«Zu meiner Zeit durfte ich keine Bilder mit Rahmen auf meine Zimmerwand aufhängen und schon gar keine Wand bemalen», erzählt Dora. Das sei wie in einem Museum gewesen. Sie habe sich nie so richtig in ihrem Heimzimmer wohlgefühlt. Ihr Gesprächspartner ist Thomas, der seit zehn Jahren in den Heimstätten Wil an der Zürcherstrasse 30 lebt. «Oh, das hat sich bedeutend verändert», sagt er. Er dürfe sein Zimmer frei nach seinem Geschmack gestalten. Hier fühle er sich zu Hause. Hier finde sein Leben statt. Aber für die Sauberkeit in seinem Raum sei er selbst verantwortlich. «Das ist ja toll. Wir hatten einen Putzplan an den wir uns strikt halten mussten. Dabei wurden wir auch kontrolliert», erzählt Dora weiter. Auch die Wochenenden seien heute anders gestaltet als noch zu der Zeit von Klientin Dora. «Wer Lust hat, darf ein Wochenende mit den anderen Bewohnern planen», erzählt Thomas, «aber wenn ich lieber alleine sein mag, dann darf ich das auch.» Dora schaut ihn mit grossen Augen an und staunt. Denn diese Freiheit hatte sie damals nicht. Denn die Heimstätten-Mitarbeiter hatten damals Angst, dass ihre Klienten vereinsamen könnten. «Wir hatten tolle organisierte Ausflüge am Wochenende, aber diese Verpflichtung immer teilnehmen zu müssen – das war mühsam», sagt sie. Auch bei der Arbeit haben die Gruppenleiter früher entschieden, was in den einzelnen Bereichen zu tun ist und welcher Mitarbeiter, welche Ämter erledigt. «Oh nein, also wir werden am Arbeitsplatz stark miteinbezogen, dürfen mitentscheiden und Verantwortung übernehmen», so Thomas.

Hindernisse beheben 

Mit diesem inszenierten Dialog zeigen Lourdes Gonzalez und Thomas Weymuth von der Fachstelle Teilhabe und Bildung im Rahmen eines Praxistages, was sich in den vergangenen zehn Jahren seit der Einführung der funktionalen Gesundheit in den Heimstätten Wil verändert hat. Das Ganze erzählen sie aus der Sicht von zwei Klienten. «Damit möchten wir nicht sagen, dass vor wenigen Jahrzehnten alles schlechter war», sagt Weymuth. Es ginge ihnen darum, etwas unkonventionell darzustellen, welcher Prozess in den vergangenen Jahren stattgefunden hat. Unter diesem fällt auch die Uno-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) – das Übereinkommen der UNO über die Rechte von Menschen mit Beeinträchtigung. Seit ihrem Beitritt im Jahr 2014 zum Übereinkommen verpflichtet sich die Schweiz, Hindernisse zu beheben, mit denen Menschen mit einer oder mehreren Behinderungen konfrontiert sind. Die Schweiz verpflichtet sich zudem, Menschen mit Behinderung vor Diskriminierung zu schützen und ihre Einbindung sowie Gleichstellung in der Gesellschaft zu fördern. «Die Teilhabe am eigenen Leben, eben diese Selbstbestimmung, unserer Klienten ist zentral», sagt Weymuth.

«Dieser Besuch ist wichtig für mich», sagt Martin Klöti, Regierungsrat und Vorsteher des Departements des Inneren, der an diesem Praxistag in den Heimstätten Wil teilnimmt. Ihm lag es schon länger am Herzen, die Wiler Stiftung zu besuchen. «Ich weiss wie die Institution aufgestellt ist und wie sie finanziert wird», sagt Klöti, «aber mich interessiert, wie die Heimstätten Wil mit Menschen mit einer psychischen oder kognitiven Beeinträchtigung zusammenarbeiten». 

 
Im Video erzählen Regierungsrat Martin Klöti, Paul Schmid, CEO der Heimstätten Wil und Marianne Mettler, Mitglied des Stiftungrates Heimstätten Wil, welche wichtige Aufgaben die Wiler Institution erfüllt. (Video: Magdalena Ceak)

Möglichst selbstbestimmend trotz Beeinträchtigung

Im sogenannten Atelier sitzen fünf Bewohner auf Stühlen. Eine junge Bewohnerin bastelt. Sie ist ruhig, redet nicht. Den Besuch, der in den Raum betritt, nimmt sie nicht wahr. Dafür bemerkt eine andere Bewohnerin die rund ein Dutzend Menschen, die das Atelier genauer unter die Lupe nehmen. Sie schaukelt mit ihrem Oberkörper hin und her und spielt mit ihrem Pullover. «Grüeziiii», ruft ein älterer Herr mit Krawatte aus einer Ecke. Er sitzt auf einem Bürostuhl. Vor ihm liegt auf einem Werktisch ein nicht allzu dicker Baumstamm. Gusti, so heisst der Herr, will den Stamm in mehrere kleine Holzstücke sägen. An diesem Mittwochvormittag steht Werken auf dem Programm. «Wir gestalten beispielsweise Schalen aus Holz», sagt der verantwortliche Betreuer, der die fünf anwesenden Bewohner bei ihrer Arbeit unterstützt.

Das Atelier befindet sich im Haus Silberlinde der Heimstätten Wil. In diesem Gebäude wohnen Menschen mit einer kognitiven und mehrfachen Beeinträchtigung, die ein hohes Mass an Unterstützungs- und Pflegebedarf haben. Das Haus ist sozusagen das Zuhause von betroffenen Menschen – und das ohne zeitliche Beschränkung. Den Mitarbeiterin ist es wichtig, dass sie den Bewohnern Einzel- oder Gruppenangebote im musischen und kreativen Bereich anbieten können. «Wenn wir in unserem Haus von der funktionalen Gesundheit reden», sagt Leiterin Ruth Rusch, «dann achten wir in erster Linie darauf, was unsere Bewohner brauchen». Das Haus werde so gestaltet und organisiert, «damit jeder einzelne Bewohner möglichst selbständig und selbstbestimmend leben kann». So würde das Pflegepersonal beim Anziehen darauf achten, welchen Arm oder Fuss ein Bewohner ihm entgegenstrecke. Hebt ein Mensch den linken Fuss, dann wird die Socke zuerst an diesem Fuss angezogen. «Diese Menschen sollen auch das Gefühl haben, dass sie trotz massiver Beeinträchtigung noch selbst Entscheidungen treffen können», führt Rusch weiter aus.

Begleitung auf dem Arbeitsmarkt

Marcel sitzt auf einem Stuhl und blickt leicht verunsichert in die Runde, die gespannt darauf wartet, dass er seine Geschichte erzählt. Denn seit zwölfeinhalb Jahren ist er bei den Heimstätten Wil tätig. Zehn Jahre hat als Logistiker im Lager der Heimstätten gearbeitet. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet er nun ausserhalb. «Aktuell bin ich bei der Wiler Buchhandlung Ad Hoc angestellt», erzählt er. Auch dort erledigt er ebenfalls Aufträge im Bereich der Logistik. Er sucht die ganzen Bücher der Kundenbestellungen zusammen, verpackt diese, adressiert sie und verschickt die Pakete. Von Satz zu Satz wird der junge Klient entspannter und offener. «Ja, seit ich auf dem ersten Arbeitsmarkt angestellt bin, fühle ich mich in der Gesellschaft integriert sowie akzeptiert», schildert Marcel offen. Er fühle sich nicht mehr so beeinträchtigt. Sein aktueller Stundenlohn sei sogar höher als derjenige der Heimstätten Wil.

Die Heimstätten Wil begleiten ihre Klienten nicht nur in der Tätigkeit innerhalb der Institution. Sondern eben auch ausserhalb – auf dem ersten Arbeitsmarkt. «Mit dem sogenannten Job-Coaching-Angebot unterstützen wir Menschen wie Marcel», erklärt Job-Coach Roman Häsler. Bei der Begleitung und Unterstützung gehe es um die Stellensuche und Weiterentwicklung. «Wir stehen in engem Kontakt mit unterschiedlichen regionalen Unternehmen», sagt Häsler.