Siebzehn und eine halbe Saison war Dejan Baumann Spieler der 1. Mannschaft des FC Bazenheid. Viele davon, wie in der aktuellen, in der 2. Liga interregional und als Captain. In diesem Sommer hätte Baumanns lange Aktiv-Karriere ein würdiges Ende finden sollen, am liebsten mit dem Klassenerhalt der abstiegsgefährdeten Toggenburger. Weil die Amateursaison nun aber aufgrund der Corona-Pandemie abgebrochen wurde, wird Baumann auf einen würdigen Abschied im Rahmen eines Meisterschaftsspiels verzichten müssen. Baumann, der auf die neue Saison Banzenheids Sportchef wird, spricht erst am Schluss des Telefongesprächs über den persönlichen Aspekt. 

Er betont, dass man den Fussball, und besonders den Amateurfussball, in dieser Situation nicht zu wichtig nehmen soll. Und Persönliches, wie ein ins Wasser fallender Abschied, schon gar nicht: «Man muss das nicht dramatisieren, es ist nicht so tragisch.» Er sagt aber auch, dass er es schon nochmals habe geniessen wollen auf dem Platz, und dass er seinen Rücktritt auch deshalb früh kommuniziert habe.

Karrieren enden ohne Abschiedsspiel

Wie Baumann geht es noch anderen Akteuren im regionalen Fussball. Zum Beispiel Wämsi Bosshart, Assistenztrainer beim Drittligisten FC Münchwilen, oder Sokol Maliqi, Trainer des FC Uzwil (2. Liga Interregional). Der eine hört im Sommer auf, der andere wird Trainer beim FC Kosova Zürich in der 1. Liga (Maliqi). Während die Karrieren der einen abrupt enden, verschafft der Saisonstopp anderen willkommene Zeit. Alessandro Maier etwa, der beim SC Bronschhofen (2. Liga) im Winter zum Spielertrainer gemacht wurde, oder Raffael Spescha, der den FC Bazenheid an der Seitenlinie zum Klassenerhalt hätte coachen sollen. Bisher konnten Spescha und die Mannschaft erst drei Wochen zusammen arbeiten, das Trainingslager in Lissabon im Februar eingerechnet.

Zur regulären Saisonvorbereitung ab dem Juli könnten jetzt noch einige Trainingswochen hinzukommen. Insbesondere, wenn, wie von allen Amateuren erhofft, am 27. Mai die strengen Auflagen für Mannschaftstrainings gelockert werden. Bis dahin werde beim FC Bazenheid wohl trotzdem in irgendeiner Form trainiert, sagt Baumann – in den vorgeschriebenen Gruppen von maximal 5 Leuten. Wie genau sei noch unklar, man werde in den kommenden Tagen mit Trainer Spescha zusammensitzen, um die Trainings in Abstimmung mit dem Schutzkonzept des Schweizerischen Fussballverbands (SFV) zu planen. Denkbar sei etwa, dass gestaffelt trainiert werde. Es gehe in erster Linie darum, an der Fitness zu arbeiten und «in einen Rhythmus zu kommen». Neben dem FC Bazenheid will unter den von hallowil.ch angefragten Vereinen nur der FC Münchwilen noch im Mai wieder ins Training einsteigen. Bei den Hinterthurgauern soll es ab dem 11. Mai unter den Schutzvorkehrungen des SFV losgehen, sagt noch-Assistenztrainer Bosshart.

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Der Abschied von Uzwils Trainer Sokol Maliqi auf der Rüti fällt ins Wasser. 


Unpraktikable Auflagen

Neben der vorgeschriebenen Gruppengrösse und dem Verbot von Körperkontakt zählen dazu: Die Anreise per ÖV oder Fahrgemeinschaft, Umziehen, Duschen, aber auch Handshakes und Spucken sind verboten. Dazu müssen alle Trainingsmaterialen – Bälle, Hütchen, Tore – nach dem Training desinfiziert und die Sportanlagen täglich gereinigt werden. Für die meisten Vereine würde die Einhaltung dieser Bestimmungen einen zu grossen Aufwand bedeuten. Der SC Bronschhofen, das 4. Liga-Team des FC Wil, der FC Kirchberg, der FC Bütschwil, (beide 4. Liga) der FC Uzwil (2. Liga Interregional) und der FC Eschlikon (4. Liga) verzichten bis zum 27. Mai auf Trainings. Dann könnte der Bundesrat neue Lockerungen bekannt geben.

In den Gesprächen mit Trainern und Funktionären wird klar: Die Amateure vermissen den Fussball, nehmen ihr Hobby aber gleichzeitig nicht so wichtig. Beim FC Zuzwil (3. Liga) erkrankte das Vorstandsmitglied Urs Gschwend schwer an Covid-19. Inzwischen geht es ihm wieder besser. Die Erkrankung eines Mitglieds habe aber allen im Verein nochmals bewusst gemacht, dass «die Gesundheit und der Mensch im Vordergrund stehen», sagt Präsident Fabio Vitto. Auch Yannick Bamert, Trainer bei Wil (4. Liga) sagt: «Nicht zu trainieren macht jetzt Sinn. Eigeninitiative ist da fehl am Platz.»

FIFA-Turnier statt Beiz

Manchen kommt die trainings- und matchfreie Zeit in gewisser Hinsicht sogar gelegen. Einer seiner Spieler könne so in Ruhe sein Haus umbauen, sagt etwa Ruedi Eisenhut, Trainer des FC Bütschwil. Generell sei der Verzicht auf den Sport für die jüngeren Spieler schlimmer, sagt Eisenhut, dessen halbes Kader aus Spielern im A-Junioren-Alter besteht, wie er sagt. Dass diese nun mit einer vielleicht verlängerten Vorbereitung noch besser an den harten 4. Liga-Alltag gewöhnt werden können, habe auch etwas Gutes, sagt Eisenhut, dessen Spieler während des Lockdowns ihre privaten Trainings in einer App dokumentieren mussten. Eisenhut sagt: «Am meisten fehlt den Jungs der gemeinsame Donnerstagabend nach dem Training.» Als Ersatz für die Beiz hätten sich die Spieler bei FIFA-Turnieren oder in Videochats online getroffen. Ein weiterer aus sportlicher Sicht positiver Aspekt könnte sein, dass es in der Vorbereitung weniger Ferienabsenzen gibt, sagt Eisenhut.

Trotz Tabellenführung kann man dem Abbruch auch bei Ligakonkurrent Kirchberg eine gute Seite abgewinnen. Die Winter-Zugänge um Mario Kuhn vom FC Bazenheid könnten so noch besser integriert werden, sagt Trainer Domenico Esposito. Ausserdem könnten lange verletzte Stammspieler wieder behutsam aufgebaut werden. Auch Bronschhofens Trainer Maier ist nicht unglücklich, nicht mit dem aktuellen knappen Kader in eine schwere Rückrunde gehen zu müssen. Gleich drei wichtige Spieler seien zudem zum Armeeeinsatz aufgeboten worden.

Zuzwil via Los in die Cup-Hauptrunde?

Sportlich beurteilen die Trainer und Funktionäre den Saisonabbruch der Tabellensituation ihres Vereins entsprechend. Zuzwil, Kirchberg und Bütschwil belegten in ihren Ligen den ersten oder zweiten Rang. Kirchberg und Bütschwil hätten sich gar im letzten Spiel zu einer möglichen Finalissima auf der Bütschwiler Breite treffen können. Kirchberg-Trainer Esposito: «Es ist sicher schade um das, was wir uns in der Hinrunde erarbeitet haben. Ich würde es aber nicht dramatisieren.» Zuzwil kann sich immerhin mit der Aussicht auf den möglichen Einzug in die Cup-Hauptrunde per Los trösten. Präsident Vitto sagt dazu: «Ich hätte gerne gesehen, wie sich die Mannschaft das auf dem Platz holt.»

In Bronschhofen und Bazenheid, beide im Abstiegskampf, ist die Gefühlslage naturgemäss etwas anders. «Wenn du unten bist, ist es natürlich angenehmer, als wenn du um den Aufstieg spielst», sagt Bronschhofens Trainer Maier. Der Bazenheider Baumann betont aber auch: «Wir hätten es gerne sportlich geschafft.» Alle angefragten Trainer und Funktionäre sind sich aber einig, dass der Abbruch die einzig richtige Lösung sei. Bütschwils Eisenhut und Kirchbergs Esposito hätten aber statt dem Neustart die auf Verbandsebene ebenfalls diskutierte Variante, die neue Saison mit dem Punktestand der Winterpause zu starten, gerecht gefunden.

Kaderplanung statt Existenzängste

Existenzängste wegen ausfallenden Einnahmen durch Clubhaus-Gastronomie, Eintritte und Grümpelturniere haben die angefragten Vereine nicht. Kirchberg hofft, sein Fussballfestival noch im September durchführen zu können, genau wie der SC Bronschhofen sein «Oktoberfest». Die meisten Trainer der umliegenden Vereine verzichten teilweise oder ganz auf ihre Aufwandsentschädigungen. «Dorfvereine, die ihren Spieler nichts oder fast nichts bezahlen, haben sicher weniger Mühe», mutmasst Kirchbergs Esposito und erwähnt den aargauer Verein FC Wettingen, der freiwillig aus der 2. Liga interregional in die 2. Liga absteigt, weil nach dem Absprung von Sponsoren und ausfallenden Festen die Löhne mancher Spieler nicht mehr gestemmt werden können.

Beim FC Uzwil ist man schon in der Kaderplanung für nächste Saison, sagt der Sportchef und baldige Trainer Armando Müller. Das Gros der aktuellen Spieler habe auch für die nächste Saison zugesagt. Neben einigen jungen Spielern werden mit Michel Lanker und Luca Lanzendorfer zwei Spieler mit 1. Liga-Erfahrung den interregionalen Zweitligisten verstärken. Auch Ligakonkurrent Bazenheid hat «zwei bis drei Zuzüge» in Aussicht, wie Dejan Baumann sagt. Er selbst wird nur noch an der Seitenlinie dabei sein, falls es nach den Sommerferien wieder losgeht. Was es sicher nicht geben werde: einen Abschieds-Einsatz im ersten Meisterschaftsspiel. «Dann geht es nicht mehr um Dejan Baumann, sondern um drei Punkte.»