Am Montagmittag erinnerte nicht mehr viel an das «Häxehuus», um welches sich viele Erzählungen ranken. Nur noch einige Latten Holz und etwas Wand liessen erahnen, dass hier einst ein Haus mit Geschichte und noch mehr Geschichten gestanden ist. hallowil.ch hat ausführlich über das gespenstische Ambiente berichtet (siehe unten). Die Frage aber blieb: Was wird denn eigentlich gebaut?

Verantwortlich ist Markus Brühwiler von der Brühwiler AG in Gossau. Auf Anfrage von hallowil.ch sagt er: «Das Haus wird um- und wieder aufgebaut. Es wird eine sehr ähnliche Erscheinung haben wie das abgebrochene.» Nach dem Abbruch beginnen diese Woche die eigentlichen Bauarbeiten, wie üblich mit der Baugrube. Ab August ist dann der Hochbau an der Reihe. Bezug ist im Februar 2021 geplant. «Da das Haus ausserhalb der Bauzone liegt, sind an den Umbau hohe Anforderungen gestellt worden. Dies sind bezogen auf das Aussehen des umgebauten Hauses als auch die Grösse», sagt Markus Brühwiler. Er wird Anfang kommenden Jahres gleich selber in das Haus einziehen, zusammen mit seiner Frau Marianne.

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Ein Haus mit Geschichte und Geschichten weicht (19.6.20)

Abbruchhäuser haben etwas Gespenstisches. Wenn die Gebäudehülle fällt und den Blick auf das Skelett und die Innereien eines Hauses freigibt, wehen einem die Geschichten, die sich darin abgespielt haben könnten, nur so entgegen. An der Haldenstrasse beim Wiler Weier wird derzeit das alte Haus abgebrochen, das in Wil von Vielen nur «Häxehuus» genannt wird. 

Das Häxehuus war ein Haus, das die Fantasie anregte. Graffiti an der Fassade, kunstvollere und weniger kunstvolle, zeugten von nächtlichen Annäherungen an das Haus. Wer mochte darin gewohnt haben? Welche Feste wurden darin gefeiert? Sicher gibt es in Wil viele Leute, die die Antworten auf diese Fragen wissen. Doch manchmal will der Zauber, dass die Fragen ungestellt bleiben. Weil das Häxehuus unter den Ästen der Bäume dahinter und mit dem Moos auf dem Dach wie mit der Umgebung verwachsen wirkte, klafft die Ruine dort jetzt geradezu als Lücke. 

Es ist Donnerstagmorgen und hinter den Stützbalken besprechen die Abbruch-Arbeiter das weitere Vorgehen. «Häxehuus ist weg, die Forderung bleibt. Für ein selbstverwaltetes Jugendzentrum in Wil», schreibt der Wiler Juso-Politiker Timo Räbsamen im Verlauf des Tags auf Instagram und postet dazu ein Bild von der Ruine in der Nacht in die Story. Räbsamen war Mitglied des zunächst anonymen Kollektivs IG Häxehuus, das 2017 für ein Jugendzentrum im baufälligen Haus kämpfte. Eigentümer Markus Brühwiler hegte damals Umbaupläne und war nicht abgeneigt, es bis dahin für ein paar Monate für ein selbstverwaltetes Jugendzentrum zur Verfügung zu stellen. Wenn die Jugendlichen beweisen, dass sie ein Jugendzentrum «anstandslos betreiben können», würden sie danach vielleicht leichter einen Ort finden, so Brühwilers Überlegungen, die er damals in den «Wiler Nachrichten» äusserte.

Der Traum vom Jugendzentrum im Häxehuus musste begraben werden

Brühwiler traf sich mit Stadtrat Dario Sulzer und Vertretern der Gruppe zu Gesprächen, es gab ein Nutzungskonzept, die Parteien waren sich weitgehend einig. Die Jugendlichen hätten das Haus mit Matratzen lärmisolieren und darin Veranstaltungen durchführen wollen. Ideen gab es genug: Konzerte, Ausstellungen, Karaoke, ein Infoabend zum Thema «Freiraum». 

Eine Künstlerin hätte die Fassade in Ergänzung zu den Sprayereien für den Zeitraum der Zwischennutzung fertig verschönern sollen. Für die Sicherheit der Besucher und Schäden hätte die IG selbst gehaftet. Es fehlte nur noch die Bewilligung der Stadt. Weil der Aufwand für die nötigen baulichen Massnahmen für die Zeit der Nutzung zu gross war, musste die IG den Traum vom temporären kulturellen Freiraum schliesslich begraben. Es wurde nicht, was hätte sein können.

Zurück in der Realität. Die Bauarbeiter haben Feierabend gemacht, das Häxehuus steht wieder leer. Irgendwo zwischen Schutt und Balken ragt noch eine weisse Wand empor, auf die jemand mit Blau die Skyline einer Stadt gemalt hat. Ein älterer Herr steigt vom Velo und betrachtet durch die Löcher zwischen den Balken das, was wohl einmal die Stube war. Etwas verloren in der Kälte der Schutt-Szenerie steht dort ein grüner Kachelofen. Die Holzwolle, die überall am Boden herumliegt, weckt die Neugier des älteren Herrn. Er fragt sich, ob sie zur Bauzeit wohl ein spezielles Isoliermaterial gewesen sei. Es beginnt eine Spekulation über das Alter des Hauses. Die Grundmauern sagen dem Kenner etwas anderes als die Gerüstbalken, der Verputz etwas anderes als der Kachelofen. Noch einmal fragt das Häxehuus seine Betrachter: Wie könnte es gewesen sein?