Dem Klischee nach ist der Mai jener Monat, in der es die Lyrikerinnen und die Poeten vor lauter Inspiration in der Feder juckt. Der Wonnemonat übergiesst aus seinem Füllhorn Land und Menschen mit überschäumender Blütenpracht, mit linden Lüften und Düften sowie mit jubilierenden Vogelkehlen – soweit das Klischee. 

Am Donnerstagabend erschien der Mai eher wie ein April, der seinen rechtzeitigen Abgang verpasst hatte. Er präsentierte sich in Form von Regen, durchsetzt mit kalten Windböen. So zeigten die Veranstalter des Literarisch-Historischen Abendspaziergangs positiv überrascht, dass trotzt garstigem Wetter rund drei Dutzend Interessierte an ihrer Tour durchs Südquartier teilnahmen.

Ehemaliges Sumpfgebiet

In seiner kurzen Einführung im regenfreien Velounterstand zeigte Stadtarchivar Werner Warth anhand von historischen Landkarten die Vorgeschichte des Südquartiers. Es war wohl ursprünglich ein sumpfiges Gebiet. In ihm versickerte der Krebsbach, der heute gefasst fliesst und in den Alpbach und schliesslich in die Thur mündet.

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Am Strandort des Railcenters produzierte früher die Firma Knecht & Meile Zäune. Sie lieferte laut Ruedi Schär auch grosse Mengen an Drahtgeflecht für Zäune entlang der Autobahn. 


Eisenbahnbau als Meilenstein

Markanter Wendepunkt war der Bau der Eisenbahn um 1855. Gemäss Angaben von Warth hätte der Bahnhof in der Region von Wilen angelegt werden sollen. «Die Wiler verlangten, dass er maximal 1000 Fuss oder 300 Meter von der St. Peterkirche gebaut werden muss.» Gegen entsprechendes Entgelt kam die private Eisenbahngesellschaft dieser Forderung nach. Die SBB ihrerseits wurde erst 1902 gegründet.

Zögerlich siedelte sich in der Folge im Quartier Gewerbe und Industrie an. Das Aufkommen der Stickereiindustrie gegen Ende des 19. Jahrhunderts führte schliesslich zu einem Wachstumsschub.

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Ortsbürgerrat Ruedi Schär und Stadtarchivar Werner Warth informierten unterwegs über wichtige Stationen in der Entwicklung des Südquartiers. 

Ortsbürgerrat Ruedi Schär berichtete von der Strumpffabrik «Royal», die zeitweise rund 500 Mitarbeitende beschäftigte. Viele waren ungelernte Migrantinnen. Ein Grossverteiler war der Hauptkunde dieser ehemaligen Strumpffabrik. Im dieser mittlerweile umgenutzten Liegenschaft wird heute unter anderem an Fitessgeräten trainiert und transpiriert.

Prosatext über Schichtführer

Dazu passend trug Wiler Poetin Danielle Baumgartner Knechtli einen Text über ihren Vater vor, der als Schichtführer in der Strumpffabrik gearbeitet hatte. Ihr Vortrag war ein kleiner Kampf gegen Wind und Regen. Beide gaben sich alle Mühe, das Manuskript zu vereinnahmen. Auch weitere Vortragende musste dasselbe Schicksal erdulden. Ab und zu leistete ihnen eine helfende Hand aus dem Publikum Beistand gegen die Böen, die eifrig an den regenfeuchten Textblättern herumzerrten.

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Dass auch eine Veloeinstellhalle ein Ort für Kultur sein kann, veranschaulichten die Wiler Poeten. 


Kulturelle Nutzung

Station für Station verschob sich das Publikum durch die Säntisstrasse. Kürzere und längere Vorträge der Poetinnen und Poeten griffen unterschiedliche Aspekte des Südquartiers auf. Ruedi Schär und Werner Warth flochten ihrerseits historische Fakten etwa über die Entstehung des Getreidesilos, des Gare de Lion sowie der Lokremise ein. Auf diese Weise wurde der Wandel und die Entwicklung des sogenannten «Scherbenquartiers» in verschiedenen Stadien fassbar. Die lyrischen Vorträge der Wiler Poeten kontrastierten sich in idealer Weise zur Faktenpräsentation von Werner Warth und Ruedi Schär.