Am «Hirsmäntig» begibt man sich in das Reich der Mythen, die Mutmassungen über die Wurzeln dieses Brauchs sind reichlich spekulativ. Eine Legende besagt, dass die Rossrüter den Wilern während einer einstigen Hungersnot einige Säcke Hirse gespendet hätten; Hirse war vor der Einführung der Kartoffeln eine weitverbreitete Speise.

Laut einer weiteren Legende hätten die Rossrüter den Wilern während einer Zeit der grossen Lebensmittelknappheit den Nieselberg im Tausch für einige Säcke Hirse abgenommen. Weder für die eine noch für die andere Version existieren Belege.

Spezialität von Rossrüti

Was tatsächlich zum Brauch des «Hirsmäntig» geführt hat, bleibt rätselhaft. Tatsache ist, dass er keine Rossrüter Exklusivität ist, auch in anderen Ortschaften der Schweiz wurde er gepflegt bzw. wird er noch immer begangen. In der Ostschweiz gehört er allerdings kaum mehr anderswo als in Rossrüti zum Veranstaltungskalender.

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Auch im Gasthaus  "Sternen"  wird der Brauch des "Hirsmäntig"  gepflegt. 


Spende an die Kapuziner

In historischen Wiler Ratsprotokollen wird der "Hirsmäntig" zwei Mal erwähnt. 1771 soll den Kapuzinern wegen des Küechlimahls zwei und wegen des Hirsmontags ein Eimer Wein gegeben werden, heisst es dort. Ein Eimer galt damals als Masseinheit, sie entspricht 10 – 15 Litern. Da damals Wasser oft von zweifelhafter Qualität war, war Wein als Getränk die unbedenklichere Alternative.

Später heisst es in den Aufzeichnungen, dass die Rossrüter einige Wiler Herren jeweils am ersten Montag in der vierzigtägigen Fastenzeit vor Ostern zu einem Mittagessen eingeladen hätten. Mit Herren sind wohl Ortsbürger gemeint, denn bis 1930 nahmen nur einige Ortsbürger und Kapuziner an den entsprechenden Mahlzeiten teil.

Fastenspeise

Vor rund fünfzig Jahren begann das «Rössliguet» zu Metzgeten einzuladen, seither ist der «Hirsmäntig» ein volkstümlicher Anlass, dem auch Guggenmusigen und DJs teilnehmen. In den Lokalitäten werden mittlerweile Gerstensuppe, Thaicurry, Fischknusperli und weiteres mehr serviert. In vergangene Zeiten standen traditionell Stockfisch sowie Chäschüeli auf der Menükarte. Getrockneter Fisch, Stockfisch, ist eine traditionelle Fastenspeise. Das Trocknen an der Luft war früher eine der wenigen möglichen Konservierungsmethoden. Vor der Zubereitung werden die Fische gewässert.

Delikatessen erbetteln

Chüechli ihrerseits entsprechen einer langen Tradition, das «Küchlein holen» war weit verbreitet, dabei zogen Kinder und zum Teil auch Erwachsene von Haus zu Haus und bettelten um die in Fett gebackenen Delikatessen. Manche Volkskundler bringen diesen Brauch mit vorchristlichen Fruchtbarkeitsriten in Verbindung. Übrigens gilt auch Hirse wegen seiner vielen Körner als heidnisches Fruchtbarkeitssymbol.

«Küchlein holen» dürfte seinerseits auch mit der Fastenzeit in Verbindung stehen. In den Haushalten wurden alle Fettvorräte aufgebraucht, sie könnten dabei zum Backen von Küchlein genutzt worden sein. Vor der kargen Zeit wollte man noch einmal eine Gaumenfreude geniessen. Und auch die Geselligkeit sollte noch einmal gepflegt werden, vor der stillen Zeit der inneren Einkehr vor Ostern.

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Ehemals waren Rossrüti und Wil  baulich und politisch getrennt. Niemand weiss, weshalb die Dorfbewohner jeweils die hablichen Städter zu einer Mahlzeit einluden.