Hans Mäder: Ziehen Sie doch mal ein erstes Fazit.

Die Coronasituation hat den Arbeitsalltag in den ersten hundert Tagen stark geprägt. Nicht allein die wöchentlichen Sitzungen der Taskforce, sondern auch die Pflicht, die Arbeit im Homeoffice zu verrichten. So wird die Zusammenarbeit komplizierter, was die Einarbeitung stark erschwerte. Mit den rund 700 Mitarbeitenden der Stadt Wil in einen Dialog zu treten, ihre Bedürfnisse und Motivation zu erkennen, ist so herausfordernd.

Im Stadtrat haben wir uns gefunden. Zwar entschieden wir über die Verteilung der Departemente per Mehrheitsentscheid, doch die gegenseitige Unterstützung hat ermöglicht, dass wir alle diesen Entscheid heute als richtig erachten. So konnten wir allen Zweiflern zeigen, dass die Konstituierung kein politisches Schwarzpeterspiel war, sondern eine zielorientierte Entscheidung zum Wohle Wils.

Die ersten Herausforderungen im Parlament hat der Stadtrat aus meiner Sicht gut gemeistert. Auch wenn hier die Bestätigung selbstverständlich noch aussteht. Eine Legislatur ist lang und wir werden mit Bestimmtheit noch den einen oder anderen Fehler machen. Dann zeigt sich, ob ein wertschätzender Dialog zwischen Parlament und Stadtrat möglich ist. Ich hoffe es stark.

Was waren zu Beginn die grössten Herausforderungen?

Die grösste Herausforderung ist und war, sich in die laufenden Geschäfte einzubringen und zu erkennen, wo eine Anpassung zweckmässig und zielführend ist. Ein gutes Beispiel ist die Umfrage über "Unsere Stadt Wil der Zukunft". Diese war noch vom Stadtrat in der ehemaligen Zusammensetzung verabschiedet worden und lag versandbereit vor. Hätten wir den Versand gestoppt, so hätten wir allenfalls Kritik vermeiden können, aber eben auch über 2000 Einwohnerinnen und Einwohnern, die auf die Befragung reagiert haben, diese Möglichkeit genommen.

Persönlich hat mich das Geschäft um die dritte Etappe beim Ausbau Hof stark beschäftigt. Einerseits musste ich mich ins Projekt einarbeiten und dieses gleichzeitig nicht nur in der Vorberatenden Kommission des Stadtparlaments vertreten, sondern auch einen Beitrag in der Kommission des Kantonsrates leisten. Als Newcomer hat mich das stark gefordert, zumal die Doppelrolle als Stadtpräsident und Präsident der Stiftung für mich ziemlich gewöhnungsbedürftig ist.

Obwohl ich in Fragen der Kommunikation ziemlich erfahren bin, war ich doch in diesem Bereich stark gefordert. Das betrifft nicht allein meine überquellende Mailbox oder die schiere Zahl gelesener Textseiten - letzthin musste ich in drei Tagen rund 800 Seiten lesen - sondern auch Fragen des Umgangs mit Medien und der veröffentlichten Meinung. Als Beispiel möchte ich die Diskussion um den Perimeterbeitrag im Hochwasserschutz erwähnen. Auch hier zeigte sich: Wenn der Stadtrat als Team zusammensteht und gemeinsam auftritt, kann Schaden für die Stadt vermieden werden – auch nach einem Fehler.

Was wurde schon erreicht? Gibt es schon abgeschlossene Projekte?

Das wichtigste Projekt war sicher, das Baureglement in Kraft zu setzen. An der Sitzung vom Gümpeli-Mittwoch hat der Stadtrat zudem elf Projekte im Zusammenhang mit dem Bahnhof an das Parlament überwiesen.

Abgeschlossen sind die Projekte damit aber keinesfalls. Bereits steht die nächste Revision der Nutzungsplanung vor der Tür, diverse Sondernutzungspläne sind in der Pipeline, das Aggloprogramm steht vor der Verabschiedung, Wil West kommt in die entscheidende Phase und, und, und.

Aber darauf freue ich mich ja: Dass wir noch soviel bewegen und verändern können. Zum Wohle der Stadt Wil und deren Einwohnerinnen und Einwohner.

Erste Feedbacks von Wiler Bürger?

Ich spüre ein starkes Wohlwollen, das sich auch äussert, wenn ich durch die Strassen der Stadt laufe. Ich werde häufig angesprochen. Diese Gespräche verlaufen offen und wertschätzend. Manche sind auch nur kurz. Immer aber spüre ich die positive Grundstimmung und die Freude, sich mit einem Repräsentanten der Stadt auszutauschen.

Erste Feedbacks von Stadträten oder Mitarbeitern?

Im Stadtrat ist die Stimmung ausgezeichnet. Wir sind ein Team. Entsprechend sind die Rückmeldungen positiv. Der gegenseitige Support ist uns wichtig. Wir agieren als Gremium und nicht primär als Vorsteher eines Departementes. Wenn wir diese Haltung beibehalten können, blicke ich sehr optimistisch in die Zukunft.

Von den Mitarbeitenden erhalte ich bisher fast ausschliesslich positive Rückmeldungen. Dem Stadtrat sind alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wichtig und wir versuchen das auch zu zeigen.

Was sind die kommende Herausforderungen und Aufgaben?

Für mich ist die wichtigste Aufgabenstellung, ausreichend Freiraum für anstehende, strategische Fragestellungen zu behalten. Das Tagesgeschäft ist sehr fordernd, der Terminkalender füllt sich schneller, als mir lieb ist. Zu diesen strategischen Fragestellungen zählt die Formulierung von Handlungsfeldern, die das Parlament, den Stadtrat und die Stadt in den nächsten Jahren beschäftigen werden. Klimaschutz, Stadtentwicklung, Digitalisierung, und Reorganisation stehen dabei mit Sicherheit auf dieser nicht abschliessenden Liste von Handlungsfeldern.

Was sind grundlegende, neue Arbeiten, im Vergleich zum Präsidentenamt in Eschlikon?

Die Arbeit in Wil ist nicht grundlegend anders als jene in Eschlikon. Was sich geändert hat ist die Grösse der Verwaltung. In Eschlikon konnte ich Probleme direkt mit den Verantwortlichen angehen und lösen. In Wil darf ich die Rückmeldungen und Anfragen in die Hände von kompetenten Mitarbeitenden legen. Diese indirekte Art der Problemlösung ist neu und herausfordernd für mich

Haben Sie Ihren Wohnsitz schon nach Wil verlegt?

Am 6. Mai werde ich eine Wohnung in Wil beziehen.

Vermissen Sie Eschlikon als Wohngemeinde?

Was für eine Frage. Selbstverständlich. Meine Frau Marie-Louise und ich sprechen oft über dieses Thema. Immerhin waren wir nie länger ein einem Ort wohnhaft, als an der Bruggweierstrasse in Eschlikon. Auch wenn wir wegziehen: Die Freundschaften bleiben erhalten. Und selbstverständlich freuen wir uns auch auf unseren neuen Wohnort.

Vermissen Sie Eschlikon als Arbeitgeber?

Wil verlangt alles von mir – mir bleibt nicht viel Zeit zum Nachdenken. Aber abends oder morgens denke ich oft mit Freude an die Mitarbeitenden in Eschlikon, wie es ihnen geht und was sie so tun. Deshalb: Ja, ich vermisse Eschlikon. Aber dies ist kein negatives Gefühl, sondern ich freue mich über die gemeinsam erlebte Zeit.