«Ich war noch nie so viel am Handy wie gestern.» Tanja Graf, Wirtin des «Linde Pub» in Wil, klingt gefasst, als sie am Donnerstagvormittag am Telefon über die schwierige Situation für die Wiler Beizen spricht. Stammgäste, denen der soziale Raum der Beiz, der tägliche Austausch beim Feierabendbier, fehlt, würden sich nun bei ihr melden. «Das Schlimmste finde ich, dass jetzt Leute dauernd alleine sind», sagt Graf. Weil viele jetzt den ganzen Tag zu Hause verbringen, etwa weil sie im Home Office arbeiten, höre sie oft: «Man ist so schon den ganzen Tag alleine. Jetzt kann man am Abend auch nicht mehr was Trinken gehen.»

Die Einschränkungen bei der Freizeitgestaltung zur Eindämmung des Coronavirus treffen besonders Beizen und Bars, Betriebe also, die ihr Geld nicht mit dem Essen verdienen, hart. «Wir können froh sein, dass wir eine gute Fastnacht hatten», sagt Graf. Zusammen mit der erhofften staatlichen Unterstützung ermöglichten ihr diese Reserven, ihrer einzigen Angestellten auch weiterhin den Lohn zu bezahlen.

18 Menüs am zweiten Tag

Keine Fasnachts-Reserven haben die Speiserestaurants. Dafür bleibt ihnen mehr Spielraum für alternative Geschäftsmodelle. Einige Restaurants weiten den Lieferservice aus, andere richten improvisierte Take-Aways ein, so etwa das «Barcelona» am Viehmarktplatz. Und manche, wie das Gourmet-Restaurant «Rössli», bieten gleich beides an.

Ein anderes Lokal, welches sich zu helfen weiss, ist das «Neu-Toggenburg» an der Bronschhoferstrasse. Ab 10 Uhr kann Essen bestellt, ab 11.30 Uhr abgeholt werden. Seit sie ihr Angebot auf Facebook bewerbe, werde es auch genutzt, sagt Wirtin Gaby Singenberger am Telefon. Am ersten Tag der Aktion, am Dienstag, seien zwei Kunden gekommen. Am Mittwoch habe sie schon 18 Menüs verkauft – zu rund um ein Drittel reduzierten Preisen. Natürlich reichen die Einnahmen aus dem spontanen Service «nirgendwo hin», sagt Singenberger. «Aber es kommt immerhin ein Beitrag an die Rechnungen zusammen.» Klar sei: Ohne staatliche Unterstützung wird es nicht gehen. 

«Habe nicht immer Lust zu kochen»

Auch am Donnerstagmittag stellt die Wirtin ihre Gerichte durch ein Fenster auf einen Tisch, wo sie die Gäste einpacken können. Ein Kunde, der anonym bleiben möchte, hat sich mit fünf Freunden zum Essen verabredet. Beim Warten und Bezahlen halten sie sich an den Sicherheitsabstand von 2 Metern, ebenso beim Essen, für das sie sich auf ein Trottoir setzen. Der Kunde hat Kartoffelstock und Fleischkäse bestellt, bezahlt hat er kontaktlos. Er ist zufrieden. «Ich muss jetzt öfter in der Wohnung bleiben, habe aber nicht immer Lust zu kochen», sagt er. Ausserdem wolle er mit seinem Konsum das lokale Gewerbe unterstützen.

Im Video: «Neu-Toggenburg» stellt auf Abholservice um

 

«Wenigstens läuft der Alkohol nicht ab»

Unterstützung, die er der «Linde» in den nächsten Wochen nicht wird geben können. Die Beizer in Wil müssen sich anders helfen. «Ich hoffe, dass uns auch die Stadt entgegenkommt. Vielleicht kann sie zum Beispiel die Gebühren für die Gartenwirtschaft erlassen», sagt Wirtin Graf. Auch mit den Vermietern müsse das Gespräch gesucht werden, da Gastrobetriebe ihre Lokale nur zur Benützung mieten, was nun bis auf Weiters nicht möglich sei. «Ich hoffe, dass es für alle Beteiligten eine faire Lösung gibt.»

Mitten in der Krise blickt Graf schon in die Zukunft. Und zeigt, dass sie den Humor nicht verloren hat: «Wenigstens läuft mir der Alkohol nicht grad ab. Bei den Vorräten haben die Speiserestaurants sicher grössere Verluste.» Wenn die Beizen dereinst wieder öffnen dürfen, hoffe sie, dass die Gäste schnell wieder kommen: «Das wäre die grösste Unterstützung.»