Der Übergang zur Gratulation zu 40 Jahren Chällertheater gelingt Simon Enzler fliessend. Überhaupt verwischt der Kabarettist mit dem markanten Innerrhoder Dialekt in seinem neuem Programm «Wahrhalsig», das es am Donnerstagabend im Keller des Baronenhauses zu sehen gab, öfters die Grenzen zwischen Aufführung und Rahmen, zwischen Text und Geschehen im Publikumsraum. Er kommuniziert mit Robin, dem Techniker, der so antwortet, dass oft nicht ganz klar ist, ob das nun zum Programm gehört oder spontaner Dialog ist. Manchmal hat Enzler auch einfach Glück. Zum Beispiel da, wo er mitten in seiner Emoji- und Whatsapp-Nummer einen Zuschauer in der ersten Reihe nach der Zeit fragt und dieser zugeben muss, dass bei seiner digitalen Uhr gerade der Akku leer ist. Auch der Weg zur Würdigung der Gastgeber liegt zunächst nicht klar erkennbar vor Enzler. Doch dann steht er plötzlich da mit einem Sack voller Wiler Hofsteine, die er nach ein paar Grussworten den Verantwortlichen des Chällertheaters überreicht.

Zum Gruppenfoto stellt sich auch Christa Elser auf, seit 2003 Programmverantwortliche des Chällertheaters. Am nächsten Morgen spricht sie am Telefon darüber, wie es war und ist, in Wil Kleinkunst zu veranstalten. 1979 wurde der ehemalige Weinkeller des Baronenhauses auf Initiative von Alfred Lumpert und Ernst Wild zu einem Kleintheater mit rund 80 Plätzen umgebaut. Getragen wird das Chällertheater seit seinen Anfängen von der Ortsgemeinde Wil. Finanzielle Unterstützung kommt heute daneben auch von Thurkultur, vom Migros Kulturprozent und von der Stadt Wil.

Bevor sie zum Chällertheater kam, war Christa Elser aktiv in einem Jugendtreff und bei der Gründung von Radio Wil, einem Vorläufer von Radio Top, dabei. «Es waren gute Jahre» sagt sie, wenn sie an ihre über 30 Jahre beim Chällertheater denkt. Einzelne Höhepunkte wolle sie nicht herausheben, ausser die Theaterfestivals in der Altstadt in den Jahren 1982 und 1989, an denen auch Strassenkünstler und Musiker aufgetreten sind. Und vielleicht das 35-Jahre-Jubiläum in der Lokremise. Diese Feste hätten schon besonders Freude gemacht.

Künstler kommen gerne wieder

Dem Chällertheater gehe es heute gut, sagt Elser, Kleinkunst ziehe wieder. Warum das so ist, kann sie nicht genau sagen, doch sie hat eine Vermutung: «Vielleicht ist es das Persönliche, das Nahe, das die Leute wieder suchen.» Noch vor 25 Jahren seien sie manchmal zu zehnt im Keller des Baronenhauses gesessen. Heute hat das Chällertheater alleine über 50 Abonennten. 2003 das Abo einzuführen, sei eine gute Entscheidung gewesen. «Auch wenn wir so nicht mehr so viel im Vorverkauf abgeben können. Die Abos geben uns Sicherheit.»

Bei den meisten Vorführungen sitzen vorwiegend ältere Leute im Publikum, sagt Elser. Das ist auch am Donnerstagabend nicht anders. «Wenn aber jüngere Künstler kommen, zum Beispiel die Slam Poeten Gabriel Vetter oder Renato Kaiser, kommen auch die Jungen.» Ihnen sei wichtig, auch immer wieder ein jüngeres Publikum anzusprechen. Deshalb würden die Jüngeren im Team, Johanna Elser und Tinu Keller, auch immer an die Künstlerbörse nach Thun mitkommen, wo sich die Verantwortlichen des Chällertheaters jedes Jahr nach möglichen Verpflichtungen für das kommende Programm umsehen und Kontakte zu Künstlern knüpfen. Manche von ihnen kommen auch wieder ins Chällertheater, wenn sie schon so gross geworden sind, dass sie zum Beispiel den Stadtsaal ausverkaufen können. «Wenn es technisch geht, kommen sie gerne ins Kleintheater, auch für etwas weniger als die übliche Gage. Da kommen viele schliesslich her.» 

Wie eben Simon Enzler, der in «Wahrhalsig» die Geschichte eines Sozialarbeiters erzählt, der sich, frustriert von seinem Beruf, selbstständig machen will, indem er auf einer Auktionsplattform einen VW-Bus kauft, um ihn in einen Foodtruck umzufunktionieren. Witzig ist das, weil Enzler einerseits den liebenswert verknorzten Innerrhödler so authentisch geben kann, wie wohl niemand sonst. Weil er in seiner Alltagskomik auch grosse Fragen wie «Was ist Wahrheit?» oder die Evolution («Survival of the Hosälodderi») verhandelt, hat Enzlers neues Programm auch den Hauch einer philosophischen Abhandlung.