Urs K. Scheller, der 2007 zum Vizepräsidenten gewählt worden war, baute in verschiedenen Gremien viele wertvolle Kontakte auf. Er hatte die bis 2012 unter dem Namen Pro Stadtbus agierende IG stetig weiterentwickelt. Eine grosse Stütze war ihm dabei Roman Appius, der auch die Sekretariatsarbeiten erledigte. Beide traten am Samstag an der jährlichen Hauptversammlung zurück. Kassier bleibt der aktuelle Wiler Parlamentspräsident Luc Kauf, der in der temporären Kerngruppe den Kantons- und Stadtparlamentarier Erwin Böhi (SVP), Kurt Hollenstein als Vertreter des Quartiervereins Bronschhofen sowie den Stadtparlamentarier Jannik Schweizer (Jungfreisinnige) um sich scharen konnte.

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Urs K. Scheller (links) und Roman Appius treten von ihren Ämtern zurück.


Seitenhiebe an Stadt und SBB

Der abtretende Präsident kommentierte in seinem letzten Jahresbericht die Schwerpunkte der IG. Dabei konnte er sich einige Seitenhiebe an die Adresse der SBB und des Departementes Bau, Umwelt und Verkehr (BUV) der Stadt Wil nicht verkneifen. So kritisierte er die oft arrogante Haltung einzelner Vertreter der SBB, die auf dem hohen Ross sitzen und auf Fragen und Anliegen schlicht nicht eingehen würden.

Der grosse SBB-Fahrplanwechsel vom kommenden 9. Dezember bringt Wil vorerst keine Verbesserung. Eine Direktverbindung nach Bern gibt es ausser am frühen Morgen um 5.33 Uhr mit dem IC 1 nach Genf noch nicht. Während der Hauptverkehrszeiten am Morgen und Abend verkehren von Montag bis Freitag zwischen Zürich und St. Gallen neu vier Fernverkehrszüge pro Stunde und Richtung, gleich zwei davon ohne Halt in Wil. Neu verkehrt stündlich ein Interregio von Zürich via St. Gallen nach Chur, der auch Wil bedient.

Abend-Taxi bis 2023 gesichert

Der Fahrplan 2019 bringt auf dem Wiler Stadtbusnetz den durchgehenden Viertelstundentakt. Ausgeklammert bleibt die Linie 705 (Bahnhof Wil – Bildfeld – Himmelrich). Dies soll sich gemäss Buskonzept 2021 vorläufig nicht ändern. Ebenso wird es auch weiterhin keine Bushaltestelle Bleicheplatz geben. Urs Scheller hatte unermüdlich für eine solche gekämpft, um den Bewohnern im Alterszentrum Sonnenhof den Zugang zum öffentlichen Verkehr zu vereinfachen. Der seit 2006 laufende Betrieb des Abend-Taxis wird laut Aussagen von BUV-Chef Daniel Stutz bis mindestens 2023 im bisherigen Rahmen fortgesetzt.

Ungenügende Bus-Bevorzugung

Am BUV rügte Scheller unter anderem die mangelnde und nur schleppend umgesetzte Bus-Bevorzugung auf den Strassen von Wil sowie das seines Erachtens unbefriedigende Betriebs- und Gestaltungskonzept Zürcherstrasse im Westen der Stadt. Der an der Versammlung anwesende Stadtrat Stutz, Vorsteher des BUV, wies darauf hin, dass auf der Zürcherstrasse für alle Verkehrsteilnehmer eine optimale Lösung gesucht werde. Nach der Umsetzung der flankierenden Massnahmen im Zuge von Wil West dürfe auf der Zürcherstrasse mit einem geringeren Verkehrsaufkommen gerechnet werden.

Scheller teilt diesen Optimismus überhaupt nicht. Aufgrund der gesamtschweizerischen Erfahrungswerte geht er davon aus, dass maximal 22 Prozent der einst vorgesehenen 3000 Beschäftigten in Wil West den öffentlichen Verkehr benutzen werden, so dass die Zürcherstrasse massiv mehr Verkehr schlucken werden müsse.

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Kassier Luc Kauf überreicht dem scheidenden Präsidenten Urs K. Scheller ein Abschiedsgeschenk.


Gefährdet der neue Bahnhofplatz die Fussgänger?

Heftige Kritik übte der abtretende Präsident an der im Sommer präsentierten Neugestaltung des Wiler Bahnhofplatzes. Das siegreiche Projekt „Amici“ überzeugt Urs Scheller keineswegs, weil der Zugang zur geplanten Mittelinsel über die Busspur führe. „Deren Überquerung stellt für die Bahn- und Busbenützer eine grosse Gefahr dar“, findet er.

Neben den im letzten Amtsjahr erlebten Enttäuschungen lobte Urs Scheller das Amt für den öffentlichen Verkehr St. Gallen, das heute als zuverlässiger Ansprechpartner gute Arbeit leiste sowie die IG öV Ostschweiz, welche über die Landesgrenzen hinaus sehr gut mit ähnlichen Organisationen und Ämtern im deutschen Bodenseeraum, in Vorarlberg und Liechtenstein zusammenarbeite.

SBB-Struktur wie beim Flugverkehr?

Nach dem offiziellen Teil der Mitgliederversammlung wartete Urs Scheller noch mit einigen provokativen Denkanstössen zur Verkehrspolitik der Zukunft auf. So sind ihm die laufend steigende Pannenhäufigkeit auf dem Schienennetz der SBB und deren Immobilien-Strategie ein Dorn im Auge. Er könnte sich deshalb eine neue Organisationsstruktur nach Vorbild des Luftverkehrs vorstellen. Hier stellt der Staat die Flughäfen, private Gesellschaften sind für den Flugverkehr zuständig und die halbstaatliche Skyguide sorgt für die Sicherheit in der Luft.

„Grünaustrasse wird wieder abgelehnt“

Auch das im Frühling präsentierte Wiler Verkehrskonzept 2030/35 befriedigt Urs Scheller nur bedingt, weil dieses die Probleme nur teilweise löse. Zur Verbesserung der staubedingten Verspätung der Busse plädiert er für eine unterirdische Schwanen-Kreuzung. Und schliesslich schloss er vor den Mitgliedern noch eine Wette ab: „Ich setze 100 Franken, dass die Grünaustrasse auch bei der nächsten Abstimmung abgelehnt wird“.

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BUV-Vorsteher Daniel Stutz ist trotz Kritik  froh, dass es bei der IG OeV weiter geht.


„Es braucht diese IG“

Am Schluss der Mitgliederversammlung wandte sich BUV-Vorsteher Daniel Stutz mit versöhnlichen Worten an die Anwesenden: „Ich bin dankbar, dass es diese IG gibt. Sie ist wichtig für Wil. Sie soll Kritik anbringen, hartnäckig sein und Visionen haben, denn der öffentliche Verkehr ist kein Selbstläufer. So bin ich froh, dass es bei der IG OeV nach dem Rücktritt an der Spitze weiter geht“.