Am ersten Dienstag im Mai füllen sich alljährlich die Markt- und die Kirchgasse sowie die Grabenstrasse mit Verkaufsständen und mit Neugierigen. Gebrannte Mandeln, Pferdefleisch-Schüblig, handgemachte Seifen und vieles mehr warten in den Auslagen auf Kundschaft. Zudem treffen sich alte Bekannte, die sich schon seit geraumer Zeit aus den Augen verloren haben.„Mit der Wiedererlangung des Marktrechts 1301 an die Stadt wurde eine ganz wesentliche Grundlage für den Bestand und Aufstieg Wils geschaffen“, betont der Stadthistoriker Werner Warth in einem schriftlichen Überblick über die Marktgeschichte. „Der Kontakt zur Landbevölkerung war intensiv, der Markt als Handelsplatz war zugleich Hauptquelle für Informationen aller Art.“

Stadt abgebrannt
Das Marktrecht wurde der Stadt wieder verliehen nachdem sie 1292 ein Brand zerstörte hatte. Wohl aus Vergeltung für das von den Wilern 1287 angezündete habsburgische Städtchen Schwarzenbach wurde Wil belagert und ging in der Folge in Flammen auf. Die Wiler mussten für einige Jahre ihren Moränenhügel verlassen und nach Schwarzenbach umziehen; sie bauten ihre Stadt ab ca. 1300 wieder auf.

Zusätzlich Viehhandel
Im Jahr 1472 verlieh Kaiser Friedrich auf Vermittlung von Abt Ulrich Rösch, der gewissermassen das städtische Oberhaupt war, die Bewilligung für zwei zusätzliche Märkte. Gemäss Dokumenten wurde zwei Jahre später in der Oberen Vorstadt regelmässig auch Vieh gehandelt. 1849 zog der Handelsort auf jene Fläche um, die nun bezeichnenderweise Viehmarktplatz heisst.

Versorgung der Städter
Während man sich heute in Baumärkten, Einkaufscentern und Warenhäusern mit Nägeln, Bettwäsche, Suppentellern und vielem mehr eindecken kann, waren früher die Märkte die Umschlagplätze für den Haushalts-Bedarf.

Die Stadtbewohner verdienten ihren Lebensunterhalt als Schmiede, Hafner, Wagner, Kürschner und in weiteren Handwerksberufen. Sie waren im Gegensatz zur Landbevölkerung keine Selbstversorger und mussten die Lebensmittel erwerben. Andererseits stellten sie Gegenstände her, die man auf den Gehöften benötigte.

Für manche Besucher aus der ländlichen Umgebung war der Marktgang zudem auch ein Anlass, in den spirituellen Stätten in der Äbtestadt zur Beichte zu gehen oder eine Segnung zu empfangen.

Städtische Waagen
Das Marktrecht bedeutete für die entsprechenden Orte ein markanter wirtschaftlicher Aufschwung. Einerseits mussten die Händler den „Bankschilling“ abliefern, eine Art Gewerbesteuer. Ein Teil der Einnahmen in Wil klimperten in der Münzschatulle des Abtes im Hof. „Mit diesen Abgaben aus den Marktrechten wurden die Mittel für die öffentlichen Aufgaben beschafft“, schreibt Werner Warth.

Die Produkte mussten zudem auf städtischen Waagen gewogen werden, die entsprechenden Gebühren flossen ebenfalls in den Säckel der Obrigkeit.

Umsatz für Tavernen
Ein erfolgreicher Handel wurde gerne mit Wein oder mit Bier begossen, was der damaligen Gastronomie zuträglich war. Sie musste ihrerseits Abgaben entrichten. Kunden und Händler wollten sich zudem verpflegen und sich für den langen Heimweg rüsten. Und auch Übernachtungsgelegenheiten gegen Bezahlung waren gefragt. Im Weitern benötigten die Zugtiere sowie das gehandelte Vieh Futter. All dies füllte die privaten und die städtischen Kassen.

Die adligen und kirchlichen Würdenträger, die das Marktrecht verliehen, garantierten ihrerseits für den Schutz des Handelsplatzes und der Wege. Eine Fahne signalisierte gut sichtbar den sogenannten Marktfrieden, sie wurde an den entsprechenden Handelstagen aufgezogen.

Wirtschaft angekurbelt
Mit der oben erwähnten Bewilligung zu Märkten wäre Abt Ulrich Rösch wohl heutzutage als Wirtschaftsförderer gelobt worden; der Bäckerssohn aus dem Allgäu trug wesentlich zum Standort-Marketing Wils bei.

Während Jahrhunderten strömten Händler und Kunden vier Mal pro Jahr in den Stadtkern. Wahrscheinlich noch öfter. Historische Dokumente erzählen von einem zusätzlichen Augustmarkt und von einem Michaelsmarkt. Wann diese Märkte eingeführt wurden, bleibt unklar, ebenso ab wann sie nicht mehr abgehalten wurden.

Suche nach Abwechslung
Allfällige Streitigkeiten konnten währen den Handelstagen unter dem Marktfrieden relativ leicht geregelt werden, ohne den damaligen hochoffiziellen Rechtsapparat zu bemühen. Eine sogenannte „Marktpolizei“ zog die Abgaben ein und sorgte dafür, dass Händel nicht zu sehr eskalierten.

Bei einem guten Geschäftsabschluss mag es oft nicht nur bei einem Becher Bier oder Wein geblieben sein. Wo gehandelt und getrunken wird, sind Meinungsverschiedenheiten oft nicht fern. Gegen ein Kartenspiel hatten zudem manche Zecher nichts einzuwenden, dabei können die Gemüter ebenfalls leicht in Wallung geraten, vor allem wenn der Alkohol die Stimmung zuvor angeheizt hat.

Florierende Märkte
Auch wenn es heute viele Einkaufsalternativen gibt, ist das Publikumsaufkommen am Maimarkt und Othmarsmarkt Jahr für Jahr beträchtlich. Jahrmärkte entsprechen offensichtlich noch immer einem Bedürfnis. Dies trifft auch für den ab 2001 eingeführten stimmungsvollen Adventsmarkt zu.

Einmalige Atmosphäre
Jene besondere Melange, die sich aus dem Geruch von geschmolzenem Käse und den Düften exotischer Gewürze, angereichert mit den Rufen vom „feinen Magenbrot“ sowie den Melodien des Kinderkarussells zusammensetzt, findet man in keinem Grossverteiler - und beim Online-Shopping schon gar nicht.

Märkte sind nicht nur Festtag für alle Sinnesorgane, sie sind auch Orte der zwischenmenschlichen Begegnungen sowie markante Wegmarken im Jahreslauf. Dies scheint auch in Wil ihr zeitloses Erfolgsrezept zu sein.

Treue Marktbesucher am Samstag
In einer Strassenumfrage vor einiger Zeit wurde ein Stimmungsbild zum Wiler Samstagsmarkt ermittelt. Es zeigte sich, dass viele Marktbesucher regelmässig am Samstagvormittag durch die Stände an der Marktgasse schlendern: Rund 70 Prozent der Kunden und Passanten besuchen den Markt seit mehr als zehn Jahren. Sechzig Prozent geben an, jeden Samstag vorbeizuschauen.

Vor allem werden frisches Gemüse und Obst eingekauft, und auch Milchprodukte, Blumen und Fisch landen in den Einkaufskörben. Dreiviertel der Kunden wohnen Wil, die übrigen stammen aus der Region. Die meisten Besucher sind mit dem Angebotmix sehr zufrieden. Und auch die Gelegenheit zu zwischenmenschlichen Kontakten wird gemäss der Umfrage sehr geschätzt.