Was hallowil.ch vor ein paar Wochen angestossen hatte, ist mittlerweile zu einer nationalen Diskussion geworden. Das liegt freilich auch daran, dass nicht nur in Wil Züge trotz geplanten Stopps durchfahren, um Verspätungen aufzuholen. Auch das Schweizer Fernsehen ist mittlerweile auf den Zug aufgesprungen, hat am Mittwochabend in der Sendung «10 vor 10» über die Situation in Wil berichtet und Stadtpräsidentin Susanne Hartmann interviewt.

Die Diskussion dreht sich je länger je mehr um die Frage, ob es überhaupt rechtens ist, dass die SBB den Halt in Wil einfach auslässt – um damit einer grösseren Anzahl Reisenden eine pünktliche Verbindung anbieten zu können. Denn laut übereinstimmenden Medienberichten sind die SBB laut Personenbeförderungsgesetz dazu verpflichtet, alle in den Fahrplänen enthaltenen Fahrten durchzuführen. Betriebspflicht nennt sich das in der Fachsprache. Zu klären ist nun die Frage: Wird diese Betriebspflicht verletzt, wenn ein Zug an einem Bahnhof durchfährt, an dem er anhalten sollte? In der Sendung «10 vor 10» wird das Bundesamt für Verkehr (BAV) diesbezüglich wie folgt zitiert: «Das wäre der Fall, wenn ein Unternehmen Haltestellen, die in der Konzession und im Fahrplan enthalten sind, nicht bedient. So wie sich die Situation abschätzen lässt, könnte eine Betriebspflichtverletzung vorliegen.» Das BAV werde nun die SBB bitten, eine Stellungnahme abzugeben und die Situation zu erläutern. Je länger je mehr wird klar: In dieser Diskussion wird es noch den einen oder anderen ausserplanmässigen Halt geben für die SBB.

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So reagiert die SBB auf die Kritik aus Wil (3.7.)

Die Bahnreisenden, welche den Knoten Wil befahren, müssen sich wohl damit abfinden, dass auch künftig der eine oder andere verspätete Zug nicht in der Äbtestadt anhalten wird, obwohl er es gemäss Fahrplan eigentlich tun sollte. Das geht aus dem Antwortschreiben hervor, welches die SBB an die Wiler Stadtpräsidentin Susanne Hartmann gerichtet hat, nachdem sich diese über genau dieser Thematik beschwert hatte. Im Brief, der hallowil.ch vorliegt, schreibt Toni Häne von der SBB-Konzernleitung, dass man stets das «gesamte, dichte Fahraufkommen im Blick haben muss». Er ergänzt: «Uns ist bewusst, dass· wir hin und wieder zu Massnahmen gezwungen sind, die sich direkt auf unsere Passagiere auswirken – für die einen positiv, für die anderen negativ.»

Häne gibt unumwunden zu, dass das komplexe Bahnsystem «zuweilen fehleranfällig» sei. Entscheidend bei den Entscheidungen, ob Züge anhalten oder nicht, sei die Kunden-Gesamtansicht. «Wir versuchen die Auswirkungen einer grösseren Verspätung auf möglichst wenig Fahrgäste zu reduzieren. Durch die Durchfahrt in Wil involvieren wir weniger Reisende, als wenn wir den Zug bis St. Gallen noch mehr verzögern und dort die Anschlüsse nicht abwarten können.»

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Noch mehr Unmut (8.6.)

Es geht ja nur um ein paar Minuten, die man später in Wil ist. Aber es geht aber eben auch um etwas Grundsätzliches. Nämlich darum, dass sich in Wil die Bahnreisenden spätestens seit dem letzten grossen Fahrplanwechsel nicht ganz ernst genommen fühlen von den Fahrplangestaltern. Seither reissen auch kleinere Zwischenfälle Wunden auf. Wie eben jener Intercity am Mittwoch vor Auffahrt, der in Wil gemäss Fahrplan hätte anhalten sollen, dann aber durchfuhr, um eine Verspätung aufzuholen. Selbst Wils Stadtpräsidentin Susanne Hartmann intervenierte und schickte einen unzufriedenen Brief an die SBB (siehe unten).

Nun wird bekannt, dass es vor knapp einer Woche einen gar noch spezielleren Zwischenfall gegeben hat. In Zürich HB habe man ausgerufen, den bereitstehenden Zug auf Gleis 11 zu nehmen und nicht den überfüllten auf Gleis 33, berichtet ein User in der Facebook-Gruppe «Du bisch vo Wil wenn …» als Reaktion auf die hallowil.ch-Berichterstattung zu diesem Thema. Und weiter: «Wir haben das gemacht. Blöd war nur, dass man kurz vor Winterthur ausgerufen hat, dass Reisende nach Wil den Zug in Winterthur verlassen müssen, da er ohne Halt bis St. Gallen verkehre, um eine 20-minütige Verspätung aufzuholen. «So werden wir für blöd verkauft und diskriminiert», schreibt der User.

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Stadtpräsidentin Susanne Hartmann interveniert (6.6.)

Was hallowil.ch am Montag als erstes vermeldet hat, zieht nun immer grössere Kreise. Ein Intercity, der am Mittwoch vergangener Woche um 17.25 Uhr in Wil hätte ankommen sollen, verzichtete in der Äbtestadt auf einen Halt. Und das ganz bewusst. Das Ziel der SBB: Eine 15-minütige Verspätung aufholen, welche der Zug zuvor in Zürich Oerlikon wegen einer Türstören erlitten hatte. Die Begründung seitens der Bahn war, dass der Zug in St. Gallen direkt nach Lausanne zurückfuhr. Wäre die Verspätung nicht aufgeholt worden, hätten viel mehr Leute auf einen verspäteten Zug warten müssen.

Doch in Wil hat man gar keine Freude an dieser Entscheidung. Nicht nur SBB-Kunden sind sauer, sondern auch die Stadtpräsidentin. Susanne Hartmann hat die SBB um eine Stellungnahme gebeten und sie aufgefordert, von einer solchen Option künftig abzusehen. «Dass aufgrund von Problemen bei den SBB der Halt in Wil gestrichen wird, kann die Stadt Wil nicht nachvollziehen», ist in einer Mitteilung zu lesen. Immerhin sei Wil der drittmeist frequentierte Bahnhof im ganzen Kanton St. Gallen. Er spiele für die Stadt selbst eine wichtige Rolle, sei aber auch als Drehscheibe für Reisende aus einer weiten Umgebung zentral.

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SBB wirft Wiler Reisende aus dem Zug (2.6.):

Es war der Vorabend vor dem langen Auffahrts-Wochenende. Viele waren auf der Heimreise von Zürich in die Ostschweiz – auch nach Wil, Uzwil und Flawil. Der Intercity verliess um 16.39 Uhr Zürich HB. Doch dann passiert es mal wieder: Türstörung am Bahnhof Zürich Oerlikon. Eine Viertelstunde lang mussten die Reisenden warten, bis es weiterging. Doch damit war es für die Fahrgäste der Region Wil noch nicht getan. Denn in Winterthur gab es die nächste unliebsame Überraschung. Es hiess: Bitte aussteigen, dieser Zug fährt ohne Halt in Wil, Uzwil, Flawil und Gossau weiter nach St. Gallen. «Zum Dank durften wir dann auch noch den halb leeren St. Galler Sprinter ohne uns losfahren sehen. Wir Wiler sind offenbar keine Fahrgäste, sondern lästige Drittklass-Passagiere die gefälligst froh sein sollen, irgendwann doch noch mitfahren zu dürfen», lässt ein Nutzer in der Facebook-Gruppe «Du bisch vo Wil, wenn …» seinem Ärger freien Lauf.

Schon an die Rückfahrt gedacht

Die SBB bestätigt auf Anfrage von hallowil.ch den Zwischenfall von vergangenem Mittwoch – und erklärt sich. Das Ziel sei gewesen, durch das Auslassen der Halte in Wil, Uzwil, Flawil und Gossau die Verspätung von 15 Minuten möglichst gut aufzuholen. Denn eben dieser Zug machte sich danach sogleich wieder auf die Reise von St. Gallen nach Lausanne. «Mit einem bereits ab dem Abgangsbahnhof um 15 Minuten verspäteten Zug hätten mehrere tausend Passagiere zwischen St. Gallen und Lausanne Verspätungen erlitten und ihre Anschlüsse verpasst. Ein lokales Ereignis hat einen nationalen Zusammenhang», sagt SBB-Sprecher Daniele Pallecchi.

Wie auch immer: Statt mit einer Viertelstunde Verspätung um 17.40 Uhr kamen die Wiler Fahrgäste mit dem nächsten Interregio eine halbe Stunde später als geplant um 17.55 Uhr in der Äbtestadt an.