Christoph Blocher grinst von der Wand, auf dem Tresen steht ein Blumenstrauss im Weissbierglas und auf den Tischen liegen Karten mit Sicherheitshinweisen: Es ist ein Morgen in der ersten Woche nach dem 11. Mai, also nach den ersten Lockerungen auch fürs Gastgewerbe. Auch «Gino‘s Kunstcafé» in der Wiler Altstadt hat wieder geöffnet. Ab September sollen auch wieder Konzerte stattfinden, auch mit internationalen Grössen. Bisher gelten aber Auflagen: Nicht mehr als vier Personen an einem Tisch zum Beispiel, auf dem Tischchen am Eingang steht eine Flasche mit Desinfektionsmittel und man kann, muss aber nicht, Namen und Aufenthaltsdauer hinterlassen. Auf dem Tresen stehen Plastikwände. «Den Spuckschutz musste ich anbringen, sonst dürfte niemand am Tresen sitzen», erklärt Gino Bettiga, der Wirt, den alle «Gino» nennen. Die Massnahmen würden gut angenommen, die Leute seien sensibilisiert. Ausserdem freue man sich, dass die Lokale wieder offen sind, so habe ein Gast am ersten Abend den Blumenstrauss vorbeigebracht.

Gino Bettiga hat sein Kunstcafé im Dezember 2003 eröffnet, inzwischen ist es zu einer Art Institution in Wil geworden. Bei Gino trifft man sich zum Kaffee und zum Feierabendbier, zur Diskussion über Kunst, Kultur und die Welt überhaupt. Bildende Künstler stellen ihre Werke im Lokal aus. Die Werke hängen rund zwei Monate im Lokal und können auch erworben werden. Die ausstellenden Künstler kämen vor allem aus der Region, erzählt Gino. Derzeit hängen etwa fotorealistische Portraits des Wiler Illustrators Heinz Münger an den Wänden. Diese Ausstellung, in der auch das Portrait von Christoph Blocher zu sehen ist, sei wegen des Lockdowns nun verlängert worden. Die Bilder bleiben bis im Juni ausgestellt. Am Anfang habe er aktiv nach Künstlern suchen müssen, inzwischen kämen diese aber zahlreich auf ihn zu. So seien freie Ausstellungstermine erst wieder ab Frühjahr 2021 verfügbar.

«Blues oder Jazz? Am Publikum merkt mans!»

Neben den Ausstellungen lockten besonders die Konzerte ein diverses Publikum an. «Man merkt am Publikum, ob heute eine Bluesrock-Band auf dem Programm steht oder ein Jazzmusiker.» Bis auf die Sommermonate Juni, Juli und August findet einmal pro Monat ein Konzert statt, im Sommer sei ohnehin schon viel los. «9 x 17 Konzerte haben hier also schon stattgefunden», rechnet Gino vor. Neben Musikern aus der Region traten und treten auch internationale Künstler auf, der irische Gitarrenvirtuose Pat McManus zum Beispiel. Oder Chris Jagger, der Bruder von Rolling Stone Mick Jagger. Letzterer hätte im November dieses Jahr wieder auftreten sollen, aber: «Gerade eben hat mich sein Management kontaktiert. Chris Jagger hat sein Konzert bei mir leider abgesagt, offenbar wurden zu viele seiner Auftritte in der Schweiz abgeblasen.»

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Ab Ende September soll es im Kunstcafé auch wieder Livemusik geben.

Wie kommen diese Künstler aber überhaupt darauf, in der Wiler Altstadt zu spielen? «Ich bin bei verschiedenen Plattformen als Veranstalter registriert und werde deshalb angefragt.» Die Managements stellten dann jeweils ihre Bedingungen, also etwa die Höhe der Gage oder die Aufforderung, die Künstler unterzubringen und zu verpflegen. «Irgendwann findet man sich!», spricht Gino aus Erfahrung. Es gäbe natürlich immer wieder Anfragen, die er ablehnen würde, etwa, wenn nach «exorbitanten Gagen» gefragt würde oder die Ansprüche an ein Hotel zu hoch seien. Jene Künstler, die bei ihm auftreten, seien aber umgänglich und nahbar. Chris Jagger sei beispielsweise am nächsten Tag durch Wil spaziert und habe im Bioladen eingekauft. Untergebracht werden die Künstler nach Möglichkeit im «B&B Bett am Weiher», verpflegt direkt bei und von Gino selbst. Gino verrät: «Jagger hatte mein Menü nicht besonders gerne, glaube ich. Ich hab natürlich extra etwas Spezielles gemacht, Pizzoccheri. Das sind diese Teigwaren mit Buchweizen und Käse. Das hat ihm nicht besonders behagt. Aber er hat sich nicht beschwert.»

Raus, rein: Wenn am Konzert die Sicherung spinnt

Gibt es ein Konzert, das besonders in Erinnerung geblieben ist? Lange überlegen muss er nicht: «Das war vor zwei Jahren mit The Grizzled Mighty, einer Band aus Seattle. Da ist alle zwei Minuten die Sicherung rausgesprungen. Ein Gast hat die Sicherung immer wieder eingeschalten. In der Pause haben wir schliesslich ein Kabel zum Coiffeur nebenan gezogen, dann hats geklappt. Das Konzert war trotzdem gut.» The Grizzled Mighty sind für dieses Jahr im Oktober wieder gebucht. Läuft alles nach Plan, so findet in Gino‘s Kunstcafé denn auch ab September wieder rund einmal im Monat ein Konzert statt, den Auftakt machen die Österreicher von Runaway 27, Left am 25. September.