Kampf für Gleichberechtigung

Claire Renggli hat all die Rückschläge und Kämpfe für das Frauenstimmrecht miterlebt. Ihr Vater war als Stadt- und Kantonsrat politisch tätig. Es gab also immer genügend Gesprächsstoff am Familientisch. Der 7. Februar 1971 war für sie deshalb ein wichtiger Tag, sollten doch die Frauen an diesem Tag endlich, endlich auch im politischen Leben mitbestimmen können. Und tatsächlich! Nach mehreren Anläufen gelang das Vorhaben.

Claire Renggli arbeitete nach ihrer Ausbildung zur Bibliothekarin in Genf ein paar Jahre als Bibliothekarin im Schweizer Institut in Rom. 1966 kehrte sie zurück und heiratet. Nun war plötzlich der Mann laut Zivilgesetzbuch für alles Rechtliche zuständig. Claire Renggli hatte den «Innendienst» abzudecken. Mit Kindern war es danach schwierig, selber auch beruflich tätig zu sein. Damals war ausserhäusliche Kinderbetreuung noch ein völliges Fremdwort.

in der Pfadi stieg Claire Renggli bis zur Bundesführerin auf. In dieser Funktion regte sie Ausbildungskurse an, damit die Zusammenarbeit mit der Bubenpfadi vertieft werden konnte, bis hin zum Zusammenschluss. Stolz erzählte sie, dass sich im «Bula» 1980 - dem Pfadi-Bundeslager – 22‘000 junge Menschen in Greyerz zu einem unvergesslichen Gemeinschaftserlebnis getroffen hätten. Natürlich hätten die Buben ein möglichst grosses Sarasani – das Lagerfeuerzelt – erbauen wollen, während die Mädchen eine luxuriösere Küche gewünscht hätten. Leicht sei es nicht gewesen, die unterschiedlichen Strukturen der einzelnen Kantonalpfadis auf einen Nenner zu bringen. Wichtige Voraussetzungen für ein Gelingen waren laut Claire Renggli: Rückzugsmöglichkeiten für Buben und Mädchen, dazu ein wiederkehrender und wertschätzender Gedankenaustausch.

Später stieg Claire Renggli beim katholischen Frauenbund ein. 1995 gab es den Weltfrauenkongress in Peking unter dem Titel « Gleichstellung und Frieden». Der Vorstand des Frauenbundes nahm daran teil. 2006 wurde die Allianz der europäischen katholischen Frauenverbände gegründet, damit diese Stimme auch im Europarat gehört werden könne. Heute ist die Allianz dort vertreten.

2016 pilgerte Claire Renggli mit ein paar Gleichgesinnten die gesamten 1‘200 km von St.Gallen nach Rom, um dem Papst eine Petition für mehr Gleichstellung und Anerkennung der Frauen zu überreichen. Schliesslich leisten Frauen in kirchlichen Gremien sehr viel, nur die Mitbestimmungsmöglichkeiten sind leider bis heute äusserst begrenzt. Der nun von Papst Franziskus angestossen Synodalprozess lässt hoffen, dass Anliegen der Basis – vor allem der Frauen – nun endlich ein Gehör finden.

Auf der Webseite des Ortsmuseums Flawil steht eine Art Zusammenfassung über das Leben ein Zitat der 79 Jahre alten Claire Renggli-Enderle: «Das Frauenthema zog sich wie ein roter Faden durch mein Leben.»

Lieder zum Schmunzeln

Die junge Flawilerin Stephanie Heer, sowie Simon Hofer am E-Piano und Joël Zöllig als Rhythmusgeber auf dem Cachon liessen die zahlreichen Gäste im Lindengut-Remise immer wieder schmunzeln. Es mutet fast etwas eigenartig an, wenn eine junge Frau von heute Lieder wie «Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann!» im Stil einer Rockröhre singt. Dieses Lied von Trude Herr von 1960 schlug damals wie eine Bombe ein. Es bringt das patriarchale Gedankengut mit einem Augenzwinkern vortrefflich auf den Punkt. Aber auch «Das bisschen Haushalt macht sich von allein, sagt mein Mann» - ein Riesenhit der Schauspielerin Johanna von Koczian aus dem Jahr 1977 - ist für junge Frauen kein Thema mehr. Man teilt sich das heute auf, wenigstens ist es in der Theorie so vorgesehen. Die Lieder waren vorgängig mit dem Vorbereitungsteam abgesprochen worden. Vermutlich hat niemand aus der Band diese Titel gekannt...

Udo Jürgens hat viele kluge Texte geschrieben. 1995 komponierte und textete er « Frauen». Es beinhaltet die erstaunliche Feststellung: «Ohne Frauen keine Sonne». Noch besser gefiel den Frauen im Publikum allerdings die Zeile aus dem Lied «Der Mann ist das Problem». Sie heisst: «Der Mann ist der Fehler im System». Tröstlich, dass Frauen und Männer dennoch nicht ohne einander sein mögen...

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Stephanie Heer liess auch «Rote Rosen» regnen, einen Hit der unvergesslichen Hildegard Knef. 


Diskussionsrunde mit Moderation von Zita Meienhofer

Zita Mayerhofer hatte sich für ihre erste Moderation überhaupt gut vorbereitet und im Vorfeld bereits mit allen vier Frauen aus verschiedenen Lebenssituationen Gespräche geführt. Sie legte den Schwerpunkt auf die Freiwilligenarbeit der Diskussionsteilnehmerinnen. Beeindruckend, diese lange Liste an Einsätzen und Ämtern! Judith Siegenthaler-Frei hat jahrelang zusammen mit ihrem Mann unterrichtet, ist weiterhin beruflich an der Schule Flawil tätig. Sie engagierte sich viele Jahre im Verein «Touch» für kulturelle Anlässe im Dorf, hat bei der Rettung der angeschlagenen Fasnacht mitgeholfen und wirkte zudem im Vorstand des «Claro»-Ladens aktiv mit.

Marianne Bargagna ist zwar keine Ur-Flawilerin, wohnt aber doch immerhin schon 50 Jahre da. Da gehört man doch langsam dazu... Sie wuchs in einer Arbeiterfamilie mit traditionellem Rollenverständnis auf. Klar war jedoch, dass auch Mädchen eine solide Ausbildung bekommen sollten, was für Töchter zu ihrer Jugendzeit noch keineswegs selbstverständlich war. Sie hatte es schon immer geliebt, Texte zu schreiben. Irgendwann wurde sie sie als Redaktorin einer Tageszeitung in Wil angefragt. Wie sie erzählte, hatte sie keine Ahnung vom «Job», liess sich aber auf die Herausforderung ein und schrieb in der Folge für verschiedene Lokalblätter Artikel um Artikel. Schon früh liess sie sich daneben aber auch für Freiwilligenarbeit einspannen. So ist sie im Stiftungsrat des Pflegeheims Flawil und des Hauses 5-Eck engagiert, bei der Spitex, dem Verkehrsverein. Besondere Freude macht ihr die Aufgabe im Beirat der vom St.Galler Tagblatt seit 2004 initiierten Stiftung OhO – Ostschweizer helfen Ostschweizer(inne)n.

Die Pfadi scheint ein guter Ort zu sein, um Führungserfahrung zu erwerben und Organisationstalent zu entwickeln. Das wurde immer wieder hörbar. Der Austausch mit Menschen mit gleicher Wellenlänge wurde bei allen nicht zu missender Lebensbestandteil.

Manuela Ziegler-Knaus steht mitten im Berufsleben. Sie kommt aus einer sportlichen Familie und war in verschiedenen Funktionen fürs Turnen tätig. So gab sie Turnstunden für die Männerriege, führte zu zweit ein MUKI-Turnen ein und war im Vorstand des Turnvereins bis hin zu dessen aktueller Präsidentin. Sie wirkt auch in der Bauernhof-Spielgruppe HeuFäger als ausgebildete Spielgruppenleiterin mit. Zudem ist sie Präsidentin der Flawiler Jugendriege. Sie betonte, dass sie Freiraum für Freiwilligenarbeit habe, da ihr Mann voll arbeite, sie zuhause das Familienleben organisiere und sich Freiräume schaffen könne. Das ist nicht allen berufstätigen Frauen möglich.

Als vierte der Diskussionsrunde stellte sich Antoinette Haunreiter vor. Sie hatte es anfänglich etwas schwerer, in Flawil Fuss zu fassen, trauerte sie doch sehr ihrem ehemaligen Umfeld in Gossau nach. Auch sie bewegte sich in Pfadi- und Kirchenkreisen. Sie lernte allerdings schnell Leute in Flawil kennen. Bald schon kamen erste Anfragen für Freiwilligenarbeit. So stieg sie im Elternrat der Pfadi ein, welcher damals sehr männerlastig war. Frauen sollten Kuchen backen, Männer das Vereinsschiff steuern. Und doch wurde sie als Präses angefragt, diese Verbindungsstelle zwischen Pfadi und katholischer Kirche in Flawil. Sie war im Vorstand des Flawiler Frauenvereins, arbeitete in der Ludothek mit, ist aber unterdessen vor allem im kirchlichen Bereich der Seelsorge-Einheit Magdenau tätig. Für ein Religionslager hat sie gar ein Spiel entworfen, eine Art Leiterlispiel. Auch mit dem Computer freundete sie sich an.

Wertschätzung?

Zita Meienhofer stellte die wichtige Frage nach der Motivation, Freiwilligenarbeit zu leisten. Fragen wie «Ist Freiwilligenarbeit noch zeitgemäss?» oder «Wird diese Arbeit von der Gesellschaft auch wertgeschätzt» umrissen die Diskussionsthematik. Klar wurde, dass es eine Grenze der zeitlichen Beanspruchung geben kann. Wenn zu viel davon eingesetzt werden muss und das zudem oft noch als selbstverständlich angesehen wird, dann kann die Motivation tatsächlich abhandenkommen.

Ganz wichtig ist es, dass man in der freiwilligen Tätigkeit einen Sinn und Nutzen für Andere erkennen kann. Soziale Themen interessieren, auch Ehrenämter im sportlichen Milieu, ganz besonders aber auch im Umfeld der Kirche. Freiwilligenarbeit vertieft die Lebenserfahrung und hilft zu neuen Kompetenzen. Und keinesfalls vergessen werden darf der gesellige Teil. Man lernt neue Menschen kennen, mit denen man sich austauschen kann. Alle vier Frauen sind sich einig, dass Freiwilligenarbeit auch weiterhin einen grossen Stellenwert haben wird, wenn auch die Bereitschaft zu einem solchen Einsatz leider ständig etwas zurückgeht.

Der Anlass wurde von der KB Flawil und der Saatzuchtgenossenschaft Flawil unterstützt. Mit einem Apéro im Zelt endete der Anlass. 

Am 7. November wird der Reigen der Veranstaltungen zum Thema «50 Jahre Frauenstimmrecht» beendet, dies mit einem Referat von Nationalrätin Susanne Vinzenz-Stauffacher zum Thema «Frau und Familie – Gesellschaft im Wandel» mit anschliessender Diskussion. Auch dieser Anlass findet in der Lindengut-Remise statt, Beginn um 15:30.