Dass Gericht sah es am Dienstagnachmittag als erwiesen an, dass die Zeugenaussagen widersprüchlich und der genaue Ablauf der Handlung nicht mehr zu rekonstruieren sei – und sprach deshalb den Beschuldigten von Schuld und Strafe vollumfänglich frei. «Uns ist bewusst, dass für das Opfer ein Schuldspruch für die Bewältigung des Geschehens wichtig gewesen wäre. Aber wir wissen einfach nicht wirklich, was passiert ist. Der Staat muss dem Beschuldigten nachweisen, wie etwas wirklich abgelaufen ist. Ansonsten gilt 'in dubio pro reo'», begründete die Richterin das Urteil. Also «im Zweifel für den Angeklagten».

Die Anklage hatte eine Verurteilung wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 80 Tagessätzen à 110 Franken  – bedingt auf eine Probezeit von zwei Jahren – sowie eine Busse von 1600 Franken gefordert. Der Privatkläger forderte zudem 11 300 Franken Schadenersatz und 25 000 Franken Genugtuung. Die Forderungen des Privatklägers wurden auf den zivilgerichtlichen Weg verwiesen.

Aus Überraschung zusammengestossen

Der Beschuldigte hatte zuvor beteuert, «dass es einfach ein Unfall» gewesen sei. Er habe den Davoneilenden frühmorgens zur Rede stellen wollen, weil dieser zuvor in der Bar, wo der Beschuldigte mit seinen Freunden gefeiert habe, herumgepöbelt habe. «Ich wollte von ihm einfach wissen, warum er so einen schlechten Tag hatte», so der Angeklagte. Er eilte dem ihm bis dahin Unbekannten nach und forderte ihn zum Anhalten auf. Als sich dieser plötzlich umdrehte, sei der ebenfalls stark betrunkene Beschuldigte dermassen überrascht gewesen, dass sie zusammengestossen seien. «Es gab ein Gerangel in dem Sinn, dass ich fiel und mich im Fallen abstützen wollte. Das Ganze dauerte eine Sekunde, dann lag ich schon auf dem Boden», so der Beklagte.

Der Sturz verlief jedoch sehr unglücklich, fiel doch der kräftige Mann – nach eigener Aussage ist er 1.87 Meter gross und wiegt 98 Kilogramm – dergestalt auf den Rückwärtsfallenden, dass dieser bewusstlos liegenblieb und schwere Kopfverletzungen erlitt. «Diese unnötige Straftat hat das Leben des Privatklägers für immer verändert», so der Klägeranwalt. Die Auswirkungen wurden von niemanden bestritten, leidet doch der Mann seitdem an epileptischen Anfällen und ist nur noch zu 50 Prozent arbeitsfähig.

Widersprüchliche Zeugenaussagen

Der Anwalt des Privatklägers zweifelte die Unfallthese an: «Ein Gerangel von einer Sekunde ist schwer vorstellbar, ein Schlag hingegen schon.» Zudem habe ein Zeuge ausgesagt, dass er jemanden gesehen habe, der dem Davoneilenden einen Schlag oder Stoss von hinten versetzt habe, so der Anwalt. Die Richterin legte in ihrer Urteilsbegründung jedoch da, dass die Aussagen des Zeugen im Verlaufe der Untersuchung immer widersprüchlicher geworden seien, weshalb man nicht auf diese abstellen könne.

Der Verteidiger, der für seinen Mandanten einen vollständigen Freispruch forderte, bestritt, dass ein Schlag ins Gesicht oder auf den Hinterkopf passiert sei. «Wäre dem so gewesen, dann hätten man im Gesicht die Spuren eines Faustschlages oder aber zumindest die Folgen eines Aufpralls sehen müssen. Es gab aber keine Verletzungen im Gesicht», so der Verteidiger. Der Privatkläger hatte zuvor geschildert, dass er einen «Knockout-Schlag» erhalten habe.