Ein Kindergarten irgendwo in Wil. Kurz vor acht Uhr morgens fahren diverse Autos vor, sogenannte Elterntaxis. Kleine Kinder reissen die Autotüren auf und rennen direkt auf die Fahrbahn - kein Blick nach links und rechts.

Gemäss einer Studie des TCS werden in der Deutschschweiz rund sieben Prozent der Schulkinder von den Eltern in die entsprechende Bildungsreinrichtung chauffiert; in der Westschweiz sind es gar dreissig Prozent.

Behinderte Sicht

Die gutgemeinte Fürsorge für die eigenen Töchter und Söhne birgt erhebliche Risiken: Wenn Kinder vor dem Kindergarten oder der Schule das Auto verlassen, schauen sie selten, ob sich ein Fahrzeug nähert, sie rennen los.

Wegen ihrer noch geringen Körpergrösse sind sie für Auto- und Velofahrende schlecht erkennbar, wenn sie sich hinter einem Auto aufhalten und unerwartet die Fahrbahn betreten.

Für die Kinder verdecken stehenden PKWs, Lastwagen oder Busse die Sicht auf die Fahrbahn, deshalb können etwa ein herannahendes E-Bike kaum im Voraus erkennen.

Kinder sind in ihrem Verhalten sehr spontan, sie denken noch wenig über die Gefahren im Strassenverkehr nach.

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Reifeförderung

Dabei ist es der zu Fuss zurückgelegte Schulweg, der die Kompetenzen von Kindern im Strassenverkehr wachsen lässt. Ohne Elterntaxi lernen Kinder frühzeitig das richtige Verhalten und die Risiken im öffentlichen Raum kennen. Auf dem Weg in die Schule oder nach Hause machen sie viele kleine Entdeckungen, die ihre Sinne anregen.

Im Weiteren entwickeln sie vermehrte körperliche Robustheit, wenn sie ihren Schulweg ab und zu bei Regen, Wind oder Schneefall unter die Füsse nehmen müssen. Bewegung an der frischen Luft hilft zudem schulischen Stress abzubauen.

Um die Risiken des Schulwegs zu minimieren, haben sich in der Westschweiz Elterninitiativen gebildet, bei der wechselnde Eltern die Kinder in Gruppen zu Fuss in die Schule und nach Hause begleiten. Unterwegs schliessen sich wartende Kinder an. <Pedibus> sowie <laufender Schulbus> werden entsprechende Initiativen genannt. Ein gemeinsam zurückgelegter Schulweg fördert die Entwicklung von Sozialkompetenz von Kindern.

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Wie meistert man in der Stadt Wil die Herausforderung der Kinder, die regelmässig in den Kindergarten oder in die Schule chauffiert werden?

Auf Anfrage nimmt Stadtrat Jigme Shitsetsang, Departementsvorsteher Bildung und Sport, folgendermassen Stellung: «Auch die Stadt Wil ist vom negativen Phänomen der Elterntaxis betroffen. Die grosse Mehrheit der Eltern hält sich an die Empfehlung der Schulen, ihre Kinder den Schulweg selbständig zu Fuss gehen zu lassen. Das Departement Bildung und Sport wie auch die einzelnen Schuleinheiten und Elternforen weisen regelmässig auf die Gefahren der Elterntaxis rund um die Schulen und Kindergärten hin. Dabei werden auch die Themen Schulwegsicherheit, Gesundheit und das Erlernen von Sozial- und Selbstkompetenzen angesprochen. Die Schulen der Stadt Wil erachten es als sehr wichtig, dass die Kinder den Weg in die Schule zu Fuss und alleine zurücklegen können und nicht stetig von Erwachsenen begleitet werden. Grundsätzlich gilt es festzuhalten, dass die Schulwege für die Wiler Kindergarten- und Schulkinder zu Fuss bewältigbar sind.

Aktuell ist in den Primarschuleinheiten die Kampagne «Ich kann das! Ich geh zu Fuss!» am Laufen. Diese wurde bereits letztes Jahr gestartet. Die Kampagne legt den Fokus auf die Stärkung der Kindergartenkinder, den Schulweg selbständig zu Fuss zu gehen.»