Seit 2005 dirigiert Edith Gadient den vielköpfigen Chor. Dieser sang Lieder aus verschiedenen Epochen, aber immer zum gleichen Thema. Es geht hier um Sehnsucht, Sehnsucht nach Licht, nach Frieden, nach Seligkeit, ja nach dem Paradies. Immer wieder lösen sich dabei düstere Harmonien mit befreienden, wohltuenden Passagen ab. Eine Stunde lang war die evangelische Kirche in Niederuzwil eine Oase der Ruhe und der Besinnung.
Kurze Einstimmung
Elisabeth Hänsenberger, Aktuarin des Konzertzyklus, begrüsste die vielen Musikbegeisterten mit einem kleinen Ausblick auf das Konzert. Erst machte sie aber auch auf den Fragebogen aufmerksam, welcher die Administration des Vereins vereinfachen helfen soll. Vieles kann heute über E-Mail mitgeteilt werden, dazu braucht es jedoch die nötigen Angaben. Und es gibt auch heute viele Menschen, die dennoch lieber ein papierenes Programmheft in Händen halten. Sie bat zudem, sich den Applaus bis zum Schluss aufzusparen, dann dafür umso heftiger zu klatschen.

Dies ermöglichte dem Chor und auch dem Publikum, vom Sehnen nach Seelenruhe, dem Ausmalen der Leiden Christi bis hin zum Paradies - wo der Chor der Engel „dich empfangen möge“, wie es im Text heisst - in aller Ruhe einen musikalischen Bogen mit ganz unterschiedlichen Gefühlszuständen zu schlagen.

Kammerchor Wil
Der Chor hat eine lange Tradition, besteht er doch schon seit 1959. Seit 2005 wird er von Felicitas Gadient dirigiert, welche nach einer schweren Erkrankung den Chor aus dem Rollstuhl heraus leitet. Ungefähr 60 Frauen und Männer singen im Chor, wobei auffällt, dass hier das Verhältnis Frauen-Männer viel ausgeglichener als in manch andern Chören ist. Männer sind heute oft „Mangelware“, ausser es handle sich um Gospel- oder Pop-Chöre. Der Kammerchor Wil hat sich einem gediegenen Chorklang verschrieben und führt gerne auch eher unbekannte Werke auf. In der evangelischen Kirche Niederuzwil konnte sich das Publikum von diesem Anspruch überzeugen lassen. Das ganze Konzert wirkte wie eine einzige gesungene Predigt.

Oxana Peter-Fedjura an der Orgel
Oxana Peter ist eine auf höchstem Niveau ausgebildete Pianistin, ursprünglich aus der Ukraine stammend, unterdessen aber in verschiedenen schweizerischen Orchestern und Chören als versierte Begleiterin und/oder Korrepetitorin tätig. Auch beim Kammerchor Wil unterstützt sie so die Proben. Im Konzert in Uzwil begleitete sie den Chor bei mehreren Stücken auf der Orgel, erfreute die Zuhörerschaft aber auch mit zwei Solovorträgen, nämlich zwei Pastoralen der beiden französischen Komponisten César Franck und Camille Saint-Saëns.

Um der Organistin den Kontakt mit der Dirigentin zu sichern, hatte der Chor eine Art „Rettungsgasse“ gebildet, denn die vorgetragenen Werke waren anspruchsvoll, gerade auch, was Einsätze und Tempo betraf. Da war der Blick in den Spiegel unerlässlich.

Kompositionen aus verschiedenen Zeitepochen
Neben dem Engländer Thomas Camion (1567 – 1620), dem deutschen Komponisten Heinrich Schütz (1585 – 1672) und dem Österreicher Anton Bruckner (1824 – 1896) standen auch drei Franzosen auf dem Programm. Gabriel Fauré ( 1845 – 1921) war ein begabter Schüler des grossen französischen Komponisten Camille Saint-Saëns (1835 – 1921). Zwei von Faurés Werken, das Stück „Cantique de Jean Racine“ – ein Gesang zu einem von Jean Racine nachgedichteten Abrosianischen Hymnus - und „In Paradisum“ - dessen Text an einen Irischen Segen erinnert -, forderten die einzelnen Stimmenregister. Es ging in höchste Höhen, aber auch in richtig dunkle Niederungen der stimmlichen Möglichkeiten.

César Franck (1822 – 1890) gehört zu den berühmtesten Komponisten seiner Zeit. Sein Pastorale in E-Dur, op 19, hat er 1863 komponiert, eingebunden in einen Zyklus von sechs Orgelwerken. Auch in diesem Stück war das Sehnen nach Licht hörbar. Oxana Peter registrierte hier auf besonders subtile Weise. Düstere Sequenzen mit langhaltendem Basston wechselten ab mit schnellen Läufen, verzögerten Teilen, um dann in einen hellen, trostvollen Schlusston zu münden.

Wort und Musik passen zusammen
Ganz besonders gut war dies beim Stück von Anton Bruckner zu hören, als der Chor „Christus factus est“ a capella sang. Sehr dynamisch gestaltete die Dirigentin dieses Stück. Es gab feinste Piano-Stellen, aber auch mächtige Fortissimi. Die Männer mussten gar tief in die Basslinien abtauchen. Aber auch sonst passten die tiefreligiösen Texte – dank einem abgegebenen Blatt mit Übersetzung aller lateinischen Texte – sehr gut zur Umsetzung in Harmonien. Besonders schön kam das bei dem fünfteiligen Werk von Morten Lauridsen zum Tragen. Das Licht wurde hier richtig herbeigesungen, ja fast herbeibeschworen.

Grosser amerikanischer Komponist
Als Schlusspunkt sang der Chor eine Art Messe des Komponisten Morten Lauridsen. Dieser hat ausschliesslich Chorwerke komponiert. Der Mann, ein dänischer Einwanderersohn, lebt zurückgezogen auf einer ruhigen Insel im Bundesstaat Washington, umgeben von wunderbarer Natur. In Amerika ist er ein Star unter den zeitgenössischen Komponisten. Sein Werk „Lux aeterna“ (Ewiges Licht) ist ganz in lateinischer Sprache gehalten. Es beginnt mit einem Gebet als Einleitung und weckt mit seinen Harmonien Erinnerungen an die orthodoxe Chorpraxis. Dann wird die Hoffnung auf Überwindung des Todes und Erbarmen besungen. „O Licht, aus Licht geboren“ – „ o nata lux“ - lässt die Sehnsucht nach Zugehörigkeit zu Jesus hörbar werden.

Im vierten Teil wird der Heilige Geist angerufen, dieser „Vater der Armen“, „Geber der Gaben“ oder auch „Bester Tröster“. Und im letzten Teil „Agnus Dei – lux aeterna“ scheint das Licht auf. Die Bitte „Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt“ zeigt auf Ostern hin, das Geschehen rund um die Kreuzigung Jesu und mündet in einem jubelnden Halleluja. Mit einem langanhaltenden Amen verhallt das Werk. Hier war gute Intonation gefragt, denn es gab mehrere a capella-Passagen, bei denen die Orgel erst nach ein paar Takten wieder einfiel.

Am Schluss dankte das Publikum allen Beteiligten für das gehaltvolle, mit grossem Ernst vorgetragene Konzertprogramm mit einem ergriffenen, starken Applaus.


Konzertzyklus Uzwil

Kammerchor Wil

Oxana Peter-Fedjura

César Franck – Pastorale op. 19

Cantique de Jean Racine

Morten Lauridsen – Lux Aeterna

Trailer zum Film über Morten Lauridsen – Englisch