Schwungvoll führt Daniel Baumgartner durch die Heilpädagogische Schule (HPS) Flawil. Wer ihn auf diesem Rundgang begleitet, stellt fest, mit welch grosser Leidenschaft er das Amt des Institutionsleiters ausübt. Seit über 30 Jahren ist er an der HPS engagiert. Nun, am 28. Juni 2019, wird er pensioniert. Er wird jedoch das Schuljahr noch beenden. Der Zeitpunkt der Pensionierung könnte aus Daniel Baumgartners Sicht nicht besser sein. Denn wäre der Zeitpunkt ein anderer gewesen, hätte er zwangsläufig beruflich kürzertreten müssen.

Der Flawiler steht nämlich vor dem Höhepunkt seiner Politkarriere. An der Juni-Session dürfte er zum Kantonsratspräsidenten gewählt werden. Ein Amt, das sich mit seiner beruflichen Tätigkeit nicht hätte vereinbaren lassen. Das Kantonsratspräsidium mit den Repräsentationspflichten sei aufwendig, sagt Daniel Baumgartner. Wenn man seine Vorgängerinnen und Vorgänger als Massstab nimmt, kommen im Präsidialjahr zwischen 150 und 220 Einladungen auf Daniel Baumgartner als höchsten St. Galler zu.

Mandat zwischenzeitlich verloren

Daniel Baumgartner lebt seit 32 Jahren in Flawil. Er ist zwar in Wangen bei Olten geboren, aber schon längst ein «eingebürgerter Flawiler», wie er mit einigem Stolz sagt. 2002 trat er der SP bei. 2004 kandidierte er zum ersten Mal für den Kantonsrat – und rutschte bereits fünf Monate nach den Wahlen als erster Ersatz nach. Mit der Verkleinerung des Parlaments im Jahr 2008 verlor er zwar sein Mandat. Doch entmutigen liess er sich deswegen nicht. Drei Jahre später rückte er für Neu-Nationalrätin Barbara Gysi wieder nach. Seither sitzt Daniel Baumgartner ohne Unterbruch im Rat. 2012 und 2016 schaffte er die Wiederwahl problemlos.

Auch seine Wahl als Kantonsratspräsident in der Juni-Session gilt als sicher. Schliesslich geniesst der Flawiler über die Parteigrenzen hinweg breite Akzeptanz. «Die Wahl werte ich als eine Ehrbezeugung des Parlaments», sagt der 64-Jährige, der sich vor allem in bildungs-, sozial-, und familienpolitischen Themen engagiert. Seit Jahren präsidiert er unter anderem die Fachkommission Bildung der SP des Kantons St. Gallen. Aber auch die Gesundheitspolitik und der Öffentliche Verkehr sind ihm ein Anliegen. Es sei für ihn eine besondere Freude, der vierte Politiker und der erste Sozialdemokrat der Gemeinde Flawil zu sein, welcher den Kantonsrat präsidieren dürfe.

Toleranz und Wertschätzung

Das Amt des Kantonsratspräsidenten hat aber auch seinen Preis. Baumgartner muss in diesem Präsidialjahr auf parteipolitische Funktionen in lokalen und regionalen Gremien verzichten. Er scheidet aus den kantonsrätlichen Kommissionen aus, und er wird keine parlamentarischen Vorstösse einreichen können.

Dafür setzt er sich in diesem Jahr andere Ziele. «Ich will den Kanton würdig vertreten», sagt Baumgartner. Unter seinem Präsidium soll der Umgang im Rat geprägt sein von Toleranz und Wertschätzung. Mit einer gewissen Ruhe und Abgeklärtheit will er an das Amt herangehen. Und einer der wichtigsten Grundsätze der Heilpädagogik möchte er als Präsident in den Rat tragen: «Nicht gegen den Fehler, sondern für das Fehlende.» Und wenn die Kantonsräte vor schwierigen Entscheidungen stehen, sollen sie sich an die Präambel der Bundesverfassung erinnern. Dort steht unter anderem: «…, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen,…» Gerade dieser Textausschnitt gefällt Baumgartner ausserordentlich. Deshalb steht er auch als Leitspruch über seinem Präsidialjahr.

Auch der höchste Thurgauer kommt aus der Region

Daniel Baumgartner wird Nachfolger der Lütisburgerin Imelda Stadler (FDP), welche das Kantonsratspräsidium weitergibt. Somit stellt der Grossraum Wil nun den höchsten St. Galler und den höchsten Thurgauer. Vorletzte Woche war der Sirnacher Gemeindepräsident Kurt Baumann (SVP) zum Thurgauer Grossrats-Präsidenten gewählt worden.

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So läuft die grosse Feier ab

Seit Wochen laufen bei der Gemeinde Flawil die Vorbereitungen für den Empfang des designierten Kantonsratspräsidenten am kommenden Mittwoch, 12. Juni. Auf dem Marktplatz finden Empfang und Apéro statt, zu dem die Öffentlichkeit herzlich eingeladen ist. Der Extrazug wird um 15.11 Uhr in Flawil eintreffen. Danach findet um 15.30 Uhr der Festumzug vom Bahnhof über die Bahnhofstrasse und die Magdenauerstrasse zum Marktplatz statt. Danach sind auf dem Marktplatz von 15.45 bis 18 Uhr der Empfang und der Apéro anberaumt. Am Abend findet das Festbankett für die geladenen Gäste im Lindensaal statt. (rkf/red)

hallowil.ch wird am Mittwoch ausführlich über den Empfang von Daniel Baumgartner in Flawil berichten.