Der wunderschöne Sommer 2018 sorgte dafür, dass die Leute ihre Freizeit hauptsächlich unter freiem Himmel genossen. Viele davon gerne auch in lauschigen Gartenwirtschaften. Eine solche gehört auch zum Restaurant Sonne in Busswil. Ein oder eventuelle mehrere Nachbarn fühlten sich vom Lärm der Gäste belästigt und benachrichtigten in den Sommermonaten mehrmals die Polizei.

Zeichen gegen die Intoleranz

Die uniformierten Staatsdiener, rücken vermutlich viel lieber zu sinnvolleren Einsätzen aus, wie zu solchen Bagatellen sprich Nachbarschaftsstreitigkeiten. Und sie konnten im vergangenen Sommer in der Sonne auch nur einmal eine Gesetzesübertretung wegen Lärmbelästigung feststellen. Bernadette Ackermann erzählt: «Das war am Geburtstagsfest meines Lebenspartners. Es war die einzige Party, die wir in diesem Sommer draussen gefeiert haben.

Wir haben uns anständig und sicher nicht überbordend verhalten.» Wie es das Gesetz verlange, habe der DJ nur bis um 22 Uhr aufgelegt. Danach hätten sie sich nur noch unterhalten, ergänzt die genervte Wirtin. Allerdings zu laut für einen sich belästigt fühlenden Nachbarn oder eine Nachbarin. Und so erschien die Polizei ein weiteres Mal auf dem Platz. Die Folge war eine Anzeige wegen Störung der Nachtruhe durch Lärm.


Gefängnis für Lärmbelästung

Laut Strafbefehl brummte die Staatsanwaltschaft Bernadette Ackermann eine Busse von 100 Franken und eine Verfahrensgebühr von weiteren 100 Franken auf. Aber diese Busse wird Bernadette Ackermann nicht bezahlen. Sie möchte die Ersatzfreiheitsstrafe von einem Tag absitzen. «Ich will damit ein Zeichen gegen Intoleranz setzen. Anonyme Anzeigen finde ich das Letzte. Früher hat man noch miteinander gesprochen und gemeinsam nach Lösungen gesucht.

Restaurantbetreiber haben es wirklich schon schwer genug. Und dann werden einem noch zusätzlich Steine in den Weg gelegt. Da verleidet es einem immer mehr. Und jetzt gehe ich halt ins Gefängnis.» Angemeldet habe sie sich schon. Bei der Staatsanwaltschaft habe man sehr freundlich reagiert, Verständnis gezeigt und Bernadette Ackermann von ihrem Vorhaben abzubringen versucht. Schliesslich willigte man aber ein und stellte der Delinquentin ein Aufgebot zum Strafantritt in Aussicht Wann es so weit sei, könne man ihr aber nicht sagen.

Nach dem Blick-Artikel war der Teufel los

Letzten Dienstag erschien die skurrile Geschichte im Blick. Auf der Frontseite und fast ganzseitig im Innenteil. Bei Bernadette Ackermann war danach der Teufel los, wie sie lachend mitteilt. «Fast ununterbrochen haben mir Leute angerufen. Zum Teil aus der ganzen Schweiz und einer sogar aus Neuseeland.

Einer wollte gar die 100 Franken für mich bezahlen und ein anderer mich im Gefängnis seelsorgerisch betreuen. Bernadette Ackermann: „Ich habe nur positive Rückmeldungen und vor allem von Wirtekolleginnen und -kollegen viel Zuspruch erhalten“.

Zuspruch und Respekt aus der ganzen Schweiz

Speziell war sicher auch der Besuch von Daniel Seiler. Er sass am Mittwochmorgen am Stammtisch in der Sonne und erklärte in breitem Walliser Dialekt, dass er extra aus Brig angereist sei, um Bernadette Ackermann seinen Respekt zu erweisen. «Ich arbeite bei den Briger Bergbahnen. Beim Znüni habe ich gestern mit meinem Chef über den Blick-Beitrag diskutiert und mich spontan entschlossen, diese tolle Frau zu besuchen. Ich habe für sie einen Gutschein unserer Bahn dabei. Damit möchten wir ihr zeigen, wie gut wir ihre Aktion finden.»

Ebenfalls ging im Blickforum die Post ab. Am Erscheinungstag äusserten rekordverdächtige 150 User ihre Meinung zum Fall. Ein Beweis dass die Problematik solcher anonymen Anzeigen beziehungsweise der immer mehr einreissenden Denunziantentums viele Menschen in unserem Land beschäftigt.

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Ein weiter Weg ins Gefängnis

Auf Anfrage bei der Staatsanwaltschaft Thurgau willigte diese ein, dass Bernadette Ackermann ihre Strafe im Gefängnis absitzen darf. Dies hat zu einem weiteren Blick-Artikel am letzten Mittwoch geführt. Überschrift: Sonnen-Wirtin Busswil TG – Sie kommt nicht so leicht in den Knast». Aber wie ist es nun wirklich? Besteht überhaupt eine Wahlfreiheit zwischen Busse bezahlen oder ins Gefängnis wandern? Grundsätzlich ist die rechtliche Grundlage klar, erklärte auf unsere Anfrage ein Anwalt. Eine Busse, also die Strafe wegen einer Übertretung, erfolgt pauschal (gleicher Betrag für alle) und unbedingt. Wer nicht zahlt, wird betrieben, denn für die Strafbehörde besteht die Pflicht, säumige Beträge auf diesem Weg einzufordern.

Erst wenn aus der Betreibung ein Verlustschein resultiert oder anderweitig belegt ist, das jemand mittelos ist, tritt anstelle der Busse respektive Geldstrafe eine Ersatzfreiheitsstrafe. 100 Franken Busse/Geldstrafe entspricht einen Tag Ersatzfreiheitsstrafe. Es wird nun spannend sein, wie die Geschichte endet und ob Bernadette Ackermann tatsächlich ins Gefängnis kommt. Eines ist auf jeden Fall klar. Ein Tag Haft kostet den Steuerzahler ein Vielfaches der ausgesprochenen Busse.

Peter Mesmer