Frau Noger, am 8. März wurde der Internationale Tag der Frau begangen. Glauben Sie, dass es in der Schweiz noch immer Verbesserungsbedarf in der gesellschaftlichen Stellung von Frauen gibt?

Mit dem Frauenstimmrecht, dem neuen Eherecht und auch dem Gleichstellungsartikel konnten in den letzten Jahrzehnten wichtige Schritte zur Verbesserung der Stellung der Frau gegangen werden. Durch das Gleichstellungsgesetz wird das Recht auf die gleiche Behandlung der Geschlechter in allen Lebensbereichen festgelegt. Von einer gleichberechtigten Teilhabe in allen gesellschaftlichen Bereichen wie Wirtschaft, Politik, Familie, Kultur und Sport sind wir jedoch noch sehr weit entfernt. 

An was denken Sie konkret? 

In der öffentlichen Wahrnehmung angekommen sind sicher die ungenügende Vertretung der Frauen in Verwaltungsräten, Chefetagen und Exekutivämtern. In den letzten Jahren wurden vermehrt auch die geschlechtsabhängigen Lohnunterschiede thematisiert. Dies hat zwar dazu geführt, dass die Unterschiede zurückgegangen sind, aber noch immer verdienen die Frauen bei gleicher Arbeit weniger und sind in Führungspositionen massiv untervertreten. Es ist festzustellen, dass die Frauen in der Öffentlichkeit insgesamt weniger sichtbar sind. Wie Untersuchungen zeigen, sind beispielsweise nur rund ein Drittel der Personen, die in Medien abgebildet werden weiblich, zwei Drittel sind männlich. Weibliche Spitzensportlerinnen erhalten nicht die gleiche mediale Aufmerksamkeit wie männliche Spitzensportler. Frauen wird in Diskussionen häufiger das Wort abgeschnitten und sie erhalten weniger Redezeit. Die Liste der Beispiele von Ungleichbehandlung liesse sich noch lange fortführen. 

Sehen Sie noch weitere Themen? 

Eines der ganz grossen Themen, die bislang noch kaum in der Öffentlichkeit angekommen ist, betrifft die geschlechtsspezifische Erfassung wissenschaftlicher Daten und deren Auswirkungen auf das Leben der Frauen. So stützt sich beispielsweise die Medizin bei der Behandlung von Krankheiten noch viel zu oft auf Forschung ab, die auf Daten von Männern basieren. Das bedeutet, dass Therapiemethoden und Medikamente, die auf Männer ausgerichtet wurden, bei Frauen angewendet werden, was schwerwiegende Konsequenzen für Frauen haben kann. Es ist erwiesen, dass Frauen anders krank sind, dass sie häufig andere Symptome zeigen als Männer, zum Beispiel bei Herzinfarkt. Dies führt immer wieder dazu, dass bei Frauen ein Herzinfarkt deutlich später diagnostiziert wird, was fatale Folgen haben kann, bei einer Krankheit bei der Minuten zählen.

Was müsste Ihrer Meinung nach gesellschaftlich unternommen werden, um die Situation von Frauen zu verbessern?

Die Datenerhebung muss in allen Bereichen immer auch genderspezifisch erfolgen. Dafür müssen Geld für Forschung und Lehrstühle in diesem Bereich gesprochen werden. Die Medizin muss geschlechtersensible Präventionsforschung betreiben. Eine Quotenregelung in Wirtschaft, Politik und öffentlichem Dienst ist einzuführen. Sie entspricht dem Proporzsystem, dass wir aus der Politik kennen und unserem demokratischen Verständnis entspricht. Nur mit diesem Instrument wird es gelingen in absehbarer Zeit den Zielen des Gleichheitsartikels näherzukommen.

Gab es in Ihrem Leben Situationen, in denen Sie sich als Frau diskriminiert gefühlt haben?

Die Antwort auf die erste Frage zeigt klar auf, dass Diskriminierung strukturell geschieht, was immer auch auf individueller Ebene mehr oder weniger offensichtlich zu spüren ist. Es ist ein Trugschluss zu glauben, es genüge, wenn frau sich individuell anstrengen würde. Natürlich ist es möglich, dass wir als Frauen Erfolge erzielen, Karriere machen können. Tatsächlich ist es so, dass es immer wieder einzelnen Frauen gelingt, in Spitzenpositionen zu kommen oder Familie und Karriere verbinden zu können. Deswegen sind sie dann von strukturellen Nachteilen jedoch nicht geschützt, von daher gibt es auch in meinem Leben immer wieder Situationen in denen ich Diskriminierung erfahren habe.

Engagieren Sie sich persönlich in irgendeiner Weise für die Situation von Frauen?

Seit über dreissig Jahren bin ich politisch engagiert, davon war ich rund 10 Jahre im Stadtparlament Wil und führe aktuell das Amt als Präsidentin der Grünen prowil aus. Wenn wir zusätzlich zu den gesellschaftlichen Bestrebungen, als Frauen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und uns einzubringen, werden die notwendigen Veränderungen weiter voranschreiten. Alle Frauen, die sich engagieren und positionieren sind Vorbild für andere Frauen, dies ebenfalls zu tun. Beruflich bin ich als Schulleiterin in einem Umfeld tätig, welches als Ort des sozialen und partizipativen Lernens einen klaren Auftrag hat, Kinder unabhängig von ihrem Geschlecht zu fördern und in ihren Stärken zu unterstützen, sich aber auch über Geschlecht und Rollen bewusst zu werden. Persönlich unterstütze ich als Mitglied verschiedene Frauenorganisationen. Gleichberechtigung kommt allen zugute, weil es schlussendlich den Raum vergrössert, sich frei entfalten zu können.