Nach zwei Stunden Carfahrt war Rot an der Rot im Bundesland Württemberg erreicht. Im Doppelstock-Bus waren die Reiseteilnehmenden von Vereinspräsident Hans Vollmar bereits mit ersten Informationen versorgt worden. Nach Kaffee und Gipfeli in der historischen Gaststätte „Alte Klostermühle“ wartete der ehemalige Schulleiter Walter Birnbickel als kundiger Führer auf die 45-köpfige Gruppe. Der erste Besuch galt der Bruderschaftskirche St. Johann. In einem ehemaligen Frauenkloster hatte sich 1579 als Geste des Dankes für den Sieg der Heiligen Liga gegen die Osmanen bei der Seeschlacht von Lepanto am 7. Oktober 1571 eine Rosenkranz-Bruderschaft eingerichtet. An die blutige Schlacht mit 30‘000 Gefallenen an einem einzigen Tag erinnert übrigens auch ein Teil des grossen Deckengemäldes in der Wiler Wallfahrtskirche Maria Dreibrunnen.

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Vereinspräsident Hans Vollmar (links) mit Führer Walter Birnbickel in der Kirche St. Johann in Rot

Zwischen 1737 und 1741 wurde unter den Prämonstratenser-Äbten Hermann Vogler und Ignaz Vetter die heutige spätbarocke Kirche erbaut, deren üppige Innenausstattung fast ausschliesslich Maria und dem Rosenkranz gewidmet ist. Heute wird die Kirche als Denkmal barocker Volksfrömmigkeit fast nur noch für Abdankungen genutzt.

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Die Kirche St. Johann ist Maria und dem Rosenkranz gewidmet

Der „Schwäbische Kreml“ zu Rot
Zierliche Türme und ein schlossartiges Konventsgebäude haben dem Prämonstratenser-Kloster Rot an der Rot aufgrund der sieben Turmabschlüsse den Titel „Schwäbischer Kreml“ eingetragen. Diese Hauptsehenswürdigkeit der kleinen Ortschaft wäre allein schon die Fahrt nach Oberschwaben wert gewesen. Gegründet wurde das Kloster im Jahr 1126. Das Fundament für den Prämonstratenser-Orden hatte der Wanderprediger Norbert von Xanten im Jahr 1121 im Tal von Prémontré bei Laon in Nordfrankreich gelegt. Von Rot aus erfolgten bis 1179 weitere Klostergründungen.

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So sah die Klosteranlage von Rot einst aus.

1681 wurde die Klosteranlage samt mittelalterlicher Klosterkirche durch einen Grossbrand zerstört und eine neue Kirche im barocken Stil errichtet. Abt Moritz liess diese gegen den Widerstand seines Konventes wieder abbrechen und auf deren Fundamenten von 1777 bis 1786 die heutige Pfarrkirche St. Verena erbauen, welche den unverwechselbaren Übergangsstil vom Barock zum Klassizismus dokumentiert. Von der alten Kirche übrig blieben das wertvolle Chorgestühl, der Vorraum und die Sakristei.

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Das Chorgestühl der Kirche St. Verena mit einer der beiden Holzhey-Orgeln

Heilige Verena als Kirchenpatronin
Die Pfarrkirche von Rot beeindruckt mit ihrem Hochaltar, dem Deckengemälde, dem Chorgestühl als Meisterwerk barocker Schnitzkunst und den beiden von Johann Nepomuk Holzhey geschaffenen Orgeln. Patronin der Kirche ist die Heilige Verena, die nach der Legende um 300 n.Chr. in Theben in Ägypten geboren wurde. Mit den Thebäern, welche den christlichen Glauben angenommen hatten, kam Verena nach Europa. Die christlichen Soldaten der Legion erlitten bei Saint-Maurice im Wallis den Märtyrertod. Verena überlebte und widmete sich fortan dem Dienst an den Armen und Kranken. Sie starb in Zurzach im Kanton Aargau, wo ihre Gebeine im heutigen Münster ruhen.

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Das Obere Tor begrenzte die Klosteranlage im Westen.

Im Zuge der Säkularisation im Jahr 1803 wurde auch das Reichskloster Rot enteignet. Aus der Klosteranlage entstand 1960 ein Jugend- und Bildungshaus der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Halb erschlagen von den vielen Eindrücken in dieser geschichtsträchtigen Ortschaft wartete auf die Reiseteilnehmenden im Gasthaus „Alte Klostermühle“ ein Dreigang-Menü, wobei genügend Zeit für die Pflege der Geselligkeit zur Verfügung stand.

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Die Kunst- und Museumsfreunde Wil und Umgebung begeben sich zum Mittagessen ins historische Gasthaus.

Spartanisches Kartäuser-Leben
Am Nachmittag ging es weiter nach Buxheim. Dort, im Bundesland Bayern, entstand 1402 in einer bestehenden Anlage eine der bedeutendsten Kartausen in ganz Deutschland. Im Gegensatz zu den Prämonstratensern, die sich noch heute in der Seelsorge engagieren, verläuft das Leben der Kartäuser sehr spartanisch in einer abgeschotteten Welt. In grosser Abgeschiedenheit widmen sich die Mönche nach einem rigorosen Zeitplan vor allem dem Gebet. Frauen haben in einer Kartause keinen Zutritt. Verstorbene Kartäuser werden ohne Sarg in der Klosteranlage begraben. An der Abdankung sind nur Männer zugelassen, also auch keine Mütter.

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Die Kartause Buxheim war einst eine der bedeutendsten in ganz Deutschland.
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Im Kreuzgang der ehemaligen Kartause

Odyssee des Buxheimers Chorgestühls
Im Barock setzte eine für ein Kartäuserkloster ungewöhnlich lebhafte Bautätigkeit ein, welche Kunstwerke von unschätzbarem Wert hinterliess, so insbesondere die St. Annakapelle von Dominikus Zimmermann, ein Kabinettstück des bayrischen Rokoko. 1802 wurde die Kartause aufgehoben. Das Kloster fiel 1809 durch Erbschaft an den Grafen Waldbott von Bassenheim, der die Anlage ab 1812 als Schloss nutzte. Sein Sohn Graf Hugo, ein berüchtigter Bankrotteur, liess 1883 das kunsthistorisch berühmte Buxheimer Chorgestühl nach England versteigern. Nach einer Odyssee über Holland und England wurde dieses 1980 für zwei Millionen Mark zurückgekauft und mit grossem Aufwand restauriert.

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Das prächtige Buxheimer Chorgestühl , das aus England zurückkehrte.

Heute werden Teile des Klosters vom Deutschen Kartausenmuseum, von den Salesianern Don Boscos sowie vom angrenzenden Gymnasium als Internat und Tagesheim genutzt.

Gedenktafeln erinnern an Nazi-Opfer in Memmingen
Vor der Rückfahrt nach Wil hatten die um viele Eindrücke reicher gewordenen Kunst- und Museumsfreunde noch eine Stunde Zeit für einen Bummel durch Memmingen mit einer sehenswerten Altstadt. An verschiedenen Stellen in der Innenstadt erinnern Gedenktafeln im Pflasterbelag an jüdische Bürgerinnen und Bürger der Stadt, die der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zum Opfer fielen – Mahnmale, welche den Teilnehmern der Kulturfahrt einen Schauer über den Rücken laufen liessen.

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Gedenktafeln erinnern an die ermordeten Bürger von Memmingen.

Für weitere Informationen: kunst-museumsfreunde-wil.ch