Der Hof zu Wil ist nicht einfach ein altes Gemäuer, sondern ein überaus geschichtsträchtiges Haus. Die Erbauer waren Benediktiner des Klosters St. Gallen. Ihr Bauwerk sollte mindestens 1000 Jahre Bestand haben. Man kann auch ohne jegliche Überheblichkeit sagen, dass die Schweizer Armee und vor allem deren Mobilmachung ihren Ursprung in Wil hat, begründet in der sogenannten «Defensionale» nach dem Dreissigjährigen Krieg von 1618 – 1648.

«Weltumspannende» Verbindungen

Das Haus ist mehr als 800 Jahre alt, bietet von allen Seiten eine interessante Kulisse und besticht durch solide Baukunst mit dickem Mauerwerk und viel, viel Platz. Wil war während rund 500 Jahren Residenz der St. Galler Fürstäbte, Zentrum für Macht, Recht und Finanzen. Dabei war der Stiftsbezirk St. Gallen immer eng mit Wil verbunden. Hier kann die ganze Geschichte des Hofs zu Wil samt Zahlenstrahl nachgelesen werden.

Ulrich-Rösch als wichtiger Fürstabt (1426 – 1491)

Ulrich Rösch war der dritte Fürstabt des Klosters St. Gallen und der erste Nichtadlige auf diesem Posten. Der Bäckerssohn aus Wangen im Allgäu verstand es sehr gut, mit Geld umzugehen. Im Gegensatz zu den Mönchen, die das Kloster vor seiner Zeit St. Gallen durch eigene Unfähigkeit fast in den Ruin getrieben hätten, schaffte es Rösch durch kluge Wahl der Mitarbeiter sogar, das Kloster St. Gallen zum reichsten weitherum zu machen. Allerdings trugen vor ihm auch unsichere Zeiten mit politischen und konfessionellen Wirren zum Niedergang bei.

Rösch war klar, dass man für die Bewirtschaftung eines solchen Unternehmens gut ausgebildete Beamte brauche. In Wil wurde er denn auch fündig. So wurde die Stadt dank dem Hof als Aushängeschild zu einem wichtigen Finanzzentrum der östlichen Schweiz. Zeitweise reichten die Ländereien des Klosters weit über die Grenzen bis nach Köln.

In Wil lebte damals auch die Witwe Ursula Schnetzer, mit der Rösch zwei Söhne hatte, was im Mittelalter keineswegs unüblich war, wenn auch von den Kirchenoberen nicht unbedingt gern gesehen. So konnte der Fürstabt das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden und in Wil Hof halten. Dem Fürstabt ist in Wil und im Osten von St. Gallen eine Strasse gewidmet, zudem heisst die Region noch immer Fürstenland.

Was bisher renoviert wurde

Mit einem kurzen Video wurden die vorhergegangenen Renovationsetappen noch einmal in Erinnerung gerufen. Beim Aufschalten des kurzen Films zeigte sich, dass punkto Technik und Internet wirklich Bedarf vorhanden ist, war doch die Internet-Verbindung recht instabil und brachte die Technikverantwortlichen um Reto Osterwalder ziemlich zum Schwitzen. Hier kann der Film samt Livestream des Abends jedoch in aller Ruhe angeschaut werden. 

1979 wurde der Hof zu Wil unter Bundesschutz gestellt. Und 1988 stimmte die Wiler Stimmbevölkerung dem Kauf des Gebäudekomplexes zu, gleichzeitig wurde eine Stiftung gegründet und 1990 in Kraft gesetzt. Seither sind in zwei grossen Bauetappen viele Mängel im geschichtsträchtigen Haus behoben worden. Nun steht noch der dritte Renovationsschritt an. Hier sollen die bis jetzt ungenutzten Bereiche mit dem nicht unbeträchtlichen Volumen von 17‘500 m3 für eine ständige Nutzung bereitgestellt werden.

Moderation durch Janine Meyer

Nach dem Grusswort von Stadtpräsident Hans Mäder übergab dieser an Janine Meyer, Redaktionsleiterin von hallowil.ch und Moderatorin des Abends. Auf den Podiumsstühlen sassen: Christian Naef von der Altstadtvereinigung; Hans Vollmar, Kunst- und Museumsfreunde; Walter Dönni, Verein Wil Tourismus; Ruedi Schär – sogar im Hof aufgewachsen! – Ortsgemeinde Wil; Florence Leonette als Stiftungsrätin der Stiftung Hof zu Wil und zudem Tonhalle-Leiterin und schliesslich Patrick Cotting, der als Leiter Betrieb und Finanzen die Informationsfäden fest zusammenhielt.

Patrick Cotting erklärte in seinem für hiesige Ohren eher ungewohnten «Seisler-Deutsch» – Dialekt der Deutschfreiburger – sehr engagiert die fünf wichtigsten Projektvorhaben der dritten Bauetappe: 1. Renovation und Innovation; 2. Wer soll profitieren?; 3. Öffnung hin zur Stadt; 4. Umsetzung des Projekts; 5. Finanzen.

Zu jedem dieser Punkte stellte Moderatorin Janine Meyer gezielte Fragen an die Personen auf den Podiumsstühlen. Ihre Einschätzungen vertieften die Aussagen von Projektleiter Cotting. Souverän führte sie durch das nicht unbedingt einfache Themengebiet. Schliesslich geht es um sehr viel Geld, da will man schon genauer hinschauen können. Das Projekt soll ja nicht nur für die Wiler Bevölkerung einen Nutzen haben, sondern weit über die Stadtgrenzen ausstrahlen. Verwunderung und verhaltenes Gelächter löste die Aussage von Cotting aus, dass Wil zur Zeit der Alten Eidgenossenschaft am allermeisten Intellektuelle in ihren Reihen gehabt habe. Wie steht es damit wohl heute?

Projekt

Es sollen multifunktionale Räume entstehen, technisch und baulich auf dem neuesten Stand. Man will auch den Aussenbereich attraktiver – sprich grüner – gestalten, vor allem auf der Hofhalde hin zum Wiler Weier. Profitieren sollen gerade auch junge Leute von attraktiven Ausstellungen im geplanten Museum im dritten Stock, meinte Cotting. Heute müsse man jedoch mit dem Smartphone Informationen abrufen oder Fragen beantworten können, und auch das Internet sei absolut unverzichtbar. Man wolle für die geplante museale Inszenierung aber auch die Altstadt einbeziehen, beispielsweise mit einem «Trail», eine Art Schnitzeljagd, einfach mit elektronischen Mitteln. Davon könne auch das Gewerbe profitieren. Wer sich noch genauer darüber informieren möchte, findet unter diesem Link das ganze Konzept.

Vernetzung ist wichtig

Alle Podiumsgäste betonten, wie wichtig die Kommunikation und die Vernetzung unter den einzelnen Vereinen der Stadt seien, die alle irgendwie in das Projekt eingebunden wären. Florence Leonetti glaubt, dass es viele Synergien zwischen der Tonhalle und dieser Ausbau-Etappe geben kann, denn oft ist die Tonhalle für einen Anlass fast zu gross, da wäre ein kleinerer Saal im Hof eine gute Alternative. Natürlich muss auch das gastronomische Angebot stimmen. Da hat der Hof schon heute einen hervorragenden Ruf. Man soll unbedingt auch während der allfälligen Bauphase da essen können. «Allfällig» darum, weil das Wiler Stimmvolk ja das letzte Wort zu diesem Vorhaben hat. Angedacht ist auch, Synergien mit anderen touristischen Betrieben wie dem Chocolarium oder anderen Museen zu nutzen.

Sind die Finanzen seriös berechnet?

Patrick Cotting entschuldigte sich fast etwas dafür, dass er nun nackte Zahlen präsentieren müsse. Für viele Stimmberechtigte wird aber genau das einer der entscheidenden Faktoren für ein Ja oder Nein sein. Die Stiftung möchte von der Stadt Wil 9,6 Millionen Franken als Investitionsbeitrag bekommen, dazu ein zinsloses und rückzahlbares Darlehen von 12,25 Millionen. Die Rückzahlung ist auf 40 Jahre ausgelegt. Da möchte die Bürgerschaft verständlicherweise schon gerne wissen, wie kalkuliert wurde. 

Angestrebt wird ein hoher Eigenfinanzierungsgrad. Es sind sogenannte «Business-Lounges» für monatlich 3‘500 Franken und insgesamt 16 «Co-Working-Places» - auf Deutsch «durch verschiedene Personen nutzbare Arbeitsplätze» – für je 500 Franken vorgesehen. Dabei wird auf langfristige Mietverträge gesetzt. Man rechnet zudem mit rund 15‘000 gekauften Eintritten. Hans Vollmar machte in einem engagierten Votum klar, dass es bei der Abstimmung nur um Geld gehe, nicht um Inhalte, es in dieser Hinsicht deshalb besonders grosse Sorgfalt brauche.

Verschiedene Räume, so auch die Dienerschaftskapelle, sollen aufgewertet und für verschiedene Anlässe geöffnet werden. Auch Partnerschaften werden angestrebt, so hat die Bühler Group Uzwil bereits einen solchen Vertrag unterschrieben. Sie möchte damit Gästen aus Übersee oder Asien einen unvergesslichen Aufenthalt bieten. Die Dietschweiler-Stiftung ihrerseits mietet die Lounge mit Blick auf die Altstadt. Der Kanton hält sich von der Finanzierung allerdings vornehm fern. Dafür könnte aus den Swisslos-Gewinnen etwas in die Baukasse fliessen.

Hoher Wert für den Tourismus

Walter Dönni vom Tourismusverein malte eine Vision von vielen Touristen, die nach dieser Renovation von weither nach Wil kommen würden. Auf die provokante Frage der Moderatorin, wo diese denn alle schlafen sollten, gab es keine eindeutige Antwort, wohl aber die Vermutung, dass jetzt nicht gleich Heerscharen Wil überfallen würden, sondern es eher Tagestouristen sein würden, die die Vorzüge der Altstadt und des Hofs zu Wil kennenlernen möchten. Im Notfall müsste man sich natürlich schon Szenarien überlegen, aber im Augenblick sei da noch kein wirklicher Bedarf. Sicher sei, dass der Tourismusverein da nicht selber aktiv werden könne, es brauche zudem für alle Projekte die Zustimmung der Stadt. Hans Vollmar dämpfte seinerseits die Vorstellung von zu vielen Tagestouristen. Wenn es täglich 40 Personen seien, dann sei man mehr als zufrieden. Zur Frage nach einem gezielten Marketing meinte Cotting, dass dies sehr teuer sei. Besser und zudem glaubwürdiger seien Mund-zu-Mund-Propaganda, Publireportagen oder auch kleine Filmbeiträge auf sozialen Medien. Jede und jeder könne als «Verstärker» dienen.

Zukunftsvisionen

Patrick Cotting wünschte sich mit einem leicht verlegen wirkenden Lächeln, dass er noch vor seiner Pensionierung erleben dürfe, dass der Hofbezirk ins Unesco-Kulturerbe aufgenommen werde. Zusammen mit dem Stiftsbezirk St. Gallen wäre das ein wirklich attraktives Angebot. Um den Umbau auch mit privaten Geldern zu alimentieren, werden jetzt Pflastersteine verkauft, die dann rund ums Gebäude eingelegt werden sollen. Ein gravierter Stein kostet 1‘000 Franken, ein neutraler 250 Franken.

Nach einem herzlichen Dankeschön an alle an diesem Anlass Mitwirkenden beendete Sebastian Koller, Präsident der IG Kultur, den aufschlussreichen Anlass. Mit einem reichhaltigen Apéro und länger dauernden Diskussionen an den Apéro-Tischchen endete der Abend. Die Abstimmung wird nun zeigen, wie sich die Wiler und Wilerinnen zu diesem Vorhaben stellen werden. 

Was sagen Sie zum Projekt Hofbezirk? Die Redaktion hat anfangs Oktober schon zur hallowil.ch-Abstimmung aufgerufen, machen Sie mit, wenn Sies nicht schon getan haben.