«Wir stehen vor ganz grossen Herausforderungen», sagt Béatrice Conde-Petit, Leiterin Lebensmittelsicherheit des Technologieunternehmens Bühler in Uzwil, in ihrem Referat. Im Rahmen der Jahresabschlusskonferenz des Unternehmens, das auf ein positives Jahr 2018 zurückblickt, erklärt die Lebensmittelingenieurin, wie die Menschheit in Zukunft ernährt werden kann. Die grösste Herausforderung in der Welternährung wird sein, die Menschheit mit genügend Essen versorgen zu können. Denn das grosse Bevölkerungswachstum sorgt dafür, dass die Ressourcen immer knapper werden. Nach Angaben der Vereinten Nationen sollen bereits im Jahr 2050 fast zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben. «Innerhalb weniger Jahrzehnte müssen wir deshalb auf andere Quellen zurückgreifen, um die Weltbevölkerung ernähren zu können», erklärt Conde-Petit die zukünftige Entwicklung. Um alle Menschen ernähren zu können, muss eine grosse Menge an zusätzlichem Protein hergestellt werden. «Wir werden 50 Prozent mehr brauchen als heute», sagt Conde-Petit.

Auf alternative Proteine zurückgreifen

Die Lebensmittelingenieurin erklärt weiter, dass «alternative Proteine das konventionelle Fleisch – wie wir es kennen – ersetzen kann». Alternative Proteine seien beispielsweise mit Insekten gefütterte Tiere. «Die immer grössere Nachfrage nach Fleisch bringt die Futtermittelindustrie in einen Engpass. Denn Futter aus Sojamehl kann nicht in ausreichender Menge produziert werden.» Abhilfe schaffen könnten unter anderem Insekten, die sich von organischen Abfällen ernähren und dann als Futtermittel eingesetzt werden. «Algen enthalten hochwertige Proteine und Öle», nennt Conde-Petit eine weitere Alternative. Und Hülsenfrüchte enthalten sogar mehr Proteine als Getreide. «Für den Anbau benötigen sie aber viel weniger Wasser.» Weitere Alternativen seien textuierte Proteine – so garantiert Bühler die Textuierung von Pflanzenproteinen beispielsweise für pflanzliche Burger. «Gehen wir einen Schritt in die Biotechnologie», sagt Conde-Petit, «ein Thema ist auch kultiviertes Fleisch». Also Fleisch aus dem Labor. Bei dieser Möglichkeit werden tierische Muskelzellen in einer Nährlösung vermehrt.

«Eigentlich ist das alles nur eine Kopfsache», sagt Conde-Petit. Essen habe vor allem mit Emotionen zu tun. «Wer mit der gutbürgerlichen Küche der Eltern grossgeworden ist, will sich vom Bekannten oft nicht lösen», sagt die Expertin weiter. Aber dieses Umdenken brauche seine Zeit. Früher habe kaum jemand Sushi gegessen, heute kenne jeder die japanische Spezialität. «Und so wird es wahrscheinlich auch mit den alternativen Proteinen sein», meint Conde-Petit.

Im Gespräch mit «hallowil.ch» schildert Stefan Scheiber, CEO der Bühler Group, warum ein innovatives Denken in Bezug auf die Welternährung wichtig ist und warum das Uzwiler Unternehmen dort investieren möchte.

hallowil.ch: Herr Scheiber, wie wichtig und dringend sind Innovationen in den nächsten zehn Jahren im Ernährungsbereich?

Stefan Scheiber: Sie sind enorm wichtig. Wir wissen, dass die Art und Weise, wie heute Getreide vom Feld auf den Teller gelangt oder Fleisch produziert wird, noch lange nicht nachhaltig und effizient ist. Es braucht neue Ansätze und Lösungen, um im Jahr 2050 die Weltbevölkerung von fast zehn Milliarden Menschen ernähren zu können. Fakt ist: Ressourcen, Land und Wasser sind limitiert.

hallowil.ch: Machen diese Tatsachen einem Unternehmen wie der Bühler Group, die im Food-Bereich tätig ist, auch Angst?

Das nicht. Es ist eher so, dass wir dieses Thema sehr ernst nehmen müssen. Wir müssen noch heute etwas unternehmen, damit wir bereits in wenigen Jahren positive Ergebnisse haben. Mit unseren Innovationszyklen können wir nicht innerhalb von zwei Monaten die Welt neu erfinden. Wichtige Schritte brauchen ihre Zeit, bis sie beim Endkunden etabliert sind – das ist eine Entwicklung, die Jahre dauern kann. Beginnen wir deshalb am besten jetzt, eine nachhaltige Zukunft zu schaffen.

hallowil.ch: Und deshalb haben Sie sogar eine Abteilung im Unternehmen, die sich mit der Ernährung von morgen auseinandersetzt?

Viele sogar. Bei uns setzt sich jeder Geschäftsbereich mit dem Thema Innovation auseinander und was das Morgen bringen könnte – sei es bei der Ernährung oder bei der Mobilität. Ich bin überzeugt, dass dies ein gutes Rezept ist, um immer wieder mit Innovation neue Werte zu kreieren, die unseren Kunden erlauben mit ihren Prozessen effizienter und vor allem nachhaltiger zu sein.

hallowil.ch: Die Bühler Group fühlt sich in dieser Entwicklung im Ernährungsbereich auch verantwortlich?

Wir wollen, dass jeder Mensch Zugang zu gesunder Nahrung hat. Und wir tragen zum Klimaschutz bei, mit energieeffizienten Autos, Gebäuden und Maschinen. Und deshalb fühlen wir uns hier in der Verantwortung. Heute ist die fünfte Generation im Besitz des Unternehmens. Wir nehmen unsere Verantwortung ernst und blicken längerfristig in die Zukunft. Das ist unsere tägliche Motivation.

hallowil.ch: Wie möchten Sie dieses Vorhaben ein Stück weit noch in diesem Jahr umsetzen?

Wir kommen diesem Ziel jedes Jahr ein Stück näher, weil wir jedes Jahr Innovationen präsentieren. Dieses Jahr wird die GIFA in Düsseldorf ein Highlight sein, denn dort stellen wir mit unserer Druckgusstechnologie eine ganze Serie von Innovationen vor – wir werden etwa Lösungen zeigen, wie die Branche effizienter arbeiten kann. Mit der Eröffnung des CUBIC und der neuen Anwendungszentren hier in Uzwil werden wir unseren Kunden ganz neue Möglichkeiten bieten, zusammen mit Hochschulen und Start-ups an neuen Lösungen zu arbeiten. Unternehmen, die daran Interesse haben, heissen wir herzlich willkommen. Im Spätsommer laden wir dann Kunden aus aller Welt zu den sogenannten Networking Days in Uzwil ein, um uns mit ihnen zu den grossen Fragen unserer Branche auszutauschen.

hallowil.ch: Kultiviertes Fleisch – das schreckt viele Menschen ab. Aber will man da wirklich ansetzen?

Wir müssen offen für die Zukunftstrends und die Veränderungen auf dem Markt sein. Als innovatives Unternehmen sind wir offen gegenüber diesen Trends und evaluieren sie. Entscheidend ist, wie unsere Kunden diese Trends aufnehmen und welche Möglichkeiten sie zusammen mit uns entwickeln. Und da wollen wir vorne dabei sein. Das ist das, was unser fast 160 Jahre altes Unternehmen ausmacht. Seit unseren Anfängen haben wir kontinuierlich in die Zukunft investiert – und viele unserer Erfolgsgeschichten waren anfangs auch nur Trends.

hallowil.ch: Die Bühler Group will also in der zukünftigen Welternährung eine Vorreiter-Rolle einnehmen?

Absolut! Und so war es auch in der Vergangenheit. So sind wir zum Leader in der Getreidemüllerei geworden. Wenn wir diese Ambitionen nicht gehabt hätten, hätten wir es nie so weit gebracht. 

Post inside
Stefan Schreiber, CEO der Bühler Group, ist überzeugt, dass sich das Unternehmen mit dem Thema alternative Ernährung auseinandersetzen muss.