Das Jung-Unternehmer-Zentrum Flawil hat – einen Tag vor Martini (11. November) – zu seinem 17. Martini-Forum eingeladen. Im Flawiler Lindensaal versammelten sich 100 Personen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Nach dem gemeinsamen Frühstück sprach Albert Baumann, Unternehmensleiter der Micarna in Bazenheid, zum Thema Herausforderungen der Fleischbranche. Im Anschluss beantwortete er einige Fragen von Fabia Schönenberger, Leiterin der Lernendenfirma der Micarna.Monika Scherrer, Präsidentin Jung-Unternehmer-Zentrum und Gemeindepräsidentin von Degersheim, sprach den Referenten Albert Baumann in ihrer Einleitung auf die Auszeichnungen an, mit denen die Micarna immer wieder Schlagzeilen macht. So auf die Lernendenfirma Mazubi, für die sie den Hans-Huber-Anerkennungspreis für die Förderung des Berufsnachwuchses erhalten hat, und auf die mit einem Innovationspreis ausgezeichneten Pop Bugs, ein Insektenprodukt.

Betriebe an 26 Standorten
Dass Innovationen heute im Zentrum stehen, zog sich durch den ganzen Vortrag des Micarna-Chefs. Als Detail zu Produkten aus Insekten: Die Micarna ist auf diesem Gebiet nicht untätig und hat einen «Insekten-Manager» angestellt.

Die Micarna ist 1958 im freiburgischen Courtepin gegründet worden. Später kam der Standort Bazenheid dazu. Heute umfasst die Gruppe die Unternehmen Favorit Geflügel, Gabriel Fleury, KM Seafood, Lüchinger + Schmid, Maurer Speck, Mérat & Cie., Micarna, Natura Bündner Fleischtrocknerei, Optisol, Rudolf Schär, Stauss Geflügel und Tipesca. Die Micarna zählt zu den grössten Produzenten von Frischfleisch-, Charcuterie-, Geflügel-, Fisch- und Ei-Produkten in der Schweiz. Mit gegen 3000 Mitarbeitenden hat sie im letzten Jahr einen Umsatz von rund 1,5 Milliarden Franken gemacht.

«Aus der Region» verpflichtet
Mit dem Migros-Slogan «Aus der Region, für die Region» sei die Micarna die Verpflichtung eingegangen, auf eine Konzentration der Standorte zu verzichten. Nachdem die Bereiche Geflügel, Eier und Seafood integriert worden seien, gebe es Betriebe in vielen Kantonen und auch in allen Sprachregionen. Die Nähe zu den Produzenten sei wichtig, für Futterzufuhr und für den Transport von Schlachttieren würden kurze Wege angestrebt. Auch könne man so regionale Spezialitäten selber produzieren.

Was will der Konsument der Zukunft?
Wer am Ball bleiben will, darf sich nicht damit begnügen, den heutigen Bedürfnissen der Konsumenten gerecht zu werden. Die Micarna stelle sich der agronomischen Entwicklung und versuche, die künftigen Bedürfnisse der Konsumenten zu ergründen, führte Albert Baumann aus. Während und nach dem Krieg sei es darum gegangen, genügend Nahrungsmittel zu produzieren. Dabei sei oft zu wenig Rücksicht auf die Natur genommen werden. Diese Phase sei durch die integrierte Produktion abgelöst worden. Heute stehe die biologische Produktion im Fokus. Die Welt aber habe Hunger, der mit der biologischen Produktion allein nicht gestillt werden könne.

Kreisläufe schliessen
Bei der Fleischverwertung gehe es darum, möglichst alles vom geschlachteten Tier zu verwerten. Die Ressourcen müssten effizienter genutzt, Kreisläufe geschlossen werden. Albert Baumann führte als Beispiel die Geflügelhaltung an. Das Optigal-Programm befinde sich vollständig im Zugriff der Micarna. Es werde beispielsweise Soja aus der Schweiz und nicht mehr aus Asien verfüttert. Bis zum Schlachtvorgang und zum Verkauf sei alles ressourceneffizient.

Der Unternehmer der Zukunft
Einen qualifizierten Nachwuchs heranzubilden bezeichnete Albert Baumann als strategisches Ziel der Unternehmungsgruppe. Unser duales Bildungssystem bilde dafür eine hervorragende Basis. Bei der Fleischverwertung seien aber neue Berufsbilder nötig. Den traditionellen Metzger gebe es nicht mehr, er sei durch Fachtechnologen abgelöst worden. Die Micarna habe heute 130 Lernende in 18 Lehrberufen.

Innovation in der Ausbildung
Micarna bietet zusätzlich vier Programme an. Lernende können im Programm Mazubi eigenständig eine Firma führen. Flüchtlinge können ins Programm Maflü aufgenommen werden. Merfa ist ein Programm für Mitarbeitende mit Erfahrung. Es unterstützt auch den Übergang von der Berufstätigkeit in die Pension. Und schliesslich gibt es für Hochschulabsolventen das Programm M-Industry-Trainee.

Dies alles sieht Albert Baumann im Sinn des Leitsatzes von Gottfried Duttweiler: «Wer Leistung will, muss Sinn bieten.»

Vom Metzgerlehrling zum Micarna-Betriebsleiter
Glück habe gewiss auch zu seinem Aufstieg an die Spitze der Micarna gehört, gestand Albert Baumann. Aber aus dem Interview, das Fabia Schönenberger, die Leiterin der Lernendenfirma Mazubi, mit ihm führte, wurde klar: der Löwenanteil war Fleiss, Ehrgeiz und harte Arbeit. In den Ferien reserviert er sich auch heute noch täglich eine Stunde für das Erledigen dringlicher Arbeiten.

In Bischofszell ist er aufgewachsen und hat in der Familie und auf dem Schulweg Metzgereiatmosphäre geschnuppert. Sein Berufswunsch stand früh fest. Er hat eine Metzgerlehre absolviert und anschliessend das Technikum besucht. Dann trat er in den Dienst des Migros-Betriebs in Bischofszell. Dessen Betriebsleiter hatte er schon als Kindergartenschüler bewundert. In ihm fand er einen Förderer, der ihm Verantwortung übertrug. Dass er sie rechtfertigte, führte schliesslich zur Berufung in die Micarna.
Den versammelten Arbeitgebern riet er abschliessend: «Schenken Sie den jungen Leuten Vertrauen. Übertragen Sie ihnen Aufgaben zur selbständigen Lösung!»