Auf die Rückrunde der Saison 2018/2019 erhielt der erst 26-jährige Hinterthurgauer Nico Gianforte die Beförderung zum Challenge-League-Schiedsrichter. Grund genug, den Unparteiischen zu interviewen.

Herr Gianforte, seit wenigen Wochen gehören Sie als Challenge-League-Schiedsrichter zu den besten 20 Unparteiischen der Schweiz. Ein gutes Gefühl?
Ich bin überglücklich, dass ich mein grosses Ziel, dass ich mir zu Beginn der vergangenen Saison gesetzt habe, mit dem Aufstieg realisieren konnte. Ein schönes Gefühl insofern, dass ich meinen damaligen Idolen während der Referee Academy und als Jungschiedsrichter jetzt schon sehr nah gekommen bin.

Wie haben Sie vom Entscheid der Schiedsrichterkommission erfahren?
Es war ein gewöhnlicher Mittwochmorgen und ich erhielt den Anruf während dem Besuch einer Vorlesung an der Fachhochschule. Weil ich hinten sass, konnte ich mich nahezu unbemerkt rausschleichen, um den Anruf entgegenzunehmen. Ich hatte danach grosse Mühe, mich auf den Unterricht zu konzentrieren. Sofort nach dem Ende der Vorlesung teilte ich meiner Familie die frohe Botschaft mit.

Was waren die Gründe für Ihre Promotion?
Ich denke, dass sich die harte Arbeit und der Glaube an mich selbst ausbezahlt haben. Hierzu ein Tipp an junge Talente: Bleibt eurer Persönlichkeit treu und versucht nicht, eine andere Identität auf dem Platz anzunehmen. Entscheidend war aber sicher auch mein junges Alter, mein Werdegang mittels der Referee Academy und konstante, gute Leistungen auf dem Platz in den Spielen.

Was ändert sich? Ist der Druck in der Challenge League grösser?
Zum einen muss ich mittels Kommunikationssystems mit meinen Assistenten und dem vierten Offiziellen kommunizieren. Dieses technische Mittel vereinfacht die Zusammenarbeit wesentlich. Des Weiteren nutze ich beispielsweise den Freistoss-Spray als weiteres Hilfsmittel. Neu kann aber jetzt auch medialer Druck dazukommen, den es auszuhalten gilt. TV-Bilder zeigen nun einmal die Wahrheit, ganz besonders bei einem Fehlentscheid. Umso wichtiger ist das private Umfeld, das in solchen Situationen unterstützt und Kraft für neue Spiele bereitstellt.

Wie kombinieren Sie die Tätigkeit als Fussball-Schiedsrichter mit Ihrem Beruf, dem Studium und dem Privatleben?
Die Kombination klappt bisher bestens. Die Schiedsrichterei ermöglicht mir einen optimalen Ausgleich zum Studium und umgekehrt. Neben dem Studium arbeite ich in einem 40-Prozent-Pensum als Finanz-Analyst im Investmentbanking in Zürich. Meine Wochen sind gut gefüllt. Aber so, dass ich immer noch genügend Zeitfenster fürs Training und die Spielvorbereitung finde. Nach dem Studium erhoffe ich mir ein Arbeitsverhältnis, das ebenfalls auf meine Schiedsrichtertätigkeit abgestimmt ist und mir den nächsten Schritt in Richtung Halbprofitum ermöglicht.

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Respekt steht bei Nico Gianforte hoch im Kurs. (Bild: pd)

Innerhalb von nur zehn Jahren haben Sie den Sprung vom Schiedsrichteranfänger in die Challenge League geschafft. Wovon haben Sie im vergangenen Jahrzehnt am meisten profitiert?
Jedes einzelne Spiel hat von Beginn an in irgendeiner Form zu meinem Profit beigetragen. Ich bin jetzt zwar in der Challenge League, aber der Weg hierhin war nicht immer einfach. Im Nachhinein bin ich dankbar für jede Erfahrung, besonders über negative. Als Finanzspezialist vergleiche ich die Entwicklung eines Schiedsrichters mit der eines Aktienkurses. Mal steigt er, mal fällt er. Bleibt der Kurs konstant, so liefern die Daten wenig Aufschluss über die gemachte Entwicklung und der Ausblick in die Zukunft bleibt ungewiss.

Welche Momente sind in Ihren Erinnerungen auf dem Weg nach oben besonders haften geblieben?
Mein erstes «grosses» Spiel war der U16-Cupfinal zwischen dem FC Sion und dem FC Basel im Jahr 2014. Zu dieser Zeit durchlief ich die Referee Academy. Durch konstant gute Leistungen habe ich mir das Vertrauen für diese Affiche erarbeitet. 2016 war ich teil der Schweizer Delegation an den EUSA-Games in Kroatien. Es war eine gute Erfahrung an der internationalen Studentenmeisterschaft Spiele auf hohem Niveau zu leiten. Im vergangenen Sommer kam mir dann die Ehre zu, das Aufstiegsspiel von 1. Liga in die Promotion League zwischen dem FC Münsingen und dem FC Solothurn zu leiten. Das steigerte mein Selbstvertrauen weiter.

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Eines der bisherigen Highlights in der bisherigen Schiedsrichter-Karriere von Nico Gianforte: Das Aufstiegsspiel in die Promotion League zwischen Münsingen und Solothurn im vergangenen Sommer. (Bild: pd)

Seit geraumer Zeit absolvieren Sie die Ausbildung zum Schiedsrichter-Instruktor und gelten aus Aushängeschild für die Region. Was genau beinhaltet die Tätigkeit als Instruktor?
Im März hielt ich meine Prüfungslektion an einem UL-Lehrabend in Arbon zum Thema «Corner-Management». Als ausgebildeter SFV-Instruktor gebe ich persönliche Erfahrungen an andere Schiedsrichter weiter und ich erteile ihnen auch Anweisungen. Schiedsrichter-Instruktoren sind Vorbilder und dafür verantwortlich dass die Weisungen und das Reglement korrekt umgesetzt werden.

Wie geben Sie Ihr erworbenes Wissen an ihre Schiedsrichterkolleginnen und -kollegen weiter?
Ich schätze den Kontakt zu anderen Schiedsrichtern aus der Region sehr. Deshalb amtierte ich bereits am Grundausbildungskurs als Instruktor. Ich werde weitere Gelegenheiten beim Schopf packen, um den Kontakt und den Wissenstransfer aufrechterhalten zu können.

Im Sommer 2019 wird in der Super League bekanntlich der Video Assistant Referee VAR eingeführt. Sind Sie diesbezüglich auch eingebunden?
Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Im Schiedsrichtertrainingslager anfangs Jahr in Gran Canaria haben wir intensiv am Projekt VAR mit praktischen und theoretischen Übungen trainiert. Zurzeit gibt es Offline-Tests, wobei während Super-League-Spielen der Ablauf im Video Operations Room zeitgleich simuliert wird. Ab Sommer gilt es dann ernst und auch ich werde als VAR zu Einsätzen kommen. Meines Erachtens eine wichtige und gute Entwicklung, welche die Glaubwürdigkeit des Fussballs erhöht.

By Bernhard Aggeler