Vor der Wende zum 19. Jahrhundert begann vom revolutionären Frankreich her ein neuer Wind zu wehen. Er steigerte sich allmählich zum Orkan und fegte das bisherige politische System in der damaligen Schweiz weg. Das Wanken der alten hierarchischen Gesellschaftsordnung führte in Wil zu erheblichen Verwerfungen. Bei Bürgerversammlungen kam es zu Tumulten.

Neue Verdienstmöglichkeiten in Wil

Im 19. Jahrhundert polarisierte sich die Bevölkerung. Kirchenkritisch gestimmte Anhänger der neuen Freiheit trafen in Wil auf konservative Kämpfer für die angestammten Verhältnisse. Und auch erste sozialistische Bestrebungen machten sich bemerkbar. Die aufkommenden Fabriken hatten die Gruppe der Arbeiterinnen und Arbeiter anwachsen lassen. Innerhalb des 19.Jahrhunderts hatte sich die Wiler Bevölkerung durch Zuzug verfünffacht.

Zu äbtischen Zeiten hatte sich das gesellschaftliche Leben fast ausschliesslich innerhalb der Stadtmauern abgespielt, nun entstanden immer mehr Zuzüger-Quartiere. Im Umfeld des damals neuen Bahnhofs entwickelte sich die Stickerei-Industrie. Es entstanden Häuserreihen mit identischem Erscheinungsbild, sie wurden zu Wohnstätten der Stickereiarbeiter.

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Die Industrialisierung führte in Wil zum Bau von Arbeiterquartieren. 


Viele kirchliche Vorschriften

In der vormaligen Zeit der Fürstäbte war das Wiler Alltagsleben sehr stark von kirchlichen Vorgaben durchdrungen. So waren beispielsweise die Handwerker in Bruderschaften mit einem Schutzpatron zusammengeschlossen. Die Statuten der Gemeinschaften enthielten viele religiöse Vorschriften. Nun entstanden Arbeitervereine ohne kirchliche Anbindung. Von den Kanzeln wurde gegen sie gewettert.

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Die Stickereifirma Reichenbach wurde an den Bahngeleisen ansässig. Heute steht das Railcenter an dieser Stelle. 


Einen Eindruck von damaligen gesellschaftlichen Umwälzungen vermittelt ein Bericht im «Wyler Anzeiger» vom Sommer 1873. Der Schreiber empörte sich darüber, dass er auf ein Gruppe junger Wilerinnen an einem Wirtshaustisch traf, als er während einer Fronleichnams- Prozession seinen Durst löschen wollte: «Ist es nicht ein trauriges Zeichen unserer Zeit, dass junge katholische Töchter in ihrer frommen Andacht, in ihrem geziemenden Anstand so weit zurückgehen, dass sie es nicht unter ihrer Würde halten, die Bierhalle dem öffentlichen Gottesdienst vorzuziehen.»

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Aus den Zeiten der äbtischen Herrschaft spielte die Religion auch später eine dominierende Rolle.

 

Turnen mit politischem Hintergrund

Eine Reaktion auf die gesellschaftlichen Spannungen im 19. Jahrhundert waren die Zusammenschlüsse Gleichgesinnter. Unter anderem haben verschiedene Gemeinschaften mit katholischem Hintergrund ihre Wurzeln in jener Zeit.

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Im 19.Jahrhundert wuchs in Wil die Bevölkerungsgruppe der Arbeiterinnen und Arbeiter.

 

Als Spätfolge dieses Prozesses bestehen in Wil bis heute drei Turnvereine, die in ihren Anfangszeiten weltanschaulich geprägt waren. So sammelten sich im heutigen KTV die katholisch-konservativen Kräfte, die Mitglieder des Stadtturnvereins waren liberal und fortschrittlich ausgerichtet und im SATUS waren sozialdemokratisch orientierte Sportlerinnen und Sportler anzutreffen. Ihr Verein legte von Beginn weg Wert auf Gleichberechtigung der Frauen, was bei den politisch Andersdenkenden in Wil Unmut hervorrief. Ihrer Meinung nach gehörten die Frauen zu Hause an den Herd und nicht an die Turngeräte.

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Der nachmalige Männerchor Concordia wurde 1839 unter den Namen Harmonie ins Leben gerufen. Er sollte gesellschaftliche Differenzen überwinden.  


Mehr Harmonie mit Gesang

Während damals die einen Vereine die Kräfte bündelten, hatten sich andere die Überwindung von Gräben zum Ziel gesetzt. Am 22. Dezember 1839 gründeten einige Sangesfreudige einen Verein mit dem erklärten Zweck der Förderung des geselligen Lebens durch Eintracht und Verbrüderung der Mitglieder unter sich. Programmatisch nannten sie ihn «Harmonie».

Nationalrat und Anwalt Johann Josef Müller notierte 1840: «Jüngsthin haben sich die jungen Bürger von Wil zu einem Gesangsvereine zusammengeschart und mich zum Präsidenten desselben ernannt. Es ist gute Hoffnung da, das Wylerleben dadurch freundlicher und geselliger werde als bisher.»  

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Politiker und Jurist Johann Josef Müller hoffte als Präsident des Männerchors Harmonie, dass gemeinsamer Gesang die Menschen in Wil wieder näher zusammenbringen werde.