In den vergangenen Tagen hat der Entscheid der St. Galler Regierung für Aufsehen und viel Diskussionsstoff gesorgt. Denn der Kanton möchte am kommenden Montag mit dem sogenannten Halbklassen-System die Schulen  aus dem wochenlangen Lockdown holen. So sollen in den ersten vier Wochen nur jeweils die Hälfte einer Schulklasse am Präsenzunterricht teilnehmen. Und erst danach will der Kanton in den letzten vier Wochen vor den Sommerferien mit dem Normalbetrieb weitermachen. Und gerade dieser Fahrplan sorgt bei Experten und Eltern für rote Köpfe (siehe die beiden Artikel unten). Doch wie will sich beispielsweise die Stadt Wil ab Montag organisieren?

«Die bestehenden Klassen werden jeweils auf zwei Gruppen aufgeteilt», teilt die Kommunikationsabteilung der Stadt Wil in einer Medienmitteilung mit. Die Wiler Primarschüler besuchen ab Montag bis zum 5. Juni tageweise abwechselnd die Schule. Auf der Oberstufe erfolge der Unterricht ebenfalls abwechselnd, jedoch könne der Wechsel der Gruppe auch halbtageweise sein. Der bisherige Stundenplan mit den einzelnen Fächern gebe den Rahmen vor. «Damit kann sichergestellt werden, dass die ordentliche Lektionentafel einer Woche innerhalb zweier Wochen unterrichtet wird», so die Stadt. Die Weisungen des Bildungsdepartements des Kantons St. Gallen werde damit umgesetzt.

Auch Logopädie und Musikschule finden wieder statt

An Tagen ohne Unterricht soll nach Angaben der Mitteilung die Betreuung nach Möglichkeit von den Eltern sichergestellt werden. «Ist dies bei einem Primarschulkind nicht möglich», heisst es weiter, «wird die Betreuung durch die Schule und die angegliederten Tagesstrukturen wahrgenommen». Fördermassnahmen wie Logopädie- oder Psychomotoriktherapie können ab dem 11. Mai ebenso wieder besucht werden wie der Instrumentalunterricht der Musikschule. «Die Verhaltens- und Hygienemassnahmen werden beim Unterricht vor Ort und in der Betreuung konsequent umgesetzt, um Kinder, Lehr- und Betreuungspersonen bestmöglich zu schützen», verspricht die Stadt Wil. (pd/red)

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Tausende Eltern sind gegen das Halbklassen-System (04.05):

Der kommende Montag wird in den Schulzimmern der Region Wil ein spezieller. Während zum Beispiel in Rickenbach und Wilen auf Thurgauer Gebiet die Schule nach dem Lockdown wieder ganz normal aufgenommen wird, ist einige wenige Meter weiter in der Stadt Wil auf St. Galler Kantonsgebiet nur Halbklassen-Unterricht erlaubt. Und das während vier Wochen. Dieser Flickenteppich sorgt nicht nur für viele Fragen, sondern auch für immer mehr Unverständnis. Über das Wochenende haben weit über 4000 Eltern eine Online-Petition unterschrieben, mit welcher erreicht werden soll, dass die Wiederaufnahme des Schulbetriebs nicht im Halbklassen-System erfolgt. Die Petition ist für die Kantone St. Gallen und Zürich gültig, da in beiden Kantonen zuerst nur in Halbklassen unterrichtet werden soll. Dies berichtet das Regionaljournal von Radio SRF am Montagmorgen.

Auch die Politik wird aktiv. Am Montag reichte die FDP des Kantons St. Gallen eine einfache Anfrage ein. Auch diese hat zum Ziel, dass die Regierung ihren Entscheid mit dem Halbklassen-System nochmals überdenkt – oder die Dauer des Halbklassenunterrichts zumindest kürzt. Der Koordinations- und Mehraufwand für Eltern, Familien und Lehrpersonen sei gross. Das findet auch die Wiler Schulratspräsidentin Jutta Röösli. Direkt mit dem normalen Betrieb zu beginnen, «würde schneller zu einem bekannten Rhythmus im Lernen sowie zu einer klar geregelten Struktur im sozialen Bereich führen», ist Röösli überzeugt (siehe unten).

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Schulstart: Stimmen nach dem Bundesrats-Entscheid (1.5.)

Am 11. Mai sollen die obligatorischen Schulen wieder aufgehen – dies hat der Bundesrat so entschieden. Doch wie die Schulöffnungen geregelt werden, ist den Kantonen überlassen. Die damit verbundene Unsicherheit spiegelt sich in der unterschiedlichen Herangehensweise der einzelnen Kantone: Der Kanton Thurgau beispielsweise beginnt wie die meisten Schweizer Kantone mit dem vollen Programm – die Kantone St. Gallen und Zürich starten vorerst mit halben Klassen. Der St. Galler Entscheid überrascht: Obwohl der Kanton bisher vom Corona-Virus nicht sonderlich getroffen wurde, startet dieser während vier Wochen mit dem Halbklassen-System, erst danach will man noch vier Wochen bis zu den Sommerferien mit dem Ganzklassen-System weiterarbeiten. Doch welcher Fahrplan macht nun mehr Sinn? Wo liegen die Vor- und Nachteile der beiden Systeme? hallowil.ch hat bei verschiedenen Experten im Bildungssektor nachgefragt.

Dieser Entscheid stösst vor allem bei Thomas Minder, Schulleiter der Volksschulgemeinde Eschlikon und Präsident des Verbandes Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz, auf Unverständnis. «Ich kann es nicht verstehen», sagt Minder gegenüber hallowil.ch. Für den Schweizer Schulleiter-Verband sei es einfach nicht nachvollziehbar, dass die einzelnen Kantone so unterschiedlich reagiert haben. «Wenn das Bundesamt für Gesundheit sagt, dass man am 11. Mai ohne weitere Einschränkungen die Schulen wieder öffnen kann», führt Minder weiter aus, «dann sieht der Verband nicht ein, auf welcher Grundlage der Kanton St. Gallen den Halbklassen-Unterricht beschliesst.» Bis auf die beiden Kantone St. Gallen und Zürich starten alle Schweizer Kantone mit dem normalen Unterricht. Deshalb befürworte er als Verbandspräsident, dass alle obligatorischen Schulen in der Schweiz dann in den Normalbetrieb zurückkehren. «Sogar der Kanton Tessin, der weitaus betroffener vom Virus war, nimmt den normalen Unterricht wieder auf», so Minder.

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Thomas Minder, Schulleiter der Volksschulgemeinde Eschlikon und Präsident des Verbandes Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz, kritisiert den Kanton St. Gallen, der am 11. Mai die Schulen im Halbklassen-System wieder öffnen möchte. (Bild pd)

Schulratspräsidentin sieht den Aufwand

Laut Jutta Röösli, Wiler Schulratspräsidentin, zeigt eine erste Sichtung der kantonalen Weisungen, dass die Umsetzung eines Halbklassen-Unterrichts aus organisatorischer Sicht sehr anspruchsvoll ist. Die Umsetzung der Phase I des zwei-Phasen-Planes für die vier Wochen – vom 11. Mai bis zum 5. Juni  mit dazwischenliegenden Feiertagen – sei mit erheblichem Aufwand verbunden. «Es gilt einen Stundenplan für die Halbklassen zu erstellen, der die Lektionentafel innerhalb zwei Wochen abdeckt und mit den personellen Ressourcen bewerkstelligt werden kann», erklärt Röösli. Neben dem Unterrichten der Schülerinnen und Schüler sei auch eine Betreuung für die Kinder einzurichten, die nicht Unterricht haben und deren Eltern die Betreuung nicht selber sicherstellen können. «Es ist aktuell schwierig, den Betreuungsbedarf und damit auch den Bedarf an personellen Ressourcen für die Betreuung einzuschätzen», schildert die Schulratspräsidentin die aktuelle Situation.  In den Schulen seien spezifische Verhaltens- und Hygienemassnahmen einzuhalten, die Einfluss auf die Unterrichtsorganisation und auf den erforderlichen Schulraum hätten. So gebe es beispielsweise Lehrpersonen, die zur Risikogruppe gehören und die deshalb für den Unterricht nicht eingesetzt werden können. «Die Fördermassnahmen wie beispielsweise Logopädie sollen wieder durchgeführt werden», sagt Röösli, «was weitere organisatorische und personelle Herausforderungen mit sich bringt.» Auch für die Eltern dürften sich aufgrund des Halbklassen-Unterrichts organisatorische Herausforderungen ergeben, wenn die Kinder nicht den üblichen Stundenplan haben werden und wenn bei mehreren Kindern unterschiedlichste Unterrichtszeiten bestehen. 

Nach Angaben von Röösli ist der festgelegte Halbklassen-Unterricht in der Organisation aufwendig. «Und dies für eine relativ kurze Zeitdauer.» Mit einem ganz normalen Schulbetrieb wieder zu starten, wie es andere Kanton machen, wäre für alle Beteiligten deutlich einfacher. «Das würde schneller zu einem bekannten Rhythmus im Lernen sowie zu einer klar geregelten Struktur im sozialen Bereich führen», ist Röösli überzeugt. 

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Jutta Röösli, Schulratspräsidentin in Wil, sagt, dass das Halbklassen-System «erheblichen Auswand» mit sich bringt. (Bild pd)

Schulstufen unterschiedlich organisieren

Auch Freddy Noser, Schulleiter des Oberstufenzentrums Sproochbrugg in Zuckenriet und Präsident des St. Galler Schulleiter-Verbandes, ist nicht vom Halbklassen-System überzeugt. Für hallowil.ch war Noser am Freitag nicht erreichbar, aber gegenüber TV Ostschweiz kritisierte er das zwei-Phasen-Modell scharf: «Im Kanton St. Gallen waren wir mit dem Fernunterricht sehr gut unterwegs.» Mit dem Halbklassen-System gehe man nun einen Schritt zurück. Er rechne damit, dass seine Schüler der Osterstufe Sproochbrugg jeweils vormittags alleine mit den Hausaufgaben zu Hause sitzen. «Das kann ich nicht nachvollziehen», so Noser. Der St. Galler Schulleiter-Verband sei der Meinung, dass man die einzelnen Schulstufen unterschiedlich organisieren müsse. In einem Kindergarten müsse man etwas anderes anbieten als an einer Oberstufe. 

Eine Utopie

Der höchste Schweizer Schulleiter sieht keine Vorteile darin, am 11. Mai mit dem Halbklassenunterricht zu beginnen. «Während die eine Hälfte einer Klasse im Präsenzunterricht ist», illustriert Minder die Situation, «muss für die andere Hälfte der Klasse trotzdem eine Betreuung gewährleistet werden.» Schliesslich fahre auch die Wirtschaft wieder hoch und viele berufstätige Eltern würden demnächst nicht mehr im Homeoffice bleiben. «Wo wird also die andere Klassenhälfte betreut? Richtig, auch in der Schule», erklärt Minder – dem es am Herzen liegt, dass kein Kind unbeaufsichtigt bleibt – die Sachlage. Also müssten die betroffenen Schulen «eine ausserordentliche Organisation aufziehen». Es gehe dabei nicht um den Aufwand – dieser stelle kein Problem dar. «Dem Verband geht es einzig allein um den Vorteil für die Schulen», führt Minder weiter aus. Sämtliche Schulkinder würden sich sowieso ab dem 11. Mai – egal, ob im Halbklassen- oder im Ganzklassensystem – auf den Schularealen befinden. «Es ist eine Utopie, wenn wir meinen, dass sich die Kinder nicht auf dem Schulweg oder Pausenplatz begegnen», weiss Minder. Und noch einmal betont er den Standpunkt des BAG, dass die Schulen es wagen dürfen, den Unterricht normal aufzunehmen. «Nehmen wir den Grossraum Wil, der ein Kulturraum ist», sagt Minder, «hier geht willkürlich eine Kantonsgrenze durch – ich weiss aber nicht, was in Wil anders sein sollte als in Münchwilen.»

Emotionen nach dem Lockdown sind ein grosses Thema

Den 11. Mai sieht Minder als kein grosses Problem für die Schulen. «Wir können uns wirklich nicht beklagen», meint der erfahrene Schulleiter. Als es zum Lockdown gekommen sei, habe man von allen Seiten die Arbeit angepackt und den Fernunterricht bestmöglich organisiert. Viel mehr macht sich Minder Gedanken über Familien, die in wirtschaftliche Not geraten sind. «Hier haben einige Menschen ihre Arbeit verloren oder haben mit der Krise grosse Angst um ihre Arbeitsstelle», sagt er. Die grösste Herausforderung – sowohl für die Lehrer und Schulleiter als auch für die Schüler – sieht Minder in den Emotionen. «Zum aktuellen Zeitpunkt wissen wir nicht, wie die einzelnen Schüler emotional unterwegs sind», erklärt er. Hier werde in den kommenden Wochen das grösste Augenmerk gelegt. «Auch wissen wir noch nicht, wie viele Kinder überhaupt in die Schule kommen, die vurnerabel sind oder vurnerable Angehörige haben.»