Hand aufs Herz: Haben Sie gewusst, dass der Hof zu Wil zur St. Galler Fürstabtei gehört und mit seinen 800 Jahren älter ist als der Stiftsbezirk? Und dass er einst Sitz der weltlichen Führung der Fürstabtei gewesen ist? Nein? Keine Sorge, damit sind Sie nicht allein. Auch Stadtpräsident Hans Mäder gibt während des Rundgangs vom Freitag durch den Hof zu bedenken, dass das markante Gebäude im öffentlichen Bewusstsein nicht den Stellenwert einnimmt, den es eigentlich verdient hätte. Immerhin ist der Hof zu Wil nicht nur alt, sondern auch geschichtsträchtig, so ist er nicht umsonst seit 1990 «Baudenkmal von nationaler Bedeutung». Immer wieder kommt denn auch Unerwartetes zum Vorschein, Malereien unter Täfer zum Beispiel. Nun will man auch noch auf die Liste des Unesco-Welterbes. Doch von vorn: Seit Mitte der 1990er-Jahre wird der Hof in der Wiler Altstadt renoviert und umgebaut. Nun steht die dritte und vorerst letzte Etappe an. Damit soll der Hof «für die Zukunft fit gemacht werden», wie die Stadt Wil an der Pressekonferenz mitteilt.

Man hat zur Konferenz im dritten Obergeschoss eingeladen. Kabel hängen von der Decke, die Sichtbalken wirken wurmstichig, der Raum ist dunkel. «Sie sind im Dunkeln, wir auch. Das ist nicht optimal», eröffnet Stadtpräsident Hans Mäder die Konferenz. Man habe diesen Ort dennoch bewusst gewählt, und zwar um zu zeigen, dass echter Handlungsbedarf bestehe. So gehe es beim Umbauvorhaben zum einen denn auch um Sicherung und Erhalt der Bausubstanz. Dabei liegen die Schwerpunkte auf den ehemaligen Residenzräumen der Fürstäbte im zweiten und dritten Obergeschoss sowie auf der Dienerschaftskapelle und dem darunter liegenden Haus Roter Gatter. Auch soll die Hofhalde öffentlich zugänglich gemacht werden.

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Ein Eindruck aus der Pressekonferenz vom Freitagvormittag. (Fotos: Janine Meyer)

Neben den baulichen Anpassungen hat man zum anderen vor allem zukunftsgerichtete Pläne: So ist etwa ein musealer Bereich geplant, in dem Einheimische und Touristen gleichermassen Wissenswertes zum traditionsreichen Gebäude erfahren sollen. «Es ist nicht nur ein Renovationsprojekt, sondern auch ein Innovationsprojekt», erklärt Stadtpräsident Mäder, «denn wir wollen die modernste museale Inszenierung hier etablieren.» Das sei kein Selbstläufer, dazu gehöre auch, dass man beispielsweise die Zusammenarbeit mit Organisationen wie «St. Gallen – Bodensee»-Tourismus forcieren wolle.

Wohin mit dem Kühlschrank?

Neben kulturellen Vermittlungsangeboten sind auch Möglichkeiten für die Wirtschaft geplant, so sollen im ehrwürdigen Ambiente etwa «Business-Lounges» entstehen, wo man sich zum Arbeiten und Austauschen einmieten kann. Schon heute ist es übrigens möglich, Räumlichkeiten im Hof zu Wil zu nutzen, für ein Vereinstreffen zum Beispiel. Wo genau welche Umsetzung wie stattfinden wird, sei derzeit noch nicht durchgeplant. Fredy Weber, Vize-Stiftungsratspräsident, sagt: «Wir wissen, dass wir einen Kühlschrank brauchen. Wir wissen nur noch nicht, wo wir ihn hinstellen werden.»

Für diese 3. Etappe hat das Stadtparlament dem Investitionskredit von 9,6 Millionen Franken sowie dem zinslosen Darlehen über 12,2 Millionen Franken mit 35 Ja-Stimmen zu 1 Nein-Stimme bei 1 Enthaltung zugestimmt, die Stimmbevölkerung entscheidet am 28. November darüber. Zudem beteiligen sich Bund und Kanton an dem insgesamt 25,5 Millionen Franken kostenden Umbauvorhaben, und zwar mit 0,8 Millionen Franken (vom Bundesamt für Kultur in Aussicht gestellt) sowie mit 5,4 Millionen Franken (vom Kanton St. Gallen gesprochen).

Realistische Rückzahlung

Die Rückzahlung des Darlehens an die Stadt sei gemäss Businessplan «realistisch», sagt Mäder an der Pressekonferenz vom Freitag. «Aber es ist natürlich schon so: Je mehr Spenden wir einnehmen können, desto realistischer ist die rasche Rückzahlung.» Dafür sollen zum Beispiel die Erlöse aus dem Verkauf von Pflastersteinen eingesetzt werden, die mit oder ohne Gravur zu haben sind. Mit Gravur kostet ein Pflasterstein 1000 Franken, ohne 200. Spender können auswählen, wo ihr Stein «eingepflanzt» werden soll: auf der Hofterrasse, im Hofgarten oder in der Hofhalde. Bisher habe man übrigens noch keine ungravierten Steine verkauft, sagt Fredy Weber. Die Pflastersteine sind limitiert, insgesamt gibt es 800 Stück davon.

Die Kampagne #JaZumHof wirbt für die Annahme an der Urne, dazu wurde auch eine Website aufgesetzt, die Informationen rund um die 3. Etappe zur Verfügung stellt.

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Die Wiler Altstadt aus einem nicht ganz alltäglichen Blick.

Informationen vor der Abstimmung

Am 28. November entscheidet die Bevölkerung an der Urne über den städtischen Kredit und das Darlehen. Am 30. Oktober findet ein Tag der offenen Tür statt und am 4. November findet eine Podiumsdiskussion statt, in der auch Fragen aus der Bevölkerung erwünscht sind.