Moderator Roland P. Poschung ist es gelungen, zwei bekannte Persönlichkeiten nach Wil zu holen: Sepp Blatter und Annemarie Meyer. Der Walliser überraschte mit einer humorvollen und offenen Art, genau so wie seine Gesprächspartnerin aus dem Oberaargau. Die Tatsache, dass beide diesem Anlass ohne Gage oder Spesenentschädigung beiwohnten, ist ihnen positiv anzurechnen. Sehr gerne wäre er bereits früher in Wil gewesen, doch die schriftliche Anfrage wurde bei der FIFA verschludert und ihm erst im Januar, anstatt bereits im Oktober, zugestellt.

Ohne Zweifel gehört Blatter zu den wohl umstrittensten Persönlichkeiten weltweit. Seine Verdienste als Entwicklungshelfer, Generalsekretär und Präsident der FIFA sind ohne Zweifel nicht von der Hand zu weisen. Als er zum Weltfussballverband gestossen ist, hatte dieser rund 20 Millionen Schulden. Kaum vorzustellen, dass der gleiche Verband heute über ein Vermögen von fast 1,5 Milliarden verfügt.

«Ich gebe auf alles Antwort, aber auf meine Art»

Blatter bewies Humor und machte einen offenen, ehrlichen und zugänglichen Eindruck. Er zeigte damit aber auch, dass die mediale Darstellung seiner Person ein völlig anderes Menschenbild erschaffen hat. Wohl nicht viele hätten erwartet, dass er sich sowohl kritischen Fragen mit Ehrlichkeit und Offenheit stellt. Aber auch alle Fotowünsche der anwesenden Gäste hat er mit einem Lächeln erfüllt. Einen kleinen Seitenhieb gab es in Richtung Osten: «Ich bin 83 Jahre alt geworden, 8 und 3 gibt 11. Das kennt man in Wil».

 
Sepp Blatter im hallowil.chk-Video-Interview. (Beitrag: Gianluca Lombardi)

Angesprochen auf den Fussball in der Stadt attestierte er dem FC Wil gute Arbeit: «Wil ist ein guter Boden für Fussball, Leute wie Christian Gross waren hier». Insgesamt sieht er den ansässigen Fussballclub als solider Verein, der mit seinen 35 Punkten gut dasteht. Aber auch für das Wiler Aushängeschild Fabian Schär fand er lobende Worte. Wenn auch die Partie der Schweizer gegen Georgien Blatter eher zum Einschlafen verleitete.

Auch kritischen Fragen rund um seine Person, aber auch die FIFA beziehungsweise den Fussball antwortete er offenherzig und souverän. Er bestritt nicht, dass es im Fussball Korruption gibt – dies ist aber wohl ein Problem der einzelnen Verbände und nicht der FIFA als Ganzes. Er betonte mehrfach, dass er ein reines Gewissen hat und in keinem direkten Zusammenhang zu diesen Vorfällen steht.

Mega-WM in Qatar

Die Vergabe der Weltmeisterschaft nach Qatar sieht auch der Blatter sehr kritisch. Vor allem die Umstände, die zu dieser Zuteilung geführt haben, tragen einen faden Beigeschmack. Nach einem Treffen zwischen Nicolas Sarkozy, damals noch Staatspräsident von Frankreich, und dem Kronprinzen von Qatar, gab es plötzliche politische Bewegungen zugunsten einer WM-Vergabe nach Qatar. Auch Michel Platini war ein Befürworter dieser Stimmabgabe und investierte viel, um Stimmberechtigte von dieser Meinung zu überzeugen.

Aber auch die Tatsache, dass die WM mit 48 Mannschaften gespielt wird, sieht Blatter kritisch. Die Konstellation mit Dreiergruppen in der Vorrunde birgt Gefahren. Erinnerungen an den Nichtangriffspakt von Gijon werden wach, als Österreich und Deutschland für die «Schande des Fussballs» verantwortlich waren und auf unsportliche Art und Weise die nächste Runde erreichten.

Afrika als Mission

Als Entwicklungshelfer der FIFA war es Blatter bereits früh ein Anliegen, das Spiel Fussball als Brücke und Vermittler einzusetzen. Der Fussball hat den Leuten in Afrika ein Umfeld gebracht, in dem sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene zum gemeinsamen Spiel treffen konnten und so von der Strasse geholt wurden.

Vor allem Schwarzafrika wird von der Welt ungerecht behandelt und ausgebeutet. Was bereits in der Kolonialzeit so war, hat sich bis heute nicht wesentlich zum Besseren gewendet. Blatter sah sich bei der FIFA immer als Missionar. Es war eines seiner Lebensziele, eine WM nach Afrika zu bringen. 2010 ist ihm das mit der Austragung in Südafrika gelungen. Er hat damit Afrika und seiner Bevölkerung einen grossen Dienst erwiesen, und dem Kontinent die verdiente Aufmerksamkeit eingebracht. Dieser Umstand täuscht aber über die Sache hinweg, dass zum Beispiel in Südafrika Rassismus immer noch ein allgegenwärtiges Problem ist. Er sprach aber auch davon, dass man wohl mit Sicherheit davon ausgehen kann, dass nie mehr eine Weltmeisterschaft in Afrika stattfinden wird.


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Aufmerksam hörten die Gäste bei der Talkrunde mit Sepp Blatter Annemarie Meyer zu.

«Ganz unschuldig bist du im Leben nie»

Spätestens nach der WM-Vergabe nach Katar, zogen über der FIFA-Zentrale dunkle Wolken auf. Es folgten Verhaftungen von hochranginge FIFA-Funktionären. Ihnen wurden Unregelmässigkeiten und Korruption in Zusammenhang mit der Stimmvergabe vorgeworfen. Blatter sieht diese Vorfälle insofern selbstkritisch, weil viele dieser Leute durch Ihn eingestellt wurden und er Ihnen entsprechend Vertrauen entgegenbrachte.

Die Bundesanwaltschaft ermittelt auch gegen Blatter, nicht aber wegen Korruption, sondern «nur» wegen ungetreuer Geschäftsführung. Aber auch in diesem Verfahren gab es nach fast vier Jahren noch keinerlei Fortschritte oder nachhaltige Beweise gegen den Walliser.

Alte Weggefährtin

Ebenfalls an diesem Gespräch mit dabei war Annemarie Meyer, die Geschäftsführerin des Glacier Express. Sie hatte in Ihrer Vergangenheit beruflich ebenfalls mit Sepp Blatter zu tun. Als Mitarbeiterin der International Sport and Leisure (ISL) war Meyer für die Sponsorenbetreuung am Confederations Cup in Südkorea verantwortlich. Weil die Firma kurz vor Austragung des Turniers Konkurs ging, sprang die Sepp Blatter und die FIFA ein. Mit einem Kraftakt konnte so die rund 70 Arbeitsplätze gesichert werden.

Nach der FIFA folgte für Meyer ein Engagement bei der UBS, worüber Sie aber nur wenige Worte verlor. Nach dem Sie bereits mit 25 Jahren in St. Moritz tätig war, zog es Sie nun wieder zurück in die Berge. Der Glacier Express war für Sie eine interessante Herausforderung. Und für sie eine Möglichkeit mehr, um zu beweisen, dass Sie nicht wegen ihrer blonden Haare und blauen Augen erfolgreich ist, sondern weil Sie eine Kämpferin ist, die durch Leistung überzeugen will.