Am 25. September findet im Kanton St.Gallen die Volksabstimmung über den Sonderkredit für die Arealentwicklung Wil West statt. Derweil arbeitet der Kanton Thurgau an den Planungsgrundlagen, um bestenfalls ab 2026 erste Infrastrukturbauten des Entwicklungsschwerpunktes (ESP) Wil West realisieren zu können. Im Vorfeld der Abstimmung wird die öffentliche Debatte über die Vor- und Nachteile des Projekts zunehmend kontrovers geführt. Für grosses Aufsehen sorgte der Umstand, dass die Delegiertenversammlung der SVP Kanton St.Gallen entgegen der Haltung der Kantonsratsfraktion die Nein-Parole gefasst hat, wie es in einer Mitteilung heisst.

Selbstversorgung gewinnt an Bedeutung

Das am häufigsten genannte Argument gegen Wil West ist der immense Kulturlandverlust: Rund 18 Hektaren Landwirtschaftsfläche gingen mit der Realisierung des ESP unwiederbringlich verloren. Die GRÜNEN haben bisher den Standpunkt vertreten, dass der Kulturlandverlust im Rahmen einer Interessenabwägung allenfalls gerechtfertigt werden kann, sofern der ESP punkto Arbeitsplatzdichte, Wertschöpfungsintensität, städtebaulicher Qualität, Energieeffizienz, Mobilität und Siedlungsökologie vorbildlich gestaltet wird. 

Jüngste Entwicklungen, namentlich die Folgen des Ukraine-Krieges und die trockenheitsbedingten Ernteausfälle in weiten Teilen Europas, zeigen indes überdeutlich, dass dem Erhalt von fruchtbarem Ackerland eine höhere Priorität eingeräumt werden muss. Es erscheint im aktuellen Umfeld nicht mehr opportun, die Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln leichtfertig anderen Interessen unterzuordnen.

Wohlgemerkt soll der ESP Wil West erst im Verlauf der nächsten 20 bis 40 Jahre realisiert werden. Es ist nicht auszuschliessen, dass bis dahin die Gewährleistung der Nahrungsversorgung auch in Mitteleuropa zu einem ernsthaften Problem wird. Ein Projekt, das mit einem Kulturlandverlust von 18 Hektaren einhergeht, stünde in einer solchen Situation buchstäblich quer in der Landschaft. Aus diesem Grund ist es nach Ansicht der GRÜNEN geboten, vertieft zu prüfen, ob sich der Landverschleiss durch Wil West vermeiden oder zumindest minimieren lässt.

Machbarkeitsprüfung unabhängig vom Abstimmungsergebnis

Eine naheliegende Möglichkeit, in der Region Wil Raum für neue Gewerbe- und Industriebetriebe zu gewinnen, ohne dafür Kulturland oder ökologisch wertvolle Flächen zu opfern, wäre eine Überdachung der Autobahn A1. Diese verläuft von der Kantonsgrenze bis zum bestehenden Autobahnanschluss Wil in einer Geländesenke und wäre somit für eine Überdachung prädestiniert. Trotz hoher Investitionskosten könnte sich ein solches Projekt bei langfristiger Betrachtung als sinnvolle Alternative zum ESP Wil West erweisen. Unter anderem hätte die Autobahnüberdachung den Vorteil, dass das Wirtschaftsentwicklungsgebiet auf dem Territorium des Kantons St.Gallen zu liegen käme und die Unternehmenssteuern somit nicht in den Kanton Thurgau fliessen würden, wie dies beim ESP Wil West der Fall wäre, heisst es in der Mitteilung weiter. 

An der bevorstehenden Kantonsratssession werden die GRÜNEN ein Postulat einreichen, das die Regierung auffordert, die technische Machbarkeit und Finanzierbarkeit einer teilweisen oder vollständigen Überdachung der A1 bei Wil zu prüfen. Weil die Realisierung des ESP Wil West auch im Falle eines positiven Abstimmungsergebnisses am 25. September noch keineswegs gesichert ist, kann es nur von Vorteil sein, im Sinne eines «Plan B» Abklärungen zu einer Autobahnüberdachung vorzunehmen.