Auch der dritte Bildungsabend war gut besucht. Für reformierte Christen ist die Zeit der Reformation ja auch eine äusserst wichtige Grundlage für ihren Glauben. Während Martin Luther und Huldrych Zwingli noch heute einen grossen Bekanntheitsgrad haben, ist der Name Bullinger den meisten ziemlich fremd. Pfarrer René Schärer stellte in einem umfassenden Referat diesen unermüdlichen Gelehrten, Lehrer, Pfarrer und menschlichen Vermittler vor. Die Zuhörerschaft war vom Erfahrenen äusserst beeindruckt. Uneheliches Kind eines Priesters
Der Weg zum grossen Gelehrten und Sprachrohr für die Neuerungen in den verkrusteten Strukturen der mittelalterlichen Kirche war Heinrich Bullinger (1504 – 1575) nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Schliesslich war sein Vater Leutpriester und damit zur Ehelosigkeit verpflichtet. Doch dieser pflegte mit Anna Reinhard eine heimliche Beziehung, dessen Frucht der kleine Heinrich war. Der Knabe fiel schon früh durch grosse Sprachkraft und wache Sinnen auf. Deshalb liess ihn der Vater auch schon mit 4 ¾ Jahren einschulen, während Kinder damals üblicherweise mit sieben Jahren zur Schule gingen.

Junger, aufgeweckter Schüler
Erst wurde er in die traditionelle Grundschule in seinem damaligen Wohnort Bremgarten geschickt, danach in ganz jungen Jahren an die Lateinschule in Emmerich an der holländischen Grenze. Das Städtchen genoss einen ausgezeichneten Ruf als Bildungsstätte. Der Knabe studierte sechs Stunden pro Tag Latein, daneben die sieben Künste, wie sie Emmerich als aufgeschlossene humanistische Ausbildungsstätte anbot. Er lernte Griechisch und studierte Logik. Es wurden Schriften der klassischen griechischen Philosophen, aber auch christliche Texte gelesen, Chorgesang gehörte ebenfalls zur Ausbildung. Bullingers Traum war es, in den strengen Kartäuserorden einzutreten.

Vater als Wegweiser
Der Vater bezahlte die Unterkunft und die Bücher, für den Rest musste Heinrich selber sorgen. Er sollte am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühle, mit wenig Geld auszukommen. Und für drei Jahre Studienzeit bekam Heinrich genau zwei Garnituren Kleider mit auf den Weg. Im Sommer 1519 setzte er seine Studien an der Universität Köln fort. Die wohlhabende Stadt war damals das eigentliche Zentrum des Reiches, mit vielen Institutionen und prominenten Bürgern.

Wichtige Vorbilder
Bullinger befasste sich wie Zwingli sehr stark mit den Werken von Erasmus von Rotterdam, aber auch mit Schriften von Luther. Dieser hatte eine Streitschrift namens „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“ verfasst, die Bullinger genauestens durchstudierte. Luther griff die Geistlichkeit an, die das Abendmahl nur den Geistlichen vorbehalten wollte, welches seiner Ansicht nach aber allen Gläubigen zugutekommen sollte. Und Bullinger kam zum Schluss: „Luther hat Recht!“ Der Gedanke, dass ein Mensch allein durch seinen Glauben gerechtfertigt sei und deshalb dafür nicht der Werke bedürfe, begeisterte den jungen Mann.

In Köln gab es einen Riesenkult um den Kartäusergründer Bruno, dieser wurde gar heiliggesprochen. Die neuen Erkenntnisse und der unvorstellbar grosse Rummel um den Kartäusergründer brachte Bullinger von seinem Ziel ab, ein solcher Mönch zu werden.

Begnadeter Lehrer
Mit gut 18 Jahren bereits wurde Bullinger an der Klosterschule Kappel als Schulleiter angestellt. Dort war er Lehrer und Schulleiter in Personalunion. Er passte den Emmericher Lehrplan auf die zürcherischen Verhältnisse an und hielt einen für die damalige Zeit äusserst modernen Unterricht. Dabei waren ihm Verständnis und liebevoller Umgang mit den Zöglingen wichtig. Er hatte sich vor der Anstellung ausbedungen, dass er weder im Mönchsgewand unterrichten noch die Stundengebete einhalten müsse. Kappel wurde zur ersten evangelischen Schule der Schweiz. Religiöse Bilder wurden übertüncht, Statuen entfernt. Ihm wurden auch Schüler von auswärts anvertraut. Bullinger konnte alle griechischen Urtexte lesen und für seine Schüler verständlich vermitteln.

Heirat in Bullingers Familie
Bullinger hatte sich in Anna Adlischwyler verliebt, eine Nonne aus dem Orden der Dominikanerinnen, musste aber eine ziemliche Durststrecke durchlaufen, bis er sie auch heiraten durfte. Denn die verwitwete Mutter der jungen Frau hatte für ihre Tochter eine bessere Partie im Kopf als einen unehelich geborenen Priester. Die gehorsame Tochter wollte sogar ihr Eheversprechen rückgängig machen. Selbst Zwingli konnte bei der Mutter kein gutes Wort für Bullinger einlegen, erst das kurz vorher gegründete Zürcher Ehegericht stellte fest, dass das Eheversprechen zwischen den beiden Verliebten gültig sei.

Ein weiteres Jahr des Wartens kam für Bullinger, dann starb Annas Mutter. Sechs Wochen danach wurde 1529 evangelisch geheiratet. Die Ehe sei glücklich geworden, seine Frau ihm immer eine umsichtige Unterstützerin und kluge Haushalterin, heisst es in der Überlieferung. Die Familie bekam 11 Kinder, 5 Söhne und 6 Töchter. Ende Dezember des gleichen Jahres heiratete auch Bullingers Vater endlich seine langjährige Geliebte und Mutter seiner Kinder machte sie so zu einer „ehrbaren“ Frau.

Begegnung mit Zwingli
1523 begegneten sich Bullinger und Zwingli erstmals. Schnell entwickelte sich eine intensive Freundschaft, es begannen grosse theologische Diskussionen. Bullinger wurde als Protokollschreiber bei den Zürcher Disputationen verpflichtet. Dort wurden auch die widerspenstigen Täufer verhandelt. Bullinger war mit Zwingli einer Meinung, dass die Täufer Ketzer und deshalb zu bestrafen seien. In seiner Amtszeit gab es allerdings keine Hinrichtungen mehr. Auch sonst waren sich die beiden grossen Reformatoren der Zürcher Reformation in Glaubenssachen einig. Zwingli befand schon bald, in Bullinger seinen idealen Nachfolger gefunden zu haben, sollte es mit ihm etwas geben.

Prediger wider Willen
Zwingli überredete den jungen Geistlichen, eine Gastpredigt zu halten. Bullinger wollte seinerseits unbedingt Lehrer bleiben, aber Zwingli sah das Potenzial seines jungen Kollegen. 1528 hielt dieser denn auch seine erste Predigt in Hausen am Albis. Diese fand grossen Anklang, führte aber auch zu Tumulten unter den Ratsherren. 1529 wurde Bullinger als Pfarrer in Bremgarten gewählt. Er führte die reformierte Gottesdienstform ein, ohne Messe und ohne kultische Kleider, dafür mit einer in Deutsch gehaltenen Predigt und dem reformierten Abendmahl, letzteres allerdings nur an hohen Feiertagen. Bullingers fesselnde Predigten wurden schnell in weiten Teilen der reformiert gewordenen Schweiz bekannt, er bekam grossen Zulauf. Bereits mit 27 Jahren wurde er deshalb ans Grossmünster Zürich berufen und wirkte dort bis zu seinem Tod.

Krieg mit den fünf Innerschweizer Orten
Die Kantone Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug und Luzern wollten von den religiösen Veränderungen nichts wissen, betitelten die Zürcher und Berner als Ketzer und zogen gegen die Neugläubigen in den Krieg. Die Schule in Kappel war deshalb sehr gefährdet. Immer wieder gab es Scharmützel an der Kantonsgrenze. Sogar der St.Galler Reformator Vadian erhielt einmal Schutz in Kappel, als ihn die Katholischen verfolgt hatten. Der Erste Kappelerkrieg ging unblutig aus, der Zweite dagegen forderte einen hohen Blutzoll, darunter war auch Feldprediger Zwingli.

Offenes Pfarrhaus
Bei Bullingers waren die Türen stets für alle offen. Und von überall her kamen Gäste, um sich mit dem gelehrten Mann über die neuesten Entwicklungen zu unterhalten. Seine Frau Anna unterstützte ihn dabei auf heute fast unvorstellbare Art und Weise, war sie doch immer entweder schwanger oder nebst allen grösseren auch stets für ein Kleinkind verantwortlich. Bullinger war ein eigentlicher Weltenbürger, sehr belesen, stets gut informiert und sprachgewandt. Sein Briefverkehr umfasste um die 12‘000 Briefe, und das alles nebst seinen vielen Pflichten als Seelsorger, Vater, Ehemann und Gelehrter. Sein Hausbuch – ein Trost- und Andachtsbuch – wurde 137x neu aufgelegt. Er verfasste auch viele wichtige Texte, die zu Grundlagen für die weitere Entwicklung der Reformation in der ganzen Schweiz wurden, so beispielsweise das Zweite Helvetische Bekenntnis.

Pestjahre
Auch Bullinger wurde von den traurigen Pestjahren 1564/1565 nicht verschont, war als Seelsorger wie selbstverständlich auch für die Kranken besorgt und steckte sich dabei ebenfalls an. Dank guter Pflege durch seine Frau – eine weitere Parallele zu Zwingli – überlebte er diese grausame Krankheit, nicht aber seine Frau und etliche seiner Kinder. Obwohl er über den Verlust seiner langjährigen Gefährtin und seiner geliebten Kinder untröstlich war, setzte er sich weiterhin unermüdlich für seine Gemeinde ein, trat für eine gute Bildung von Pfarrpersonen und Lehrkräften ein und schrieb weiterhin.

Bullingers Theologie
Für Heinrich Bullinger war klar: „Wer glaubt, gehört dazu.“ Gute Werke sah er als Hoffnung für die Welt, wollte aber keine Werkgerechtigkeit. Die Bibel im Urtext war ihm klarer Wegweiser. Herausragend war Bullingers Vermögen, auch in theologischen Fragen immer die Solidarität und Mitmenschlichkeit immer im Auge zu behalten. Im Zweiten Helvetischen Bekenntnis legte er seine Sicht der Dinge ausführlich dar. Emidio Campi, Professor für Kirchen-, Dogmen- und Theologiegeschichte an der Universität Zürich, hat die Bedeutung dieses grossen Reformators in einem Text in der reformierten Presse gewürdigt. Sie kann in einem Link im Kasten nachgelesen werden.

Vermittler auf vielen Gebieten
Bullinger versuchte im Zwist um das Abendmahl zwischen Luther und Zwingli zu vermitteln. Bei Luther rannte er allerdings gegen eine Wand an, die Unterschiede waren zu gross. Es gab auch Spannungen zwischen Berner und Zürcher Neugläubigen, die die Zürcher Druckerei Froschauer noch anheizte, indem sie ein Berner Papier mit einem Berner Bären ohne Krallen herausgab, ein wahrer Affront gegen die stolzen Berner. Mit dem Genfer Reformator Calvin verstand er sich dagegen auf Anhieb. Er setzte sich auch für die Flüchtlinge aus dem Tessin ein, welche nach ihrem Bekenntnis zum evangelischen Glauben nicht mehr in den katholischen Gemeinden geduldet, sondern im Gegenteil verfolgt wurden.

Am 17. September1575 verstarb er nach und hinterliess ein reiches Vermächtnis an Briefen und Schriften. Bis heute wirkt sein ausgleichendes, von tiefer Menschlichkeit und unverbrüchlichem Glauben an einen guten, gerechten Gott getragenes Werk nach.


Am Mittwoch, 14. Februar 2018, wird um 19.30 in der evangelischen Kirche der Film LUTHER mit Hauptdarsteller Ralph Fiennes gezeigt. Auch Personen, die die Bildungsabende nicht besucht haben, sind dazu herzlich eingeladen.

Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Oberuzwil-Jonschwil

Bullingers Brautwerbung

Anna Adlischwyler als Vorbild

Im Landesmuseum Zürich gibt es bis zum 15.April 2018 eine Ausstellung zum Thema „Gott und die Bilder - Streitfragen der Reformation“.

Landesmuseum Zürich

Luther – Von der Babylonischen Gefangenschaft der Kirche

Kartäuserorden

Text zu Bullinger

Heinrich Bullinger als Theologe

1. Bildungsabend: Luther

2. Bildungsabend: Zwingli