Ein Morgen im Februar 2019: Es ist noch früh. Ein 29-jähriger Vietnamese zündet sich einen Joint an. Danach konsumiert er Kokain, bevor er sich mit einer Druckluftpistole bewaffnet auf das Larag-Areal in Wil begibt. Vor dem Firmeneingang der Edelweiss Fenster AG trifft er auf einen Mann, den er durch sein Auftreten und durch die Waffe so in Angst versetzt, dass dieser seinen Aktenkoffer fallen lässt und ins Gebäude flüchtet. Der Vietnamese folgte dem Mann einige Schritte bis in den Eingangsbereich. Der fliehende Mann wird von einer Kugel aus der Druckluftpistole mindestens einmal am Ellenbogen getroffen, wird dabei aber nicht verletzt. Der Schütze schnappt sich nur wenige Augenblicke später den Aktenkoffer und eilt davon.

Auf seiner Flucht beschädigt er Eigentum der Firma und versucht, verschiedene Fahrzeughalter dazu zu bewegen, ihm bei der Flucht behilflich zu sein. So versucht er, eine Autofahrerin dazu zu bringen, anzuhalten, damit er einsteigen kann. Doch das funktioniert nicht. Nun versucht er, einen Lastwagenfahrer dazu zu bewegen, ihn vom Tatort fortzubringen. Aber auch das klappt nicht. Schliesslich gelingt es ihm, in ein parkiertes Auto mit laufendem Motor einzusteigen und sich damit wenige Meter zu bewegen. Zwei beherzte Passanten stellen ihre Fahrzeuge aber so hin, dass er nicht wegfahren kann. Es war ihm ohnehin nicht gelungen, den richtigen Gang einzulegen. Wenige Minuten später trifft die Polizei ein und verhaftete den Mann quasi «in flagranti». Diese Szenen spielten sich vor gut einem Jahr zwischen der Toggenburger- und Churfirstenstrasse ab.

Auf der Anklagebank

Und nun sitzt der junge Mann kaum zwölf Monate später auf der Anklagebank des Kreisgerichts Wil in Flawil. In Handschellen und Fussfesseln zwar, wirkt aber aufmerksam, beherrscht und ruhig. Bewacht wird er während der Verhandlung von einem Polizeibeamten in voller Montur. Nur einmal entfährt ihm ein «da heisst?», und zwar bei der Urteilsverkündung als es um die stationären Massnahmen geht. Aber davon später mehr.

Die Deliktliste in der Anklageschrift ist lang, so finden sich etwa: qualifizierter Raub, versuchte schwere Körperverletzung, versuchte Freiheitsberaubung, Sachbeschädigung sowie Verstösse gegen das Betäubungsmittel-, das Strassenverkehrs- und das Waffengesetz. Die Sachlage – will heissen: Die vorgebrachten Vergehen – wurden weder vom Beschuldigten und seiner Verteidigung, noch von der Staatsanwaltschaft bestritten. Uneins war man sich aber in der Schuldfrage sowie in der Höhe des Strafmasses. So hatte die Verteidigung auf einen kompletten Freispruch plädiert, da der Beschuldigte gemäss psychiatrischem Gutachten eine «mittlere bis schwere Beeinträchtigung» in Bezug auf seine Einsichtsfähigkeit sowie auf seine Steuerungsfähigkeit habe. Diese beiden Fähigkeiten sind massgeblich für die Schuldfähigkeit. Die Staatsanwaltschaft forderte hingegen eine Freiheitsstrafe von 26 Monaten, die Zahlung einer Busse über 500 Franken sowie 15 Jahre Landesverweis. Die ersten beiden Strafen seien zugunsten einer stationären Massnahme aufzuschieben.

Überhaupt schuldfähig?

Die Verteidigung hingegen plädiert für einen kompletten Freispruch, da der Angeklagte mindestens zum Zeitpunkt der Tat an einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung gelitten habe. So sei der Beschuldigte damals der Auffassung gewesen, er werde von menschlichen Klonen verfolgt und bedroht. Das habe er bereits bei der Verhaftung behauptet und auch vor dem Haftrichter wiederholt. Zudem gab er selbst an, sich an die Vorfälle nicht erinnern zu können.

Der Beschuldigte richtete sich anschliessend auch persönlich an die Richter, und zwar sagte er, dass er therapeutische Hilfe annehmen, dies aber in einer ambulanten Therapie tun wolle – und nicht stationär. Sein Verteidiger schien überrascht, dass sein Klient die Richter alle Formalitäten wahrend angesprochen und sich für eine ambulante Massnahme ausgesprochen hatte. «Das war nicht meine Idee», versicherte der Verteidiger mehrfach. Vielmehr habe sich sein Klient offenbar Gedanken gemacht.

Am Donnerstagnachmittag haben die Kreisrichter in Flawil ihr Urteil verkündet: Der Angeklagte wurde in praktisch allen Punkten schuldig gesprochen, schwerstes Vergehen sei der qualifizierte Raub. Der 30-Jährige befindet sich derzeit im Strafvollzug in der Anstalt Pöschwies, da bereits ein rechtskräftiges Urteil vom St. Galler Kantonsgericht zu früheren Vergehen vorliegt. Zusätzlich zu diesem früheren Urteil – das ebenfalls eine Freiheitsstrafe sowie einen Landesverweis für fünf Jahre vorsieht – haben ihm die Flawiler Richter eine Freiheitsstrafe von 15 Monaten auferlegt, therapeutische Massnahmen werden nicht angeordnet, weder stationär noch ambulant. Als der vorsitzende Richter diesen Punkt erklärt, entgleitet dem Angeklagten die Frage: «Da heisst?» Die Verteidigung beschwichtigt ihn, Verständnisfragen und Erklärungen sind während der Urteilsverkündung nicht vorgesehen. 

Die Richter haben die verminderte Schuldfähigkeit in das Strafmass eingerechnet, und zwar um 65 Prozent. So kommen sie auf eine Freiheitsstrafe von 18.9 Monaten, ergänzend zum Urteil des Kantonsgerichts  – «Asperationsprinzip» heisst das im Fachjargon – ergibt dies zusätzliche 15 Monate. Dass von einer therapeutischen Massnahme abgesehen wurde, begründen die Richter damit, dass die Bereitschaft dafür fehle – und sich so kein Erfolg einstellen könne. Zudem sei es im regulären Strafvollzug auch möglich, etwa Drogenprobleme in den Griff zu bekommen. Damit muss der 30-Jährige wieder zurück in die Strafanstalt Pöschwies. Ist die Haftstrafe einmal abgesessen, so wird er für insgesamt zehn Jahre des Landes verwiesen.

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So berichtete hallowil.ch am Vormittag des 30. Januar:

Heute muss sich ein 30-Jähriger vor dem Kreisgericht Wil in Flawil den Richtern stellen. Die Liste der Anklagepunkte ist lange, darunter qualifizierter Raub, versuchte schwere Körperverletzung, versuchte Freiheitsberaubung, Nötigung sowie Verstösse gegen das Betäubungsmittel-, das Strassenverkehrs- sowie das Waffengesetz. Zugetragen haben sich Ereignisse letzten Februar auf dem Gebiet zwischen Toggenburger- und Churfirstenstrasse (hallowil.ch hat berichtet).

Die Sachlage – will heissen: die Vergehen – werden weder vom Beschuldigten, noch von der Staatsanwaltschaft bestritten. Die Verteidigung plädiert allerdings auf kompletten Freispruch. Mit dem Urteilspruch von heute 13 Uhr soll aber geklärt werden, in welchem Masse der Beschuldigte überhaupt schuldfähig ist und sich seines Handelns bewusst war.