Widmer Bierspezialitäten war ein kleines Universum an der Wiler Kirchgasse. Als es immer mehr aus allen Nähten zu platzen drohte, suchte es sich einen neuen Standort. An der Unteren Bahnhofstrasse ist kürzlich ein deutlich grösseres Universum entstanden. Es wächst weiter. Christof Widmer und seine Frau Conny sind stets für Überraschungen gut. Mal sind sie eher klein, mal eher gross. Nach dem für viele erstaunlichen Wegzug aus der Altstadt, ist der neuste Coup ein Bier aus Litauen im Sortiment. „Kein anderer Schweizer Händler ausser uns hat es im Angebot“, meint Christof Widmer mit hörbarem Stolz. Sie wurden von der Brauerei direkt kontaktiert.

Wer stellt das Bier her?
Damit kommt sozusagen eines der Markenzeichen des Bierhändler-Ehepaars zu Ausdruck: ein vielfältiges Beziehungsnetzwerk innerhalb der weiten Welt des Gerstensaftes. Sie wollen, wenn möglich die Menschen, die hinter einem Bier stehen und die Details zu den verwendeten Rohstoffen und dem jeweiligen Brauvorgang kennenlernen. „Innerhalb der Schweiz haben wir alle Brauereien besucht, deren Bier wir im Sortiment führen“, erzählt der Geschäftsmitinhaber, der selber über eine Braulizenz verfügt.

20 000 Sorten
Obwohl die Schweizer Brauszene in den letzten Jahren wieder vielfältig geworden ist, setzen Widmers auch auf die internationale Bierkultur. In den Regalen stehen Flaschen aus allen Kontinenten, Äthiopien ist genauso vertreten wie Island. „Im Moment sind 475 Sorten an Lager, bis im Mai sollen es 500 sein.“

Wer denkt, dies sei eine kaum zu überschauende Vielfalt, denkt in zu kleinen Dimensionen: „Ich habe Zugriff auf ungefähr 20 000 Sorten aus aller Welt, aber die können wir natürlich nicht alle an Lager haben.“ Ist das nicht bereits bei rund 500 Sorten ein Problem? Wie Christof Widmer betont, spielt die Frische bei Bier eine wichtige Rolle. Wenn ein Bier monatelang keinen Käufer findet, wird es zum unfreiwilligen Lagerbier - nicht im positiven Sinn. Doch dieses Risiko scheint klein. „Ich weiss, in welcher Jahreszeit welche Art von Bieren gefragt ist, entsprechend bestückte ich das Sortiment.“

Vielfältige Fachkenntnisse
Wer sich mit Christof Widmer unterhält oder an einer seiner Degustationen teilnimmt, wird den Verdacht nicht los, ein lebendes Bierlexikon vor sich zu haben. Es scheint kaum ein Detail zu Bier zu geben, das er nicht kennt.

Gemäss seinen Angaben ist dieser Umstand einer der Gründe, weshalb viele Kunden sein Geschäft, und nicht irgendeine andere Getränkehandlung aufsuchen. Sie wünschen fachkundige Beratung oder auch Fachsimpelei. „Manche nehmen deswegen eine einstündige Anreise auf sich.“

Kreative Brauer
Und plötzlich merken vermeintliche Bierkenner, welche ungeahnte Weite, Tiefe und Aromenvielfalt dieses Getränk haben kann.

Nur schon mit dem Betrachten der unterschiedlichen Etiketten sowie der Flaschenformen in den Regalen könnte man Stunden verbringen. Dabei wird eines klar: Bierproduzenten sind kreative oder sogar verspielte Leute, die Etiketten sowie die Vielfalt der Brauzutaten zeugen von Fantasie und Originalität

Durstige und Geniesser
Gemäss dem Fachmann gibt es zwei wichtige Unterscheidungskriterien für Bier: Trinkbiere und Genussbiere. Während erstere primär als Durstlöscher getrunken werden, sind letztere oft aromaintensiver und nicht unbedingt gleichermassen süffig wie die erste Gruppe.

Dass Christof Widmer nie mit seinem Wissen prahlt, macht es angenehm, ihm zuzuhören. Aus ihm spricht weniger ein geschickter Verkäufer, vielmehr ein eingefleischter Bierfan. „Mein Interesse ist eine Leidenschaft, die aber wenig mit Leiden zu tun hat“, meint er scherzend.
Doch mit so einer Leidenschaft kommt man kaum zur Welt, wie und wann erwachte sie? „Mit dem ersten Bier, das mir mein Vater mit 16 bezahlte. Später interessierte man sich auf Reisen für das regionale Bierangebot.“ Bis aus diesem Interesse eine Art Berufung wurde, dauerte es Jahre.

Erste Anfänge
Im November 2013 eröffneten Conny und Christof Widmer ihren Laden an der Wiler Kirchgasse. Damals hatten sie rund 200 Biere vorrätig. Ihr Geschäft war lediglich am Freitag und Samstag geöffnet, beide arbeiteten daneben in Teilzeit in anderen Berufen.

Ab 2016 nahm das Geschäft seinen Vollbetrieb auf. In dieser Zeit konnten die Ehepartner nacheinander ihre Zertifikate als national und international anerkannte Biersommeliers an die Wand hängen.

Anstrengende Umstände
Der ehemalige Laden an der Kirchgasse hatte eine romantische Note, aber vor allem für die, die dort geniessen, nicht aber dort arbeiten mussten. Christof Widmer erzählt von steilen Treppen, auf denen die Harasse vom Lager in die Verkaufsräume hoch geschleppt werden mussten.

Zudem war das Degustationslokal für Gästegruppen aus Platzgründen an einem anderen Ort gelegen, mit anderen Worten: alles in allem eine logistische Herausforderung.

Am neuen Standort ist der Platz grosszügig bemessen und das alltägliche Hantieren ist weit weniger umständlich. Dafür ist die tägliche körperliche Ertüchtigung reduziert, wie Christof Widmer scherzend anmerkt und seiner Frau zuruft: „Nun müssen wir halt anderweitig für unsere Fitness sorgen.“ Für die geistige Fitness ist bereits gesorgt: Im Sommer wird Conny Widmer an einem Sensorik-Lehrgang auf Fachhochschulstufe teilnehmen.

Alkohol in Massen
Im Gegensatz zu Wein- oder Spirituosen-Proben, muss Bier gemäss Christof Widmer bei der Verkostung getrunken werden. Andernfalls werden das Bouquet und das Aroma nicht vollständig erfasst. Es gehört zum Job des Unternehmerpaares, dass es jede Woche mehrere neue Bierangebote degustieren muss. „Um die Menge des konsumierten Alkohols zu begrenzen, haben wir zwei alkoholfreie Tage in der Woche eingeführt.“

Nicht nur Bier
Eine letzte Frage bleibt: Wenn man den ganzen Tag von Bier umgeben ist, vergeht einem da nicht ab und zu die Lust und der Durst auf den Gerstensaft? „Auch privat trinken wir ab und zu ein auf die Situation abgestimmte Flasche“, erklärt der Experte und fügt mit einem verschmitzten Lächeln an: „Wenn wir Gäste haben, hole ich gelegentlich auch eine Flasche Wein aus dem Keller.“

Trick führte zu Qualitätssteigerung
Bier ist im heutigen Irak erfunden worden. Der Legende nach fiel einem sumerischen Bäcker versehentlich ein Stück Brot in einen Krug mit Wasser. Nach einigen Tagen stellte er fest, dass sich beides zusammen in eine berauschende Substanz verwandelt hatte. Aus der Zufallsentdeckung wurde eine Erfolgsgeschichte. Auf Bilddokumenten, die im Zweistromland um 3000 v. Chr. entstanden sind, lässt sich der gezielte Brauvorgang erstmals klar nachweisen.

Das neuartige Getränk fand bei verschiedenen Völkern grossen Anklang. Die Babylonier, die Nachfahren der Sumerer, kannten bereits 20 verschiedene Biersorten. In 320 Paragraphen regelten sie die Qualitätsnormen und auch den Bierpreis. Die Bestimmungen sahen unter anderem vor, dass ein Panscher in seinem wässrigen Gesöff ertränkt werden sollte. Auch die Ägypter erkannten die Vorzüge des so genannten «flüssigen Brotes» und entlöhnten ihre Pyramidenbauer mit Bier. Dokumente aus der Zeit um 1500 v. Chr. belegen, dass man auch in Mitteleuropa die Kunst des Brauens kannte. In China und in Südamerika lässt sich die Bierproduktion 300 Jahre später erstmals nachweisen.

Gutes Geschäft
Einer Schlaumeierei ist es zu verdanken, dass Bier in der Zeit nach Christi Geburt zünftig an Qualität zulegte: Weil in der Fastenzeit nur flüssige Nahrung erlaubt war, interessierten sich die Mönche für die Bierherstellung. Zuvor war sie meistens Aufgabe der Hausfrauen. Die Gottesmänner begannen den Brauvorgang zu systematisieren, denn für die Güte eines Bieres sind die Qualität der Ingredienzien sowie die präzise Steuerung des temperaturabhängigen Brauvorgangs entscheidend. Die Qualitätssteigerung machte sich im wahrsten Sinne des Wortes bezahlt, verschiedene Mönchsgemeinschaften verdankten ihren materiellen Reichtum unter anderem ihren Klosterschenken.