Während des Interviews erhält Sales Huber die Meldung, dass eine Gebärende mit einer gerissenen Gebärmutter ins Spital Enda-Care eingeliefert wurde. Sie kam nach einer zwanzigminütigen Autofahrt von einer kleinen Apotheke, bei welcher sie beim Gebären wegen eines grossen Gebärmutterrisses in Schock geriet. Durch einen Kaiserschnitt musste das tote Kind geholt werden. Die Gebärmutter musste entfernt, mehr als zwei Liter Blut abgesaugt werden. «Dafür waren zehn Blutspenden nötig», sagt Sales Huber. «Zum Glück haben wir eine Blutbank im Spital. Inzwischen geht es der Frau körperlich gut. Noch vor einigen Jahren wäre das nicht möglich gewesen – weil es überhaupt keine medizinische Einrichtung gegeben hätte.»

Es sind genau diese Schicksale, die Sales Huber antreiben. Täglich. In den 70er Jahren verbrachte er als junger Arzt vier Monate in Tanzania, und lernte dort die Tücken der Entwicklungshilfe kennen. Mit seiner Hilfe wurden 1984 100'000 Franken nach Nordtanzania gespendet, ein kleines Krankenhaus konnte damit erbaut werden. Damit sollte die Hilfe beendet sein.

30'000 Dollar Soforthilfe

Doch es kam anders: 20 Jahre später meldete sich ein ehemaliger Kapuziner-Missionar bei Sales Huber in Niederhelfenschwil. «Er bat um Hilfe. Nach dem Wegzug der vier Schweizer Missionare waren alle Geldquellen in Enda versiegt. Die Baldeggerschwestern seien weggezogen und hätten alle finanziellen Reserven für andere Projekte mitgenommen», erinnert sich Huber. Die Löhne im Spital würden nicht mehr bezahlt, das Spital sollte geschlossen werden. Damit der Betrieb wieder aufgenommen werden konnte, seien mindestens 30'000 Dollar nötig. «Ich war etwas böse, versprach jedoch Hilfe – aber nur, wenn die Einheimischen ein Spital selber führen könnten. Ich war sicher, dass sie dafür in medizinischen und buchhalterischen Belangen in der Lage waren.»

Huber zahlte zunächst alle Löhne und startete in der Region Wil und Freunden in Wittenbach Wittenbach in der Folge eine Hilfsaktion. Er machte dem Spital Enda ein Versprechen: «Wenn das Spital mit rein tanzanischen Mitarbeitern wirtschaftlich und mit genauer Buchhaltung geführt wird, geht die Hilfe weiter.» Und siehe da: Der einheimische Staff tut dies bis heute, unter jährlicher Buchhaltungs- und medizinischer Kontrolle in Enda durch die Schweizer. Dennoch ist die Situation alles andere als entspannt: Die Region im Hochland lebt zu 50 Prozent in Stroh-Lehmhäusern und besitzt nur sehr wenig Bargeld. Ohne finanzielle Hilfe aus dem Ausland kann hier ein Spital nicht funktionieren, solange der Staat Tanzania und die Diözese mittellos sind.

Hilfe aus Wil und Wittenbach 

Durch den Verkauf seiner Bilder mobilisierte Huber 140'000 Franken und erhielt gleichzeitig ein Legat eines jungen Mannes, der an HIV gestorben war. Damit gründete er, zusammen mit seiner Frau, die Basis der Stiftung Endamarariek. Und man investierte in Werbung. Die Spender rekrutierten sich in erster Linie aus seinem Patientengut und zum kleineren Teil von einem dritten Weltverein in Wittenbach. Seither ist vieles passiert, doch das Spital entwickelte sich qualitativ und quantitativ. Es arbeitet zu 35 Prozent eigenwirtschaftlich, die Stiftung bezahlt den Rest – das sind etwa 150’000 Franken pro Jahr. «Unglaublich, wie ein Spendenpool aus unserer Region ein Spital in Tanzania finanzieren kann», sagt Huber.

Zudem besteht heute ein kleiner Mittelstand mit einem Einkommen von etwa 100 Dollar pro Monat. Vier Prozent der Bevölkerung haben eine Krankenkasse. «Das Personal ist heute zertifiziert und wir beschäftigen statt einen nun fünf bis sechs Ärzte», sagt Huber. «Sie werden erst nach der Probezeit angestellt. Die Hebammen sind mehrheitlich männlich und unsere Volunteers sagen, dass diese Männer ein besonderes Einfühlvermögen während der Geburt haben. Unglaublich.»

Pro Monat vermittelt die Stiftung maximal drei Volunteers. «Soeben haben Salome Schubert, eine Medizinstudentin aus Zuzwil, und Caroline Schmalzer, eine Krankenschwester aus Bichwil, zwei Monate dort gearbeitet», sagt Huber. Im Frühjahr waren eine Krankenschwester und eine Physiotherapeutin aus der Gemeinde Zuzwil sowie ein Medizintechniker aus Niederhelfenschwil in Enda. Die übrigen sind laut Huber schweizweit verteilt. Bisher wurden 200 Monatspraktiken absolviert. Die Volunteers bezahlen 15 Dollar pro Tag ans Spital und seien eine bedeutende Einnahmequelle. «Viele wollen ein zweites Mal dorthin.»

Seine Traumziele 

Für die Schulen trägt die Stiftung nur noch wenig bei. Aktuell unterrichte die Gemeinde etwa 3’000 Schüler. Die Schulen werden laut Huber nun vom Staat finanziert. «Sie haben das Recht, sich an unsere Tiefwasserbohrung anzuschliessen, müssen aber 500 Meter Erdleitung in Fronarbeit machen. Zudem kosten 1000 Liter Trinkwasser etwa 10 Rappen. Diese Forderung haben sie bis jetzt nicht akzeptiert. Unser Spital hat die einzige Trinkwasserbohrung in der Gemeinde. Alois Bruhin aus Altendorf spendete die eine Hälfte, unsere Stiftung die andere Hälfte.»

Sein persönliches Traumziel sei inzwischen erreicht. Alle wichtigen Investitionen seien abgeschlossen. «Der Patientenumsatz und die Operationszahlen steigen stetig. Wir konnten beweisen, dass Afrikaner ein grösseres Spital völlig eigenständig führen und jährlich die Behandlungsqualität verbessern können.» Die Ausrede, dass in Afrika nach Weggang der Weissen alles zusammenbricht, sei in regelmässigen Abständen propagiert worden. «Alles wegen Fake Propaganda», bringt es Huber auf den Punkt. «Wir haben auch Nachhaltigkeit in der Stiftung generiert und werden sie immer mehr in junge Hände geben. An Nachwuchs wird es dank den vielen jungen Medizinern und Krankenschwestern nicht fehlen.» Finanziell muss jedoch die Stiftung weiterhin mit Spenden aus der Region gefüttert werden.

Das nächste Ziel ist bereits definiert. Da es derzeit keine Heimpflege in Tanzania und folglich keine Behandlung von chronischen Krankheiten bei Personen über 50 Jahren gibt, wird in diesen Bereich investiert. Ausserdem soll auch die gynäkologische Voruntersuchung möglich sein. Huber: «Wir nehmen dabei das Bistum und den Staat in die Pflicht!»

Zahlen und Fakten 

Das Spital in Enda besitzt 40 Betten. Ein Staff von 60 Personen und fünf bis sechs Ärzte arbeiten in drei Schichten – Tag und Nacht. Dieses Jahr erwartet Enda-Care etwa 700 Geburten, wovon die meisten ambulant sind. Dazu kommen jedoch etwa 280 Notfallkaiserschnitte, welche für die vielen kleinen Staatskliniken, wo üblicherweise geboren wird, ausgeführt werden. Enda macht pro Jahr etwa 10’000 Kleinkindkontrollen mit Impfungen. Erwachsene konsultieren die Einrichtung etwa 12.000 Mal. Dazu kommen internistische, urologische und chirurgische Erkrankungen. Das Spital besitzt 40 Betten. Ein umfassendes Labor, zwei Ultraschallgeräte und ein digitales Röntgengerät sind ebenfalls im Einsatz.

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