Diesmal waren die Männer in der Überzahl, um den mit Preisen überhäuften Fussballreporter Marcel Reif im Gespräch mit dem Journalisten Urs Heinz Aerni live zu erleben. Sie waren nicht umsonst gekommen, denn der Abend geriet zu einem Ausflug hinter die Kulissen der Ersatzreligion „Fussball“ und bot beste Unterhaltung. Urs Heinz Aerni - vom Bibliotheksteam bereits als Stammgast begrüsst - lockte Reif mit oft provokativen Bemerkungen aus der Reserve und gab Stichworte zu herausragenden Vorkommnissen aus dieser an Überraschung reichen Zeit als Sportjournalist. Zur Person
Richtig angefressenen Fussballfans muss Marcel Reif nicht mehr vorgestellt werden. Zu sehr sind Gesicht und vor allem seine Reportagen und Kommentare an grossen Matches bekannt. Kein Wunder, liessen sich so viele Männer wie noch nie in die Uzwiler Bibliothek locken, um den grossen Namen auch einmal von Angesicht zu Angesicht zu erleben.

Reif bekannte, dass er eigentlich nie im Leben habe Sportjournalist werden wollen. Angefangen hatte er in London als freier politischer Journalist für das „Heute-Journal“ des ZDF. Da er aber in keiner Partei war und auch noch zu jung für den Posten als Chefreporter bei diesem Fernsehformat, ging der Posten an eine andere Person, was ihn sehr kränkte. Eher überraschend begann er darauf bei RTL als Chefkommentator von Fussballspielen. Fussball habe damals sein Leben gerettet, meinte er lakonisch.

Viele Jahre kommentierte er danach beim Bezahlsender SKY grosse Spiele, bis er letzten Frühling dort den Abschied gab. Sein Credo war immer: „Unabhängig sein, am besten ist es immer, wenn beide Seiten finden, man sei parteiisch.“ Man dürfe niemanden „bedienen“, sich nicht für Vereinszwecke einspannen lassen.

Lebensmittelpunkt Schweiz
Marcel Reif wohnt seit vielen Jahren in Zürich. Obwohl sich Aerni und Reif in Schriftdeutsch unterhielten, konnte doch zwischendrin gut gehört werden, dass der Mann auch Zürcher Dialekt spricht. Seit 2013 ist er nun Schweizer Bürger, hat sogar seine deutsche Staatsbürgerschaft deswegen aufgegeben. Er hat ein waches Auge auf das Geschehen im Schweizer Fussball, was er bei einem Ausflug in die Fussballszene Schweiz auch mit humorvollen Analysen bewies.

Flohzirkus Schweiz?
Marcel Reif wurde gefragt, als er letzten Herbst zum Schweizer Sender TELECLUB wechselte: „Ist es nicht so, wie wenn der Direktor des Zirkus Knie jetzt plötzlich Direktor eines Flohzirkusses würde?“ Doch Reif winkte ab. Er rühmte beispielsweise die nun abgetretene Führung des FC Basel in den höchsten Tönen. Sie hätten sehr klug gewirtschaftet, das erhaltene Geld dafür verwendet, um das Niveau zu halten. Nun habe man dort gemerkt, dass man vermutlich längerfristig nicht unbedingt mithalten könne in der Champions-League, habe darum auch bereits den Club etwas redimensioniert und das Augenmerk vermehrt auf die Förderung einheimischer Talente gelegt -, eine sehr kluge Entscheidung, wie Reif meinte.

Bemerkungen zu Schweizer Clubs
Für Reif sind St.Gallen und Luzern Clubs, die ein tolles Umfeld haben und begeisterungsfähige Fans. Die Grashoppers haben jedoch einfach alles falsch gemacht, was nur falsch gemacht werden kann. Die Atmosphäre bei ihren Matches ist so wie die an einem Gartenfest, das Stadion halbleer, keine Stimmung, nichts. Und Zürich hat nicht einmal ein anständiges Stadion! Die Berner ihrerseits haben viel Geld „verbraten“, wie sich Reif ausdrückte. Und der Kunstrasen dort ist seiner Meinung nach eine Katastrophe.

Anfeindungen
Fussballkommentatoren sind der Kritik ganz besonders ausgesetzt, schliesslich sitzen zuhause an den Bildschirmen ja lauter Experten, die genau sehen, was vor sich geht – und dabei vergessen, dass der Mann in oder vor der Kabine niemals so nahe am Geschehen ist wie sie selber. Reif hat viele Anfeindungen erlebt, ihm wurde Parteilichkeit vorgeworfen, aber von beiden Seiten der Partie, was die ganze Sache wieder relativiert. Reif hat gelernt, damit umzugehen, aber man spürte dennoch eine verständliche Kränkung über solche Vorgänge heraus.

Wenn ein Klick auf dem elektronischen Gerät über GUT oder SCHLECHT urteilt, und das selbstverständlich anonym, dann hat man wenig Möglichkeiten, da dagegen zu halten. Der Mann betonte, dass ihn ehrliche Kritik zum Nachdenken anrege und er sich der auch gerne gestellt habe. Dass ihn die Dortmunder als „Bayernsau“, die Bayer dagegen als „Bayernhasser“ betitelt hätten, zeige doch, dass er keine Partei ergriffen habe. Eine Partie schönreden habe er ebenfalls nie können - entweder das Spiel war toll oder eben langweilig.

Auf Fussballreporter haben menschliche Bedürfnisse…
Urs Heinz Aerni sprach Marcel Reif auf Pleiten, Pech und Pannen an und wollte da ein ganz bestimmtes Erlebnis hören. Gebannt wartete die Zuhörerschaft nun auf die Enthüllungen. Beim Zuhören wurde schnell klar: Es gibt leichtere Aufgaben als die eines Fussballkommentators. Laut Reif ist meistens einer allein für die ganze Reportage verantwortlich. Da muss ein ganzes Spiel ohne Unterbruch kommentiert werden. So war dies auch der Fall 1994, an der Fussball-WM in Los Angeles/Pasadena im berühmten Rose Bowl-Stadion beim Spiel Brasilien-Italien. Hier waren denn auch die Sicherheitsvorkehrungen derart rigoros, dass ein schnelles Hinaushuschen undenkbar war.

Das Stadion hat kein Dach, so musste wegen der Zeitverschiebung - damit Europäer zu passenden Ausstrahlungszeiten mitfiebern konnten - in der prallen Mittagssonne gespielt und natürlich auch kommentiert werden. In solchen Situationen ist es lebenswichtig, immer viel zu trinken. Und wer viel trinkt, hat auch nachfolgende Bedürfnisse. Da kann es schon einmal eng werden. Wie eng, schilderte der Kommunikationsprofi darauf auf fast schmerzhafte Weise.

Oh nein! Da sitzt ja Pele!
Das Gefühl kennen alle: Irgendwann ist es so weit, dass man einfach nur noch muss, komme was wolle. Marcel Reif sah in diesem Augenblick keine andere Möglichkeit, als nun seine übervolle Blase einfach an die Wand seines Standortes irgendwo an der Mauer im Stadion abzulassen.

Doch da fielen seine Augen auf die Sitzreihe vor ihm. Da sass doch genau der noch immer hochverehrte Pele! Sogar wer nur ganz wenig über Fussball weiss, kennt bestimmt die Fussballerlegende Pele – eigentlich Edson Arantes do Nascimento – und deren Stellenwert in der Fussballwelt. Natürlich wollte Reif es da nicht riskieren, diesen Mann irgendwie zu belästigen. Und so sah er von seinem Vorhaben ab. Wie die Geschichte allerdings ausging, hat er nicht verraten.

Wohin steuert der Fussball?
Wenn junge Spieler irgendwo ins Ausland gehen, sagen sie oft: „Ich will eine neue Kultur kennenlernen.“ Ueli Hoeness meinte dazu einmal: „Sie sagen „neue Kultur“, meinen aber „neue Währung!“ Der Fussball hat Formen angenommen, die bestimmt nicht gesund sind. Für ein Champions-League-Spiel gibt es bereits für die Qualifikation 20 Millionen Euro. Die ersten drei Plätze einer Liga seien heute so gut wie immer in den gleichen Händen.

Erst ab Platz vier würden die Spiele wieder richtig interessant und spannend, was ja ein Fussballspiel auch ausmachen sollte. Und am allerspannendsten sei der Abstiegskampf. Für Reif ist klar: Bayern München bleibt Meister, solange die wollen. Die spanische Liga ist todlangweilig, ausser Real Madrid und Barcelona kein Club an der Spitze. Und England erlebt eine Tragödie sondergleichen…

Auswüchse in der Werbung
Wenn ein Spieler wie Aubameyang sich nach dem Spiel eine Nike-Maske aufsetzt, obwohl das verboten ist, dann spricht die Fussballwelt danach mehrere Tage nur über diesen Vorfall – und die beworbene Firma hat so viel Aufmerksamkeit erhalten, dass sich auch eine hohe Busse deswegen lohnt. Und auf den riesigen Biergläsern der Bayern-München-Meisterfeier ist eine Art Helm-Kamera befestigt, damit diese Bilder direkt an die Sponsoren gesandt werden können. Auch das gibt Geld...

Technischer Beweis?
Auf die Frage aus dem Publikum nach dem Bildbeweis bei zweifelhaften Entscheiden bekannte sich Reif zu dieser Möglichkeit. Es könne ja nicht sein, dass der Schiedsrichter – heute ein topfitter Sportler, der mehr rennen müsse als alle Stars auf dem Feld – der einzige Idiot im Stadion sei. Alle hätten ein Handy heutzutage, filmten die Szenen und sähen so genau, wie die Sachlage sei . Nur der Schiedsrichter habe dies nicht. Reif hofft einfach auf intelligente Anwendung, damit sich der Spielverlauf nicht durch ungerechtfertigte Anfechtungen unnötig verzögert.

Geld - das grosse Thema
Reif brachte einen Vergleich: Seine Frau sei Chefin einer Krebsklinik und eine Kapazität auf ihrem Gebiet. Ihr Arbeitstag sei lang und streng, dazu sehr verantwortungsvoll. Und doch verdiene sie weniger als ein Spieler eines Dritt- oder gar Viertliga-Clubs. Das sei doch ziemlich stossend.

Dass Spieler wie Ronaldo derart viel verdienten, könne zwar ebenfalls als stossend empfunden werden, aber der Mann biete auch allerhöchsten Unterhaltungswert für Millionen von Fans, könne übrigens auch etwas – er jedenfalls habe Frieden mit dem Star geschlossen, obwohl er ihn früher nur aufgeblasen und eitel gefunden habe. In Bezug auf überdimensionierte Stadien meinte Reif anzüglich: „Lieber Geld in Beine investieren statt in Steine!“

Zum Abschluss ein Stadion-Quiz
Aerni hatte ein kleines Quiz für den welterfahrenen Fussballkenner vorbereitet. Marcel Reif sollte die gezeigten Fussballstadien benennen können – was er auch tat. Gesehen hat er bestimmt alle von innen. Als kleiner Gag tauchte plötzlich Uzwils zweite Fussball-Mannschaft auf, was mit einem anerkennenden Lachen quittiert wurde. Beim anschliessenden Apéro wurden die beiden Männer dann richtig in Beschlag genommen. Wann hat man sonst schon einmal Gelegenheit, hautnah einen Hauch der richtig grossen Fussballwelt zu erhaschen?


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Homepage Marcel Reif

Marcel Reif erfährt böse Anfeindungen

Reifs Abschied von SKY

Dokumentarfilm über Marcel Reif

Marcel Reif spricht zu Kritik an Fussballreportern">

Nachspielzeit – Buch von Marcel Reif und Holger Gertz