen Leben teilnahmen und nicht in strenger Klausur lebten, schien nicht überall auf Zustimmung gestossen zu sein.