Zum Wirken von Frauen gibt es verschiedene Angebote in der Remise des Lindenguts. Die einzelnen Anlässe können auf der Website des Museums nachgelesen werden. Die Palette ist breit und reicht von persönlichen Lebensgeschichten bis hin zu Politik mit Diskussionen zum gesellschaftlichen Wandel der letzten Jahrzehnte. 

Urs Schärli, Museumsleiter, stellte zu Beginn die Ausstellung im Ortsmuseum vor. Mit seiner Anrede «Sehr geehrte Herren ...» brachte er das vorwiegend weibliche Publikum zum Schmunzeln, auf den Stockzähnen lächelnd darauf hinweisend, dass diese Anrede vor fünfzig Jahren absolut korrekt gewesen wäre. Doch als Zweites gab es eine «genderkonforme» Begrüssung. Schärli wies auf die verschiedenen Facetten der Ausstellung zum Thema «50 Jahre Frauenstimmrecht» hin. Diese ist auch wirklich sehenswert und zeigt den Stellenwert des weiblichen Einsatzes für die Gesellschaft auf. Die Frauen der ersten Stunde hatten es oft nicht leicht, denn Veränderungen brauchen Zeit. Auf dem langen Zeitstrahl im Innern des Museums kann dieser oft steinige Weg mutiger Frauen nachverfolgt werden.


Zufluchten im Lockdown

Im Rahmen dieser laufenden Ausstellung wurde Helga S. Giger, eine bekannte Stimme aus Flawil, gebeten, aus ihrem neuesten Buch «Zufluchten» zu lesen und damit einen Einblick in ihr farbiges Leben zu geben. Wie die Frau zu Beginn ausführte, habe die Zeit des Lockdowns ihr die Möglichkeit gegeben, sich ganz in ihre Chansons und Gedichte zu vertiefen, welche sie während Jahrzehnten in besonderen Lebensphasen für sich aufgeschrieben hatte.

Julia Onken, bekannte Psychologin und Gründerin des Frauenseminars Bodensee, sowie Peter Gross, ehemaliger Hochschulprofessor der HSG, hatten die Autorin nämlich ermuntert, ja fast aufgefordert, all diese Kostbarkeiten doch nicht einfach in der Schublade verstauben zu lassen, sondern einem weiteren Publikum zugänglich zu machen. Entstanden ist ein schmaler, gediegen gestalteter Buchband, angenehm in der Hand zu halten, mit einem tiefsinnigen, zum Nachdenken auch über das eigene Leben anregenden Text. Dazwischen stehen die aus der Schublade befreiten Gedichte. Herausgekommen ist das Buch im orte-Verlag Schwellbrunn, wie schon Gigers erstes Buch namens «Ich muss Ihnen schreiben», welches sie zusammen mit Peter Gross verfasst hatte.


Helga S. Giger

Der Einstieg ins Leben war für die 1939 in Frankfurt am Main geborene Frau alles andere als leicht. Der 2. Weltkrieg tobte. Die Familie erlebte die Ausbombung ihrer Wohnung, der Schrecken des Krieges prägte die frühen Kinderjahre. Glücklicherweise konnte das wissbegierige Mädchen in Heidelberg die Schule besuchen und später studieren, vertiefte sich in die Geheimnisse der deutschen Sprache und liess sich davon derart begeistern, dass das präzise Wort in Zukunft zu einem ihrer Markenzeichen wurde. Dies durfte die Flawiler Bevölkerung während 20 Jahren bei jedem Besuch im Nachtcafé im Restaurant Park erleben. Dort trafen sich viele Kulturschaffende und stellten ihre Leidenschaften vor, von Helga S. Giger mit viel Fingerspitzengefühl ausgewählt, unterstützt von einem tollen Mitarbeiterteam. Sie war treibendes Mitglied der Kabarett-Gruppe «Spätlese» und schenkte damit vielen Menschen Grund zum Lachen, aber auch zum Nachdenken, oft sogar zum Überdenken. Die Texte stammten alle aus dem Team, viele von ihr selber. Später trat sie nochmals eine kurze Zeit mit den «Pessimopten» in neuer Zusammensetzung auf.


Laudatio durch die eigene Tochter

Susanne Keller-Giger, Tochter von Helga S. Giger, ist Historikerin und Slawistin. Sie beschrieb behutsam ihre Bezugspunkte zu ihrer Mutter, verhehlte auch nicht, dass das Verhältnis nicht immer ganz einfach gewesen sei, wie das in bestimmten Lebensphasen zwischen Müttern und Töchtern oft der Fall ist. Es sei deshalb auch nicht verwunderlich, dass die Widmung im Buch an die Enkelkinder gerichtet sei. Doch dann zeigte sie sich stolz auf das Leben und Werk ihrer Mutter, findet es sehr mutig, in so persönlichen Texten viel, wenn auch gewiss nicht alles preiszugeben. Sie freunde sich gerade mit verschiedenen Liedern an, die sie früher überhaupt nicht gemocht habe.

Es habe eine Zeit gegeben, da habe sie ihre Mutter als überangepasst empfunden. Nie sei zuhause Hochdeutsch gesprochen worden, weil Mama ja sehr schnell Schweizerdeutsch gelernt habe, ausser bei wirklich grossem Ärger. Denn als Helga S. Giger in die Schweiz gekommen sei, habe niemand auf «eine Deutsche» gewartet, sei viel Misstrauen zu spüren gewesen. Heute sei sie allerdings wirklich stolz auf ihre eigenständige, selbstbestimmte Mutter.


Tief berührt

Helga S. Giger war sichtlich gerührt nach den sorgfältig gewählten, von Wertschätzung und Stolz durchzogenen Worten ihrer Tochter. Für ihre Lesung hatte sie aus den verschiedenen Chansons Beispiele für ihre damalige Befindlichkeit ausgesucht mit Titeln wie «Aufbruch», «Neuanfang», oder «Neujahrsgedanken». Das Publikum liess sich auf die Texte ein, welche bei vielen bestimmt Erinnerungen an eigene Erlebnisse und Lebensphasen anstiessen. Helga S. Giger trug die Lieder in einer Art Sprechgesang vor, nachdem sie sich vorgängig für ihre «einundachtzigjährige Stimme» entschuldigt hatte. Das war jedoch keineswegs nötig, denn all ihre Darbietungen waren sehr gut verständlich, eindringlich vorgetragen und in sprachlicher Hinsicht einfach ein Genuss. Sie erinnerten zwischendrin ein wenig an ihre Kabarett-Vergangenheit, denn die Lust an manchen Wendungen und Anekdoten war unüberhörbar.

Post inside
Susanne Keller-Giger stellte einige Lebensstationen ihrer Mutter vor - diese hörte aufmerksam und bewegt zu. 


Verlust als roter Faden

Immer wieder musste die Autorin Verluste erleben. Am schlimmsten und für alle Eltern bestimmt sehr gut nachvollziehbar traf sie der selbstgewählte Tod ihres Sohnes, der im Buch als M. bezeichnet wird. In sieben Texten – teils gereimt, teils in Prosa – zeigt sie den Weg von unfassbarer Trauer hin zu einem versöhnlichen Loslassen aller Schuld- und Trauergefühle. Auch die Erkenntnis, irgendwann allein im Leben zu stehen, in voller Verantwortung für das eigene Tun, war anfänglich nicht leicht.

Lange Jahre beriet Helga S. Giger Frauen, wenn es um Kleider und deren Farbzusammenstellung ging. Sie gab Seminare, bildete sich ständig weiter und betrachtet im Rückblick diese Jahre als grossen Gewinn für ihr Leben. Doch irgendwann wurde es ihr zu viel, sie gab auf, auch dies anfänglich als herben Verlust erlebt.

Peinlichkeiten

Ein kleines Kapitel ist auch einer Art «Peinlichkeiten» gewidmet, wie die Autorin etwas verschmitzt erzählte. Doch wenn man die Achtzig überschritten habe, spiele das schliesslich keine Rolle mehr. Im Gedicht «Wundertüte» beschreibt sie augenzwinkernd die Leichtigkeit und Unverbindlichkeit einer erotischen Begegnung, die allerdings keinen grossen Nachhall findet. Wie schön deshalb, dass sie später eine wirkliche Liebe, eine Altersliebe finden durfte, der durch Lockdown und Corona-Vorschriften allerdings schmerzliche Einschränkungen auferlegt wurden.

Mit grossem Applaus bedankte sich die Zuhörerschaft für dieses Eintauchen in ein Dasein voller Auf und Ab, in eine von Trauer, aber auch viel Versöhnlichkeit und Weisheit durchwirkte Lebensgeschichte. Nach der Lesung blieben viele Gäste noch auf ein Glas Wein oder sonst eine Köstlichkeit, setzten sich an einen der vorbereiteten Tische und diskutierten engagiert über das Gehörte, viele mit einem eben erworbenen und mit einer Widmung der Autorin versehenen Buch in der Hand. Helga S. Gigers Enkel hatten dafür eigens einen Verkaufsstand eingerichtet, als Zeichen an die Verbundenheit mit ihrer Grossmutter. 

Post inside
Nach der Lesung lockte das wunderbare Herbstwetter zum Verweilen im Park bei angeregten Gesprächen.