Als es noch keine Lebensmittelindustrie gab und sich viele Menschen von selbsterzeugten Nahrungsmitteln ernährten, war das Sommerhalbjahr für die bäuerliche Bevölkerung eine sehr arbeitsreiche Zeit. Auf den Feldern musste gesät und geerntet werden. Vieh wurde geweidet. Lebensmittel mussten für den Winter haltbar gemacht werden. Da blieb kaum Zeit für Bräuche. 

In der ruhigeren Phase des Jahres gab es gemäss der Historikerin Magdalen Bless-Grabherr vermehrt Gelegenheiten für rituelle Feiern wie etwa Nikolaus, Advent, Weihnachten, Sylvester, Dreikönige und Fastnacht. Im Winterhalbjahr fällt der Expertin für die Wiler Vergangenheit eine auffallende Häufung von feierlichen Anlässen auf, die man so im Sommer nicht kennt.

Scheppernde Teller für die Missliebigen

Früher pflegte man in Wil und anderswo in der kalten Jahreszeit noch weit mehr rituelle Veranstaltungen als heute, etwa das sogenannte Bochseln: Junge Leute fegten durch die nächtlichen Strassen und klopften und polterten an Türen und Fensterläden. Missliebigen Personen warf man altes Geschirr vor die Haustüre, das laut klirrend zerbrach. Im Wiler Steuer- und Rechnungsbuch von 1504 ist dieser Lärmumzug erwähnt.

In Weinfelden wird die Bochselnacht bis heute begangen, allerdings als harmloser Schülerumzug. In anderen Städten und Gemeinden geriet er in Vergessenheit oder wurde verboten. Das Dialektwort «pösseln» erinnert noch an dieses einstige Treiben. Und der an Polterabenden und an Vermählungen gepflegte Brauch des Geschirrzerschlagens dürfte ein Überbleibsel dieses Rituals sein. Durch den Lärm sollen schädliche Wesen vom Brautpaar ferngehalten werden.  

Mildes und wildes Maskentreiben

Eine weitere dieser alten kultischen Traditionen ist das Wiler Teufelstreiben während der Fastnacht. Es ist unklar, weshalb er sich in der Äbtestadt über all die Jahrhunderte erhalten hat. Während sich anderswo die Fastnacht in ein buntes und harmloses Maskentreiben gewandelt hat, geraten Uneingeweihte und Neuzuzüger in überraschtes Staunen, wenn sie vor dem Hof zum ersten Mal von den furchterregenden Teufelsgestalten mit ihren Schweineblasen bedrängt werden. Derart schauerliche Fratzen kennt man vor allem aus dem Lötschental im Wallis, dort werden sie als Tschäggättä bezeichnet. 

Magdalen Bless-Grabherr vermutet altheidnische Ursprünge hinter dem Wiler Teufelsbrauch. Mit dem grimmigen Kostüm sollten Dämonen vertrieben werden. Unerlöste Seelen können gemäss Mythologie als schädliche Wesen umherirren und Unheil anrichten. Bis heute spielen in verschiedenen Kulturen Afrikas und Asien sowie weiteren Regionen die Geister der Verstorbenen eine grosse Rolle bei den Lebenden. Die Ahnen können sie auf verschiedene Weise quälen. 

Einfluss überirdischer Kräfte

Vor den raschen Fortschritten der Wissenschaft ab ungefähr 1800 führten die Menschen Seuchen, Unfälle, Hungersnöte, Missernten und weitere Unglücke auf Hexen und Dämonen zurück. Denen hatten sie ausser Gebeten, Fürbitten, Bussen und Prozessionen wenig entgegenzusetzen. Der Mensch war den Mächten des Jenseits, der Unterwelt und des Schicksals nahezu ohnmächtig ausgeliefert. Viele heidnische magische Praktiken und Riten zur Bannung negativer Wesen wurden im 6. und 7. Jahrhundert mit der Ausbreitung des Christentums umgedeutet oder verboten. Oft haben sich die alten Bräuche mit den christlichen vermischt, wie beispielweise die Wintersonnenwende mit Weihnachten und Ostern mit Fruchtbarkeitskulten.  


Reinigendes Feuer

Ein bewährtes Mittel gegen unheilbringende Geister ist Lärm, etwa in Form von Schellen und Peitschen knallen. Auch Feuerwerk ist ein verbreitetes Instrument, ebenso das bereits erwähnte Zerschlagen von Geschirr. Ebenso wichtig ist Feuer. Magadalen Bless-Grabherr führt es auf einen heidnischen Vegetationskult zurück. «Feuer galt seit jeher als Heiliges, Läuterndes und Reinigendes. Mit dem grossen Feuer wurden die vegetationshemmenden Winterdämonen verjagt und verbrannt.» Möglicherweise hat das Verbrennen des Nörgelis in Wil seine tiefsten Ursprünge auch in diesem Ritual. Immerhin wird in Zürich am Sechseläuten symbolisch der Winter verbrannt. Ähnliche Riten kennt man auch in Winterthur, Biel, Solothurn, Amsteg und weiteren Gemeinden. 

Im alemannischen Kulturraum wird manchenorts am Sonntag nach dem Aschermittwoch, am sogenannten Funkensonntag, ein grosses Feuer entzündet. 

Schrecken bannen

Gemäss Bless-Grabherr galt in Mittelalter das Prinzip gleiches mit gleichem zu bannen (Similia similibus). Dämonen werden mit Fratzenmasken in die Flucht getrieben. «Man ahmte sie in den Masken nach und beschwor und bannte sie zugleich. Darüber hinaus hatte diese Darstellung auch einen psychologischen Entlastungseffekt: Indem man das, wovor man sich fürchtete, handfest fassbar machte, überwand man zugleich seine Angst.»

Auch am alten Sylvester in Urnäsch sind wird das Erschrecken und Vertreiben von Dämonen mit teils furchterregenden Aufzügen alljährlich gepflegt. 


Fasten oder zeugen

Für Bless-Grabherr vereinigen sich in den Fastnachtsbräuchen zwei historische Wurzelstränge: «Tatsächlich liegen die Ursprünge der Fasnacht in altheidnischen Winter- und Frühlingsfesten – in Festen, die einerseits dem Totenkult, anderseits und vor allem dem Vegetationskult, der Aufweckung der Fruchtbarkeit galten.»

Bereits der Begriff «Fasnacht» ist für die Historikerin doppeldeutig: «Man weiss nicht mit Sicherheit, ob es sich um <Fastnacht> - Nacht vor dem Fasten, oder aber vom althochdeutschen Wort <fasen> - gedeihen, zeugen, ableitet.» 

Schrecken und Ausgelassenheit

Auf den ersten Blick mag diese Kombination nicht zusammenpassen, jedoch: «Schon bei den alten Masken- und Totenfesten folgten auf die Schrecken, die Zerstörung und die Sühne folgte schliesslich Reinigung, Befreiung, Segen und Fruchtbarkeit.» Früher war die Fastnacht ein beliebter Hochzeitstermin.

Bless-Grabherr betont weiter: «Die Fasnacht wies darum eine merkwürdige Zwiespältigkeit von Grauen und Lust, von erschreckender Bosheit und komischer Groteske im Maskentreiben auf.» Dieser prickelnde Spannungsbogen zwischen den bedrohlich wirkenden Teufelsfiguren und dem Spassfaktor der Fastnachts-Bulle ist alljährlich am Gümpelimittwoch auf dem Wiler Hofplatz zu erleben.

Im Video: Unterwegs mit den Wiler Tüüfeln