Die Wiler Altstadt ist weitherum für ihre gut erhaltenen und gepflegten Häuserzeilen bekannt. Dass es in der Markt- und in der Kirchgasse auch für Feinschmecker einiges zu entdecken gibt, gilt als eine Art Insidertipp. Die Altstadtvereinigung will dies ändern. Die Probiereli-Tour sei ein toller Anlass, den man unbedingt bekannter machen müsse, findet Simon Lumpert, Präsident der Altstadtvereinigung. “Für einmal organisieren wir diesen Anlass und hoffen, dass die Teilnehmenden ihre positiven Erfahrungen in ihrem Bekanntenkreis weitererzählen und so zu einer Art Botschafter für die Genussreise werden.“

Mehrere Durchführungen pro Jahr
Gemäss Ruedi Schär findet die Probiereli-Tour acht bis neun Mal pro Jahr statt. Von Leiter des Infocenters der Stadt Wil wurde die Genussrunde vor Jahren initiert und seither organisiert.
Gebucht wird sie von Privatpersonen, von Vereinen, Firmen und auch im Rahmen von Klassenzusammenkünften. Für die Teilnahme wird ein Pauschalpreis von Fr. 29.- verrechnet. Der Rundgang dauert zwei Stunden.

Auftakt mit Bier
Am vergangenen Mittwoch versammelten sich am milden Herbstabend 15 Personen um an der Genusstour unter dem Paronat der Altstadtvereinigung teilzunehmen. Um 17 Uhr wurde gestartet. Altstadtführerin Reny Rohner begleitete die altersdurchmischte Gruppe zur ersten Station: Widmer Bierspezialitäten an der Kirchgasse.

Biersommerlier Christof Widmer schenkte den Gästen mit Unterstützung seiner Frau Conny je ein Glas Thurbobräu ein, ein Getränk mit Wiler Geschichte und Herkunft. „Es ist gut, wenn Sie Ihre Tour mit einem Bier beginnen“, schmunzelte er. „Es regt den Appettit an, dann schmecken Ihnen die nachfolgenden Speisen noch besser.“

Steuern in der Schweiz bezahlen
Zur Begeleitung lieferte der erfahrene Fachmann Wissenswertes zur siebentausend jährigen Kulturgeschichte des beliebten Gerstengetränkes. Er betonte die Bedeutung der Zutaten bei der Bierherstellung. „Sie können überall in der Schweiz Wasser aus dem Hahnen laufen lassen, es schmeckt immer wieder ein bisschen anders.“ Das verwendete Wasser habe einen wesentlichen Einfluss auf den Geschmack des Biers.

Er konnte sich einen Seitenhieb gegen die multinationalen Konzerne nicht verkneifen. „Bei mir im Laden finden Sie kein Bier aus einer Grossbrauerei, dessen Boss nicht in der Schweiz seine Steuern bezahlt.“ 380 Biere aus 40 Ländern haben er und seine Frau im Sortiment.

Wiler Käse und Wein
Für den nächsten pikanten Gang wechselte die gut gelaunte Gruppe in die Gasse des Hofes. Dort warteten sechs verschiedene Produkte der Käserei Oberli in Rossrüti auf sie. In mundgerechten Portionen waren Erzeugnisse mit Namen wie „Rote Hexe“,“Schweizer Gold“ oder „Gertensberger“ zu verkosten. Dazu wurde Wiler Gold, ein Federweisser, dessen Pinot noir-Trauben an den örtlichen Rebhängen gedeihen, gereicht.

Dunkles Brot bevorzugt
Silvio Dietsche begrüsste in der Feinbäckerei Dietsche zum nächsten Gang. Zum Auftakt gab es Dinkelbrötli mit einer Füllung aus Oliven, Mayonaise und wenig Pepperoncini. „Dieses Brötchen ist bei den Kunden ganz besonders beliebt, mir selber schmeckt es weniger“, erzählte er verschmitzt lächelnd.

Anschliessend wurde Pannacotta mit einer Vanillenote aufgestischt, gefolgt von kleinen Cremeschnitten. Mit einer Portion Orangenglacé gab es danach eine weitere Geschmackserfahrung für den Gaumen. Den Abschluss bildeten Amaretti, wahlweise mit oder ohne Irish Coffee.

Dass in seinen Backwaren ausser Mehl, Salz und Hefe auch viel Freude und Herzblut stecken, war aus seinen Auführungen unschwer zu erkennen.

Entsorgt wird kaum etwas
Ein Gast wollte wissen, was mit den nicht verkauften Brotwaren geschehe. Sie werden eingefroren und anderntags nach dem Aufbacken an Schüler zum halben Preis verkauft, auch der Caritasmarkt ist ein Abnehmer, zudem werden sie zu Futter für Kühe vermahlen.

Röstung in riesigen Trommeln
Zum Abschluss ging Franco Diomaiuta in der Café Bar La Moka bei einem Espresso auf den Unterschied von traditionell und von industriell geröstetem Kaffee ein. Während ersterer rund 20 Minuten in der Rösttrommel verbringt, werden in den Grossrösterein die Bohnen in einem Schnellverfahren in riesigen Mengen gebräunt. Dabei wird gemäss Franco Diomaiuta vor allem die äussere Schicht geröstet, im Inneren bleibt die Bohne nahezu roh.

Sprössling einer Rösterfamilie
Der Barista kennt sich mit dem Prozess besonders gut aus, weil er einer süditalienischen Rösterfamilie entstammt und den Umgang mit Kaffee seit Kindesbeinen aus dem Effeff kennt.
Sein Schwager und seine Schwester unterhalten in Wilen bei Wil eine Rösterei dessen Produkte in der Café Bar La Moka serviert werden, und übrigens auch in der Kaffeeecke der Feinbäckerei Dietsche, wie deren Inhaber anmerkte.

Herkömmliche Röstung ist magenschonend
Bei der traditionellen Röstung verliert der Kaffee gemäss Franco Diomaiuta rund zwanzig Prozent an Feuchtigkeit, dieser Verlust fällt bei Industrieröstungen wesentlich kleiner aus. Damit erleiden die Unternehmen weniger finanzielle Verlust durch Schwund. Laut seinen Angaben ist Kaffee aus Kleinröstereien aufgrund ihres herkömmlichen Verfahrens magenschonender.

Geselliger Abschluss
Gegen 19 Uhr klang der gemütliche Genussabend aus. Von den Teilnehmenden brach nur auf, wer unbedingt zu einem weiteren Termin musste. Die Mehrheit hatte keine Eile und genoss die entspannte Stimmung bei angeregten Plaudereien, begleitet von weiteren Getränken.