Spiritualität und Aufklärung – sind das nicht zwei entgegengesetzte Arten des Weltzugangs? Sucht nicht die eine das Heil jenseits der weltlichen Erfahrung, während die andere die Welt durch Wissen zu beherrschen sucht? Wer am Samstagabend die Auszüge aus Liliane Schär-Jaluzots neuem Buch «Was ich noch sagen wollte» hörte, bekam mit auf den Weg, dass auch das hohe Alter kein Grund sein muss, sich nur für eine Seite zu entscheiden. Vielmehr scheint in der bisherigen Bilanz von Liliane Schärs langem Leben zu stehen: Die beiden können nicht ohne einander. Aber der Reihe nach.

Der Saal im Alterszentrum Sonnenhof wurde von Mitbewohnern, Angestellten des Altersheims, Freunden und der Familie besucht: Insgesamt gegen die zweihundert Leute hatten auf den Stühlen im Sonnensaal Platz genommen. Am Lesetisch sass Susan Osterwalder, Journalistin und Freundin der Autorin. Links von ihr sass auf einem antik aussehenden Sessel Liliane Schär, die jeweils etwas zum Kontext der vorgelesenen Abschnitte aus ihrem Buch sagte. Zwischen den Lesepassagen spielten die Oboistin Marietta Bosshart und die Violinistin Flurina Sarott klassische Stücke, unter anderem von Wolfgang Amadeus Mozart.

Weltkrieg und die Sorge um die Zukunft

Schon in der Laudatio von Andrea Bosshart, Seelsorgerin im Sonnenhof, klang das ideelle Lebensthema der Autorin an: «Du bringst Geistliches und Weltliches zusammen», sagte Bosshart. Als «Journalistin im Teilzeitruhestand» stellte sich danach Liliane Schär selbst vor und erzählte einleitend ein bisschen aus ihrem bewegten Leben. Von ihrer Flucht aus Frankreich zu Verwandten in Zürich im Jahr 1939, kurz nach dem Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen. Von ihrem Vater, der als Franzose in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet. Und von ihren bangen Gedanken zur Gegenwart, in der Kriege und die drohende Klimakatastrophe die Sorge vor der Zukunft wieder zu einem bestimmenden Gefühl machen.

Zwischen der grossen Katastrophe des 20. Jahrhunderts und dem Schatten der Zukunft spannt sich Liliane Schärs Denken und Schreiben. Vor diesem düsteren Hintergrund erschienen die vorgestellten Textausschnitte wie Apelle, das Leben in die eigene Hand zu nehmen und den offenen, wissensdurstigen Geist gegen das passive Akzeptieren eines unhaltbaren Jetztzustands ins Feld zu führen.

Abschied von den Büchern

«Bücher, Geschenke des Himmels», hiess das rührendste der drei gelesenen Fragmente. Darin denkt Liliane Schär über den Abschied von ihren Büchern nach, als sie und ihr Ehemann sich entschieden, ins Altersheim zu gehen. Wie schwer es ihr gefallen sei, «sich altershalber zu verkleinern», denn: «Von nichts aus meinem Hausrat trennte ich mich so ungern wie von meinen Büchern.» Bücher sind für sie mehr als privaten Sammelobjekte. Denn, nur dank Bildung, ist sie überzeugt, könne eine «den Globus umfassende Morgenröte» aus Wissenschaft, Kunst und Spiritualität über der düsteren Gegenwart aufsteigen.

Ein Ausschnitt aus dem Kapitel «Die Lebensmüden» verdeutlichte diese Überzeugung. Anhand der Biografie des Schweizer Malers Ferdinand Hodler und dessen gleichnamigem Bild ruft Liliane Schär darin dazu auf, das eigene Potential zu entfalten, immer mit Verweis auf die eigene Lebensgeschichte. Die katholische Erziehung etwa lerne einen «unentwegt zwischen dem was gut und dem was böse ist zu unterscheiden.» Es seien solche festgefügten Schemata, die der intellektuellen Entfaltung im Weg stünden. Erst durch die Beschäftigung mit anderen Denksystemen und religiösen Lehren habe sie zu einem «kritsichen Glauben» gefunden, quasi die Synthese von Spiritualität und Aufklärung. Als «wissensdurstige Christin» wolle sie sich für «eine Kultur des Wissens» einsetzen. Gelehrt habe sie dies auch eine buddhistische Idee: Not entsteht aus Nicht-Wissen.