Unter dem Titel „Psychische Gesundheit und Volksmusik“ organisierten das Ostschweizer Forum für Psychische Gesundheit und Psychiatrie St. Gallen Nord ein gut besuchtes Podiumsgespräch im Chössi-Theater Lichtensteig. Am Gespräch nahm auch Nicolas Senn teil, welcher das musikalische Rahmenprogramm des Abends im Alleingang bestritt. Und damit zeigte, wieviel Behaglichkeit gerade auch seiner Musik innewohnt.Für Hackbrett-Legende Nicolas Senn war der Auftritt im Lichtensteiger Chössi-Theater eine Premiere.

„Psychische Gesundheit und Volksmusik“
„Ich habe das Theater schon gekannt, weiss auch, dass viele meiner besten Kollegen und Künstler hier schon aufgetreten sind. Aber selbst hier aufzutreten hatte ich bisher noch nicht geschafft.“, sagte Nicolas Senn bei der Begrüssung. Höchste Zeit also, dass der von Bühne und Fernsehen bekannte Künstler und Moderator einmal Chössi-Luft schmeckte.

Dazu gab ihm das Ostschweizer Forum für Psychische Gesundheit Gelegenheit. Es organisierte zusammen mit der Psychiatrie St. Gallen Nord ein etwas spezielles Podiumsgespräch zum Thema „Psychische Gesundheit und Volksmusik“. Dabei nahm Nicolas Senn nicht nur am Gespräch teil, er bestritt mit vielen Titeln auch das musikalische Vor- und Nachprogramm, welches das vielschichtige Gespräch einrahmte.

Musik öffnet Tore zu den Mitmenschen
Der bekannte Musiker brauchte nicht lange, um mit dem Publikum in Kontakt zu kommen. Die Herzen flogen dem virtuosen Hackbrettspieler aber vor allem zu, als er in gewohnt direkter und mitreissender Art seine beiden wirbelnden Ruten auf den hell erklingenden Saiten zum Tanzen brachte. Schon im ersten Teil mischte sich Schweizer Folklore mit Klängen aus anderen Weltteilen.

Wie der zuerst begrüssende und die Veranstaltung im Chössi mitorganisierende Chefarzt der St. Galler Psychiatrie Nord, Dr. med. Thomas Maier sagte: Nicolas Senn stösst mit seiner Musik immer wieder auch Tore zu benachbarten Sparten und Daseinsweisen der Musik auf. Er sei ein offener Musiker, und diese Offenheit helfe auch dann, wenn man sich einmal aus einer seelischen Niedergedrücktheit befreien wolle oder müsse. Maier wies in diesem Zusammenhang auf die Psychiatrische Tagesklinik der Psychiatrie Nord in Wattwil hin, eine Anlaufstelle, die man bei psychischen Beschwerden niederschwellig in Anspruch nehmen könne.

Weitreichende Fragen am Podium
Was hat Volksmusik und Musik im Allgemeinen mit der Gesundheit der Seele zu tun? Wie wirkt Musik auf das Wohlbefinden und die Stimmung? In welchen Situationen kann Musik helfen, und wie? Wo verläuft die Grenze zwischen Melancholie und einer ernsten Depression? Wann braucht jemand Hilfe, und wo gibt es Unterstützung? Und wie kann Musik zum Gesund-Bleiben oder Gesund-Werden beitragen? Das waren die Fragen, welche die Teilnehmenden des Podiums, befragt durch Gesprächsleiter und Mitorganisator Jürg Engler (Ostschweizer Forum für Psychische Gesundheit), wälzen mussten.

Um es vorwegzunehmen: Sie haben diese Fragen in der zur Verfügung stehen Zeit natürlich weder angemessen diskutieren noch beantworten können. Aber sie haben verdienstvollerweise darauf aufmerksam gemacht, dass sie wichtig sind.

Musik spricht ganz elementar Gefühle an
Als Fachmann war dies einmal Dr. med. Thomas Maier, Chefarzt Psychiatrie Nord des Kantons St. Gallen. Er verzichtete ganz auf Fachchinesisch und beleuchtete den einen oder anderen Punkt in dieser vielschichtigen Domäne. Es gebe ja bereits die spezialisierte Musiktherapie. Seiner Meinung nach entfalte sie eine positive Wirkung vor allem dort, wo sie zusammen mit anderen Therapiearten verwendet werde, als Ergänzung.

Der Mensch sei ein ganzheitliches Wesen, er reagiere sowohl auf Gedanken und Worte als auch auf Gefühle. Musik spreche ganz elementar Gefühle an. Weil der Mensch ganzheitlich organisiert sei, habe die therapeutische Arbeit mit Musik ganz bestimmt einen wichtigen Platz. Musik könne Gefühle wachrufen, sie auch verändern.

Was an der Musik kann helfen?
Aber nicht nur wissenschaftliche Experten hatten die Organisatoren an die beiden Podiumstische eingeladen, auch Experten „des Lebens“ mit entsprechenden persönlichen Erfahrungen. So hatte Gesprächsteilnehmer Mario Sonderegger zweitweise seelische Beeinträchtigungen am eigenen Leibe durchgemacht. Mithilfe von Therapie, auch Musik, hat er dann wieder Boden unter den Füssen gewonnen.

Sonderegger beteiligt sich heute im Rahmen der Organisatoren aktiv an der Betreuung von Menschen, die in seelische Schwierigkeiten geraten sind. Er schätzt den Beitrag der Musik hoch ein, obwohl er sie nicht aktiv betreibt. Wie Sonderegger sagt, hat er als Jugendlicher viel Musik mitbekommen, was zu seiner Zeit halt jeweils gerade „drinlag“. ACDC sei sicher nicht eine Richtung gewesen, welche ihm als Jugendlichem viel an Lebensgrundlagen vermittelt habe, sagte er schmunzelnd. Später habe er Musik jahrelang eher weggesteckt. Jetzt sei sein persönlicher Zugang zur Musik wieder offen, sie helfe ihm, weiter Boden unter den Füssen zu bekommen.

„Nach Hause kommen“
Adrian Moser, aktiver Schlagzeuger, repräsentierte jüngere Stimmen. Er nahm ebenfalls als Experte aus eigener Erfahrung am Podium teil, hatte er doch miterlebt, wie ein nahes Familienmitglied zeitweise seelisch den Boden unter den Füssen verlor. Für ihn ist Musik vor allem auch Musik machen, zusammen mit anderen. Musik, die einen erfreut, sei wie eine Art „Nach Hause Kommen.“ Du kannst in ihr und mit ihr Probleme vergessen, aber du kannst sie auch deiner Gefühlslage entsprechend gestalten, sagte Moser, und das sei ein Beitrag zum Sich-Finden.

Auch Nicolas Senn betonte den eigenaktiven, kreativen Zugang zur Musik. Musik bedeutet für Nicolas Senn in erster Linie Musik machen: „Das ist das Schöne, dass du mit andern zusammen wirkst, dich mit ihnen einer Sache widmest, welche dir und ihnen am Herzen liegt.“ Senn sagte auch, er müsse nicht immer Musik um sich haben. Gerade als Konsument könne Musik zeitweilig auch nerven.

„Du strahlst immer!“
Den Zusammenhang zwischen Musik und Gefühl sprach Moderator Jürg Engler auch ganz direkt bei Nicolas Senn an. „Du strahlst immer“, stellt er fest. „Ist das Show oder echt?“„Ich habe echt Freude am Spielen,“ sagte dazu Senn. „Das ist auch das Grundgefühl bei Auftritten, bei denen du dich natürlich auch konzentrieren musst.“ Aber wenn das Publikum sich freue, dann drücke das durch, und das beschwinge dann natürlich auch ihn selbst wieder. Es sei ein gegenseitiger Prozess.

Natürlich gehöre auch ein Stück Professionalität dazu: „Du kannst nun nicht einfach vors Publikum hintreten, zum Beispiel in einer Fernsehsendung, und dann eine ganz miese Laune verbreiten. Auch deine eigene Traurigkeit musst du zumindest für die Zeit des Auftritts vergessen.“ Senn brachte dazu Beispiele. Er erinnere sich genau an den Moment, als ihn kurz vor der Sendung die Nachricht ereilte, ein sehr guter Kollege und Freund sei eben gestorben. „Da musst du dann schon durchbeissen.“

Mit Musik das Publikum gewinnen
Für Senn ganz wichtig ist Musik als Weg zum Auftritt, um so auf intensive Weise in Kontakt mit seinem Publikum zu kommen: „Wenn du merkst, dass du ihnen durch deine Musik Freude machen kannst, ist das schon ein ganz gutes Gefühl“, sagte Senn. Und liess kurz darauf zur grossen Freude der Anwesenden die Hackbrett-Ruten wieder tanzen, im „Erinnerung an den Zirkus Renz“ sogar so schnell, dass man nur noch harmonische Kreise der Schlägel sah. Entsprechend begeistert und intensiv war denn auch der Applaus. Und beim Apero mit allen Beteiligten gingen die Gespräche weiter.

Die Info-Abende „Psychische Gesundheit und Volksmusik“ mit Nicolas Senn werden an folgenden Daten an weiteren drei Orten durchgeführt:
23.3.2018, 20.00, Fabriggli, Werdenberger Kleintheater, Werdenberg; 4.4.2018, 19.30, Alte Stuhlfabrik, Herisau; 25.4.2018, 20.15, Bühne Marbach, Marbach.

Nicolas Senn : „Ich helfe gerne mit, Hemmschwellen abzubauen“

P.K: Wie kam es zu Ihrer Mitarbeit zum Thema „Psychische Gesundheit und Volksmusik“?
N.Senn: Ich wurde angefragt. Das Thema interessiert mich. Ich finde es eine gute Idee, Volksmusik, die ja vom Charakter her oft fröhlich ist, gerade auch mit diesem ernsten Thema zu verbinden.

P.K: Was war Ihr persönliches Motiv, hier mitzumachen?
N.Senn: Ich freue mich, dass ich durch das heutige Konzert, welches das Podium umrahmte, auch einen Beitrag dazu leisten konnte, dass die noch bestehende Hemmschwelle weiter abgebaut wird. Sie besteht oft immer noch, gerade auch gegenüber psychischen Schwierigkeiten oder Erkrankungen. Es ist wichtig, dass Betroffene und Angehörige wissen, dass sie sich auch in diesen Fällen heute schnell Hilfe holen können.

P.K: Was bedeutet Ihnen, der Sie ja „grosse Anlässe“ gewohnt sind, der Auftritt in einem kleinen Rahmen wie hier im Chössi-Theater?
N.Senn: Ich freue mich immer sehr auf Auftritte, wo man das Publikum sehr gut spürt, gerade auch auf die drei weiteren Abende zu diesem Thema, die auch wieder in Kleintheatern stattfinden. Da entsteht sofort ein viel intensiverer Kontakt zum Publikum, das mag ich sehr.