Es begann mit einem Kratzen im Hals. Es begann nach einer Party in einer Garage, an der ich zu lange frierend im T-Shirt unterwegs war und nach einem Fussball-Freundschaftsspiel, bei dem ich 90 Minuten auf dem Feld stand. Es begann aber erst drei, bzw. zwei Tage später. Am vergangenen Dienstag, um genau zu sein. Und bald sollten die vergangenen Tage in meinen Gedanken viel Raum einnehmen.

Aber der Reihe nach: Aus Kratzen wurde Halsweh, leicht erhöhte Temperatur gesellte sich bald dazu - und am Abend hauten mich 39,5 Grad Fieber schliesslich quasi um. Am Mittwoch kamen dann noch dieser heftige Husten und nächtliche Schweissausbrüche dazu. Die Arbeit auf der Redaktion hatte ich schon am Dienstag-Vormittag noch fast ohne Fieber abgesagt. Jetzt war auch an Home-Office nicht mehr zu denken.

Fragen über Fragen

Sowieso schon leicht hypochondrisch veranlagt, fing ich sofort mit Online-Selbstdiagnose und Wahrscheinlichkeitsrechnung an. Mit wem hatte ich wann Kontakt? Beim Fussball auf der Party? Im ÖV? Bei der Arbeit auf der hallowil.ch-Redaktion? Welche Zeitabstände sprechen für welches Szenario mit entsprechender Inkubationszeit? Was sagt die Newslage? All das lief natürlich auf die eine Frage hinaus, die ich mir und die Menschen in meinem Umfeld sich stellten: Habe ich Covid-19 oder «normale» Grippe? Oder die ebenfalls die Runde machende Angina? Saison haben ja gerade alle.

Vornweg: Ich weiss es bis heute nicht. Nach fünf Tagen in unserer Wohnung bin ich zwar fast wieder genesen. Oder symptomfrei, wie es wahrscheinlich korrekt heisst. Gefühlt gesund jedenfalls. Aber die Fragen sind geblieben: Ist das jetzt Covid-19? Fühlt sich das so an? Habe ich andere, allen voran meine Mitbewohner in der WG, angesteckt? Konnte ich schon Leute anstecken, bevor ich mich krank fühlte, möglicherweise auch Leute, die speziell gefährdet sind? Ich wusste nur, dass ich mich seit Monaten nur in der Schweiz aufgehalten habe und auch mit niemandem wissentlich Kontakt hatte, der sich kürzlich in einem Risikogebiet aufgehalten hat. 

Und mir war inzwischen auch klar: Diese Fragen hätte man sich eigentlich jedes Mal stellen können, wenn man in den letzten Wintern wiedermal nicht so genau wusste, was man hatte, nach dem Motto: «Grippe, Erkältung, keine Ahnung, irgendwas mit Fieber und Schnupfen. Ich nehme einfach ein Paracetamol, dann geht's wieder.» Auch wenn Corona noch eine Kategorie ansteckender und gefährlicher für Alte und Kranke ist.

Kein Kandidat für den Corona-Test

Schon ein paar Tage nach dem ersten Corona-Fall in der Schweiz waren die Testlabors ausgelastet, so dass zur Zeit meiner Erkrankung vor allem Leute mit schweren Symptomen und Risiko-Kontakten getestet wurden. Das konnte man von verschiedenen Stellen hören: vom Bundesamt für Gesundheit, von Ärzten im Fernsehen, vom Kantonsarzt, vom Hausarzt in Wil. Als ich dort anrief, wurde mir gesagt was ich eh schon zu wissen glaubte: Ich gehöre nicht zur Gruppe der Testkandidaten. Ich solle einfach zu Hause bleiben und die Symptome behandeln, wie bei der Grippe. 

Dies bestätigte mir schliesslich auch die stellvertretende Kantonsärztin in einem Mail. Ich war dann trotzdem froh, dass ich am Freitag doch noch einen Termin beim Hausarzt bekam um Lungen und Rachen zu checken. Zum ersten Mal seit Dienstag verliess ich das Haus. Auf dem Weg zur Praxis machte ich einen grossen Bogen um die wenigen Passanten, die in Wil noch auf dem Trottoir unterwegs waren. Und bloss nicht Husten jetzt.

Beim Arzt angekommen, erhielt ich sofort eine Atemschutzmaske ausgehändigt, die es, bis auf den Rachenuntersuch, während des ganzen Untersuchs zu tragen galt. Wenn ich unbedingt wolle, könne er schon einen Abstich nehmen, meinte der Hausarzt am Schluss der Konsultation. Er gab mir aber auch zu verstehen, dass das in meinem Fall aus den bekannten Gründen grundsätzlich nicht vorgesehen sei und eine längere Wartezeit bestehe. Ich entschied dann, nicht zur Überlastung der Labors beitragen zu wollen. Zumindest an dieser Front soll ja inzwischen Besserung in Sicht sein. Wie unter anderem «Die Tagesschau» am Samstag berichtete, soll der Pharmakonzern Roche ja kurz vor der Marktfreigabe eines Testverfahrens stehen, mit dem viel schneller viel mehr Tests durchgeführt werden können.

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Beim Arzt heisst es: Atemschutz auf. 

In den letzten Tagen verbrachte ich viel Zeit in Schlaf- und Badezimmer; Zink-Bonbons lutschen, kannenweise Tee trinken, Hustensirup schlucken, mit Tinkturen gurgeln, Händewaschen bis zum Austrocknen der Haut. Medikamente ja, aber nicht zuviel davon, der Körper soll ja auch noch was lernen dabei; Soweit zumindest mein medizinisches Halbwissen über das Immunsystem. Sogar die gute alte Zwiebel habe ich aufgeschnitten und aufs Nachtischchen gestellt. Beim letzten Mal hat das noch die Mutter gemacht. Ist also schon eine Weile her.

Unvermeidliche Zombie-Film-Atmosphäre

Ich realisierte: Die Psychologie der Pandemie hat mich im Griff. Und sie hat es an sich, dass man sich sowieso infiziert und als «toxisches Subjekt» fühlt, sobald man unspezifisch krank ist. Die vom Bundesrat verhängten Empfehlungen und Massnahmen, aber auch, dass in den Medien sonst kaum noch was stattfindet, haben dabei sicher den grössten Einfluss auf das individuelle Mindset. Diese Faktoren führen auch zu einer gesellschaftlichen Stimmung, in der jedes noch so korrekt in die Armbeuge gehüstelte Hüsteln und Schniefen einem Geständnis gleichkommt. Und das ist nicht mal wertend gemeint. Die an Zombie-Filme erinnernde soziale Atmosphäre ist vielleicht unvermeidlich bei einer Pandemie und den Massnahmen, die nötig sind, um sie einzudämmen.

Was ich las und hörte, machte es nicht einfacher. Ob Interviews mit Epidemologen, Pressekonferenzen des Bundesrats oder Grafiken, die zeigen wollten, welcher Symptom-Mix für Covid-19, für die Grippe oder eine Erkältung spricht: Mit allem kam ich in der Frage, was ich habe, nicht wirklich weiter. Ein Beispiel: Anfängliches Schluck- und Ohrenweh sprachen offenbar statistisch eher gegen Covid-19, Husten und Fieber dagegen sind Hauptsymptome, treten aber natürlich längst nicht nur bei Covid-19 auf.

So verhalten, als könnte ich es haben

Irgendwann gab ich das Wahrsagen auf, weil es mir zu anstrengend wurde. Die Empfehlungen sind ja schon lange klar: Wer krank ist, soll zu Hause bleiben und vor allem keinen Kontakt mit besonders gefährdeten Menschen haben, also älteren und/oder Menschen mit spezifischen Vorerkrankungen.

Am Samstag war eine befreundete medizinische Praxisassistentin kurz bei uns, um einer Mitbewohnerin beim Zügeln zu helfen. Aus sicherem Abstand unterhielten wir uns – natürlich über Corona. Sie arbeitet in einer Praxis im Kanton Graubünden und hat derzeit von morgens bis abends mit Verdachtsfällen zu tun. Alle Abstriche, die sie bisher gemacht hätten, auch die mit Risikogeschichte, brachten das Resultat «Corona-negativ». Die Patienten hatten alle «nur» die Influenza.

Aber was heisst das schon. Ich versuche mich weiterhin so zu verhalten, als könnte ich das Coronavirus haben. Home-Office und Selbstisolierung bis auf Weiteres. Ich hoffe, es ist bald vorbei.