Schweizerinnen und Schweizer gelten gemeinhin als friedliebendes Volk, das nur im alleräusserten Notfall zur brachialer Notwehr fähig wäre. 1980 schienen in der beschaulichen Wiler Altstadt nur noch passiver und aktiver Widerstand die letzten Bastionen der Zivilisation vor dem Untergang retten zu können. Zumindest bekommt man diesen Eindruck, wenn man die Leserbriefspalten von damals liest. Da werden Personen „von St. Gallen bis Elgg“ dazu aufgerufen, nach Wil zu strömen.

Falls vorhanden, sollten sie Kesselpauken, Pfannendeckel, Pfeifen und Trommeln mitbringen. Auch der Einsatz von Stinkbomben wurde als letztes Mittel nicht ausgeschlossen. Abzuwehren galt es nicht einen Einfall verspäteter Habsburger, sondern „Röhrlehosen-Grünzeug“, das beabsichtigte „Alternativ-Kultur-Gelichter mit seinem ohrenbetäubenden Gebrüll und Mestizengeschrei, 13fach verstärkt und begleitet von brechreizendem atonalem Pumpum-Pumpum-Pum“ mit allen Mitteln zu verhindern. „Wenn die zuständigen Behörden nicht mehr willens und imstande sind, für Wahrung des einfachsten Anstandes hier oben zu sorgen, beliebt uns nur noch die handfeste Notwehr übrig.“

Verständnislos gegenüber neuer Kultur

Der Mann, der sich publizistisch gegen den Auftritt von Liedermachern, Bluesmusikern Rockbands ereiferte, kannte man in der Äbtestadt vor allem als Verfasser von kalligrafischen Dokumenten, von historischen Schriften, Hörspielen, Novellen und weiterem Kulturgut. Mit den Klängen der damaligen jugendlichen Musikfreunde hatte er rein nichts am Hut. Hut ist das passende Stichwort: Mit einem breitkrempigen schwarzen Hut und im schwarzen Mantel sah man ihn öfters im Stadtbild. Gemessenen Schrittes war der Vollbärtige etwa unter den Arkadenbögen der Altstadt unterwegs.

Mit seiner Erscheinung schien der Historiker Walther ab Hohlenstein etwas aus der Zeit gefallen, wie wenn er irgendwo in seinen geschichtlichen Forschungen den Rückweg verpasst hätte. Er sprach Aramäisch, Griechisch, Latein und Hebräisch. Die Sprache der damals jungen Generation verstand er offensichtlich nicht, sie war für ihn gemäss Leserbrief ein „Huronenklamauk“ von „geistig unterentwickelten Hannaken“. Übrigens starb der in Herisau Geborene mit Jahrgang 1906 drei Jahre nach diesem Pamphlet.

Altstadt als Drogenzentrale? 

Er war zu jener Zeit nicht der einzige, der mit seinem Unmut die Zeitungsspalten füllten, auch andere sahen schlimme Zustände auf Wil zukommen. „Ich finde es von den Veranstaltern des 1. Wiler Altstadt-Open-Airs verantwortungslos, dass sie mit der Einwilligung zum umfangreichen Verkauf von Drogenutensilien geradezu zum Einstieg in die Hasch- und Drogenszene auffordern“, empörte sich etwa ein Bürger aus Zuzwil.

Lob der Veranstalter

Der Organisatoren-Verein Pankraz, der sich nach einer Brunnenfigur auf dem Hofplatz nannte, erhielt auch ausdrücklichen Support. „Da hatte also eine Gruppe junger, initiativer Wiler in langer, seriöser und harter Arbeit ein Open-Air-Festival in unserer Altstadt inszeniert, das sich in jeder Beziehung sehen lassen durfte“, schrieb der SP-Politiker Peter Donatsch in einem ausführlichen Leserbrief. Den Anführer der Festivalgegner bezeichnete er als Pharisäer. Dieser hatte zu einer Unterschriftensammlung gegen den Anlass aufgerufen.

Namhafte Sponsoren

Die Veranstalter mobilisierten ihrerseits zum Widerstand per Kugelschreiber. Im vordigitalen Zeitalter hiess es in einem auf Schreibmaschine getippten und fotokopierten Flugblatt: „Wir starten eine PETITION FUER DIE BEIBEHALTUNG DES WILER ALTSTADT OPEN AIR FESTIVALS“.

Was der Aufruf zwischen den Zeilen im Flyer bedeuten mag: „Sachlich bleiben (wenigstens jetzt noch)“ lässt sich 38 Jahre später kaum mehr eruieren. Er ist jedoch ein Indiz für die damals polarisierte Stimmung im Fürstenländer Städtchen. Immerhin sind auf den Programmflyer eine ganze Reihe von lokalen KMUs sowie der Lions Club Wil als Sponsoren aufgelistet, sie dürften kaum zu den Gegnern des Anlasses gezählt zu haben.

Insgesamt vier Mal spielten Gruppen und Einzelmusiker an Open Airs auf dem Goldenen Boden auf. Er wird so bezeichnet, weil die früheren Handwerksbetriebe in den angrenzenden Liegenschaften prosperierten. Unter den Musizierenden waren schweizweit bekannte Gruppen wie etwa Züri West und Lazy Poker Band. Und auch regionale Bands, wie Hasch Mahall, griffen in die Tasten und in die Saiten.

Neue Räume für neue Kultur

Die Querelen um das Musikfestival im Herzen der Wiler Altstadt fielen in Zeit einer kulturellen Aufbruchstimmung in der Schweiz. Besonders lautstark und heftig forderten in Zürich Jugendliche spezifische Freiräume um neue Formen der bildenden Kunst, des Theaters und der Musik produzieren und präsentieren zu können, jenseits der etablierten Opernhäuser, Musikhallen und Kunstmuseen.

In Wil beanspruchte damals eine Gruppe von jungen Menschen die Garagen der ehemaligen Brauerei Löwenbräu als Entfaltungsraum für alternative Kultur. Nach Protestaktionen und kontroversen Diskussionen mit Verantwortlichen der Stadt, wurde schliesslich ein Baumagazin in der Nähe des markanten Wiler Silos und des Bahnhofs als geeigneter Standort gefunden.

Im Laufe der Jahre verstummten die kritischen Stimmen immer mehr, und der Gare de Lion, wie das Lokal heute heisst, ist ein Teil des Kulturangebots, auf dessen überregionalen Ruf man in der Stadt stolz ist.

Die hohen Wellen, die die damaligen Auseinandersetzungen um die Kultur in Wil warfen, sind längst verebbt. Die Gemüter sind mittlerweile wieder so ruhig wie der Spiegel des Stadtgewässers während des Rock am Weier.

Homepage: http://www.rockamweier.ch/