Im Januar zeigte eine Analyse des Jahres 2016, welche das Bundesamt für Statistik (BFS) lancierte, dass Frauen in der Schweiz 20 Prozent weniger verdienen als Männer. «Die Lohndifferenzen zwischen Frau und Mann sind grösser, je höher die Führungsfunktion ist», heisst es in einer Mitteilung des BFS. Im untersten Lohnsegment seien mehr Frauen tätig, im obersten mehr Männer.

Die kürzlich veröffentlichten Zahlen einer Studie, die Amnesty International veranlasst hat, sind tragisch. Laut den Ergebnissen hat schon jede fünfte Frau sexuelle Handlungen gegen ihren Willen erlebt. Und: «Jede zehnte Frau hatte Geschlechtsverkehr ohne ihr Einverständnis».

Frauen schrauben ihr Arbeitspensum runter oder geben ihre Arbeitsstelle auf, wenn es darum geht, ihr Kind oder ihre betagten Eltern zu pflegen. Die Folgen einer solchen Entscheidung sind gravierend: tiefere Einkommen. Und damit sinkt auch die Absicherung durch die Sozialversicherung. 2,8 Milliarden Arbeitsstunden werden in der Schweiz jedes Jahr für die Betreuung von Kindern und Erwachsenen benötigt. Und deshalb hat die Armut in der Schweiz einen Namen: Frauen.

Warum es den Frauenstreik braucht? Darum. Der Text könnte eigentlich an dieser Stelle enden. Denn die oben genannten Fakten sprechen für sich. Doch heute sind reale Geschichten nötig, die zeigen, welchen Problemen Frauen noch im Jahr 2019 ausgesetzt sind. 

Ich bin nicht feministisch erzogen worden. Aber auch nicht antifeministisch. In meinem kroatischen Elternhaus hiess es nie, dass ich putzen müsse, weil ich eine Frau bin. Es hiess auch nie, dass ich kochen müsse, weil ich eine Frau bin. Es hiess einfach, dass ich putzen und kochen können müsse – um später einen Haushalt anständig führen zu können. Meine Eltern teilten alles untereinander auf. Den Haushalt. Die Kindererziehung. Das Arbeitspensum. Für mich war es nie komisch, meinen Papa am Kochherd zu sehen. Oder beim Wäschewaschen. Oder beim Putzen des Badezimmers. Für mich war es auch normal, dass meine Mama zwischendurch nicht zu Hause war, weil sie zur Arbeit ging.

Niemand hat mir je gesagt, dass ich etwas nicht erreichen kann, weil ich eine Frau bin. Niemand hat mir je gesagt, dass ich etwas besser kann, weil ich eine Frau bin. Niemand hat mir je einen bestimmten Beruf ans Herz gelegt, weil ich eine Frau bin. Niemand hat mich je ignoriert, weil ich eine Frau bin.

In diesem Sinne sah ich mich nie mit einem von der Gesellschaft vorgeschriebenen Frauenbild konfrontiert. Im Gegenteil. Ich fühlte mich nie schwach, ausgeschlossen, diskriminiert, bedrängt, benachteiligt oder minderwertig. Ich habe alles erreicht, was ich wollte: Ich habe an der Schweizer Journalistenschule in Luzern studiert. Ich ging jeden einzelnen Schritt von der Praktikantin bis zur stellvertretenden Chefredaktorin. Ich bin Buchautorin geworden. Meinen Weg konnte ich immer aus eigenem Willen und eigener Kraft wählen. 

Und dann kam dieser eine Tag, der alles veränderte. Es war Anfang März 2018. Als ich meinem damaligen Arbeitgeber mitteilte, dass ich schwanger bin. Dass ich das grösste aller Wunder, das eine Frau und ein Mann überhaupt erleben können, in mir trage. Dass ich zum ersten Mal Mama werde. Was danach passierte, war der Grund, warum ich meine Schwangerschaft nicht genossen habe. Je grösser mein Bauch wurde, desto grösser wurden meine Probleme: Einer Arbeitskollegin wurde meine Stelle angeboten, noch bevor man mit mir über mein Arbeitsverhältnis nach dem Mutterschaftsurlaub sprach. Meine Führungsposition hätte ich behalten können, wenn ich nach dem Mutterschaftsurlaub einem Arbeitspensum von mindestens 80 Prozent zugestimmt hätte. Mit einem drei Monate alten Baby! Als ich mich darauf einliess, nur noch als Redaktorin zu arbeiten, um mit einem Fuss in der Arbeitswelt zu bleiben, versprach man mir mein gewünschtes Teilzeitpensum von 40 Prozent. Als es um die Unterzeichnung des neuen Arbeitsvertrags ging, wurde ich wochenlang vertröstet. Sowohl vom Chefredaktor als auch von der Personalabteilung. Am Schluss wurde ich hochschwanger ins Personalbüro – wie eine Schwerverbrecherin – zitiert. So sassen der Chefredaktor, der Personalchef und seine Stellvertreterin auf der einen Seite des Tisches und ich auf der anderen Seite. «Du weisst ja nicht, was mit dem Muttersein auf dich zukommt.» Bitte? Das haben mir ein über 60-jähriger Mann – wohlbemerkt ohne Ehefrau und Kinder – und eine kinderlose Frau um die Ohren geknallt. «Wir sind so grosszügig und haben uns dafür eingesetzt, dass Du als freischaffende Journalistin tätig sein kannst.» Zack! Mit einem Schlag wurde ich von der stellvertretenden Chefredaktorin zur freischaffenden Journalistin ohne Festanstellung. Bezahlt hätte man mich pro Seite – für den gleichen Lohn, die Gymi-Schüler für eine Strassenumfrage bekommen. Alles, was ich mir hart erarbeitet habe, war plötzlich weg. Warum? Weil ich mich dafür entschieden habe, ein Kind zu bekommen. 

Nein, es geht mir nicht darum, eine Opferrolle einzunehmen. Ja, ich erzähle mein Erlebtes ziemlich detailliert. Aber nicht, weil ich meine Geschichte ausbreiten möchte. Wer das denkt, der versteht nicht, was ich mit diesen Zeilen mitteilen möchte.  So ziemlich jede Frau kann von ähnlichen und sogar dramatischeren Vorfällen erzählen. Und diese Geschichten müssen gehört werden, damit sich Einiges ändert. Ich halte der Gesellschaft nur den Spiegel vor. Ein Spiegel, der zeigt wie diskriminierend und verletzend mit Frauen umgegangen wird. Ich möchte mich mit meiner Stimme erheben. Meine Tochter und ihre Generation sollen es einmal besser haben.

Warum es den Frauenstreik braucht? Eben darum. Weil Frauen alleine entscheiden sollen, welche Frau sie sein möchten. Weil niemand den Frauen ein bestimmtes Rollenbild aufzwingen darf. Weil Frauen für die gleiche Arbeit den gleichen Lohn wie ihre männlichen Kollegen verdienen. Weil die Rollenverteilung zu Hause nicht von der Gesellschaft und Wirtschaft bestimmt werden soll, sondern von jeder einzelnen Familie selbst. Weil die meisten Kaderstellen von Männern besetzt werden und die hervorragende Bildung vieler Frauen nicht genutzt wird und damit wertvolle Ressourcen verloren gehen. Weil sich Frauen sowohl für eine Karriere als auch für Kinder entscheiden dürfen. Deshalb braucht es einen Frauenstreik – an dem sowohl Frauen als auch Männer fordern müssen. Ja, auch die Männer. Denn die sind von all dem auch betroffen. Sie haben Mütter, Partnerinnen, Töchter und Kolleginnen, die mit solchen Problemen konfrontiert werden.