Sie referieren zum Thema «Deal oder No Deal». Wie schwer fallen Ihnen persönlich solche bewussten Entscheidungen?

Easy! Nein, Spass bei Seite: Das kommt natürlich auf das Thema an. Wenn ich mich eigentlich gerade nach mehr Zeit zum Atmen sehne, und dann aber eine spannende Projektanfrage reinkommt, dann fällt mir eine solche Entscheidung nicht leicht. Das ist ja auch ganz normal – weil beides eben einen sehr hohen Wert für mich hat. Wie es gelingt, sich bewusst mit solchen Entscheidungen auseinanderzusetzen, habe ich über die Jahre nun in Trainings- und Beratungskontexten genau beobachtet und erforscht. So ist es natürlich für mich persönlich leichter, mich bewusst damit auseinanderzusetzten, dass beides nicht zu haben sein wird, ich mich entscheiden muss – und was es so attraktiv macht, das eine oder das andere zu wählen. Und sich auch bewusst damit auseinanderzusetzen, welche Nachteile man in Kauf nehmen muss, wenn man sich für das eine oder das andere entscheidet. Aber diese Tatsache ist auch für mich immer wieder anstrengend.

Nicht immer stehen Ziele, Wünsche und Bedürfnisse im Einklang. Haben wir wirklich immer eine Wahl? Wie denken Sie darüber?

Immer sicherlich nicht… Es gibt Jobs oder Branchen, in denen die individuelle Wahlfreiheit sehr gering ist. Das ist beispielweise bei Jobs der Fall, die gerade mal so entlohnt werden, dass eine Person und möglicherweise noch eine Familie davon leben kann. Ebenso gilt das für Branchen, wie etwa dem Gesundheitswesen oder pädagogischen Einrichtungen: Wenn auf dem Spiel steht, dass Menschenleben oder Biographien von Kindern gefährdet werden, dann ist die individuelle Wahl in manchen Situationen teilweise unmöglich. Hier steht fest, sich für gesundheitsgefährdende Zusatzschichten oder -projekte zu entscheiden, weil die Rahmenbedingungen es nicht anders hergeben. Es fehlt strukturell an Personal für eine qualifizierte Unterstützung. Die enormen Preise, beispielsweise das Scheitern von Kindern oder die Gefährdung eines Menschlebens, individuell zu verantworten, erträgt man nicht. Dann gefährdet man lieber die eigene Gesundheit – individuell auch ein sehr hoher Preis. Hier liegt die Wahlfreiheit eher auf gesellschaftlicher Ebene. Es gibt aber viele Jobs, in denen es individuelle Glaubenssätze sind, die uns das Gefühl geben, nicht wählen zu können – etwa, weil ich mein Leben darauf eingerichtet habe, viel zu verdienen. Und auch das ist letztlich eine Wahl, die man ja zum Glück frei fällen konnte und kann.

Wir sind eine Wegwerfgesellschaft, die Welt dreht sich scheinbar immer schneller, es gibt immer mehr Angebote, wir können uns aber nur schwer entscheiden. War diese «Notbremse» durch Corona in dieser Hinsicht vielleicht «hilfreich»?

In dieser Hinsicht hat Corona sicherlich für manch einen ein aufregendes Experiment bereitgehalten: Wie geht’s mir so, wenn ich nicht jedes Wochenende Entertainment habe? Was geniesse ich daran? Was genau vermisse ich eigentlich? Schätze ich es wirklich, ständig woanders zu sein oder würde ich eigentlich viel lieber häufiger mal einfach nur da sitzen und nichts tun? Und was fällt mir daran so schwer? Mich persönlich hat berührt, wie sehr die CO2 Emissionen dadurch 2020 runtergegangen sind: Welche Kosten verursachen wir durch all die Bewegung, die Geschwindigkeit und das «immer mehr»? Der Preis ist enorm hoch.

Haben Sie Tipps, wie wir die Balance halten und bewusst Entscheidungen eingehen können?

Wir haben an der Universität Heidelberg in der Arbeitsgruppe von Jochen Schweitzer zu dieser Frage in unterschiedlichen Entscheidungssituationen im beruflichen Kontext von Führungskräften geforscht und einige Ideen dazu entwickelt. Aufbauend auf Annahmen von Julika Zwack und Ulrike Bossmann aus dem Büchlein «Wege aus beruflichen Zwickmühlen», halte ich diese vier Faktoren für hilfreich: Um eine bewusste Entscheidung fällen zu können, gilt es zunächst, überhaupt wahrzunehmen, dass man sich in einem Ringen zwischen gleich wichtigen Bedürfnissen und Zielen befindet und dass man so nicht mehr weiter machen möchte. Dazu gehört dann im nächsten Schritt – und das klingt viel trivialer, als es ist – anzuerkennen, dass sich die Ziele und Bedürfnisse zur gleichen Zeit widersprechen und man sich entscheiden muss. Man steckt also in einem Dilemma. Das kann ein sehr mutiger Schritt sein, zu sagen «Das geht nicht gleichzeitig.»

Jetzt steht also an, sich bewusst zu positionieren zwischen den Optionen, die zur Wahl stehen. Hierzu kann es helfen, sich zu fragen: Welche Glaubenssätze und Grundregeln stehen hinter den Zielen und Bedürfnissen, warum sie mir so wichtig sind – wie beispielsweise: «Ich bin eine innovative Chefin.», «Ich gehe fair mit meinen Mitarbeitenden um.», «Ich bin ein guter Vater und der ist verfügbar.»? Welche Werte vertrete ich, wenn ich mich für das eine oder das andere entscheide? Was fühle ich, wenn ich mir vorstelle, das eine oder das andere zu tun? Und zuletzt geht es darum, offen darüber zu sprechen, deutlich zu machen, dass es nicht gelingen wird, alle Ziele gleichzeitig zu erfüllen und die erheblichen Preise beider Optionen zu benennen.

Sie beraten auch Führungskräfte und Teams zu diesem Thema. Im Berufsalltag gibt es natürlich entsprechend viele verschiedene Meinungen und Ansichten. Wie schafft man es da, Entscheidungen zu treffen, hinter der alle stehen können?

Genau das ist oft sehr herausfordernd. Ich habe gerade als letzten Faktor benannt, über die Entscheidung transparent ins Gespräch zu gehen. Das ist viel leichter gesagt als getan, weil hier natürlich Widerworte oder Schachmatt-Sätze kommen werden. Das wird nicht jedem passen, wie ich das entscheide, weil eben beide Ziele gleich wichtig sind und es hätte auch anders entschieden werden können. Wenn sich eine Führungskraft in Zeiten knapper Kasse etwa dazwischen entscheiden muss, ob sie ein innovatives Zusatzprojekt startet oder sich auf das Kerngeschäft fokussiert, weil sie die Leistungsgrenzen des Unternehmens einhalten will, wird sie nicht nur mit inneren Überzeugungen ringen, sondern auch mit unterschiedlichen Stakeholdern im Unternehmen: Ein Teil der Mitarbeitenden ist neugierig auf neue Wege, die Geschäftsführung vielleicht auch – einem anderen Teil der Belegschaft geht aber die Puste aus und der Gründer des Betriebs hat Sorge um die Qualität des Kerngeschäfts.

Sicherlich ist es hilfreich und absolut notwendig, intensive Gespräche mit allen Beteiligten zu führen und sich zu bemühen, alle mitzunehmen, auch durch eine grosse Transparenz sowohl über die Unmöglichkeit der gleichzeitigen Zielerfüllung, wie beispielsweise innovative Projekte ohne Abstiche im Kerngeschäft oder ohne Mehrbelastung von Mitarbeitenden durchzuführen, als auch über Vor- und Nachteile der jeweiligen Entscheidungsoptionen.

Die anstrengende Nachricht wird aber bleiben: Meistens besteht ein Teil der Last solcher Entscheidungen darin, auszuhalten, dass nicht alle so entschieden hätten wie man selbst, dass man mit Nicht-Zustimmung konfrontiert sein wird und dass das zumindest für ein Restgefühl an «es ist nicht ok» (bis hin zu «Du bist nicht ok») sorgen kann. Aber auch hiermit bewusst und selbstfürsorglich umzugehen, ist ein wichtiger Baustein.

Und wie sollen wir uns verhalten, wenn eine Entscheidung vielleicht doch mal falsch war?

Diese Frage lässt sich schwer pauschal und kurz beantworten. Zunächst ist es mir wichtig, zu betonen, dass es für solche Entscheidungen, über die wir hier sprechen, keine richtige oder falsche Lösung gibt – sonst würde es mir ja nicht so schwer fallen, mich zu entscheiden. Beide Optionen sind auf ihre Weise richtig. Wir sprechen davon, dass es nur gelingen kann, eine ‘verantwortete’ Entscheidung zu treffen – also eine Entscheidung, für die ich zu dem Zeitpunkt Verantwortung übernehmen kann.

Für mich wäre im Beratungskontext erstmal interessant zu verstehen, woran jemand merkt, dass die Entscheidung falsch war. Wenn sich jemand etwa für den Paar-Urlaub und gegen ein Grossprojekt entschieden hat, und die Partnerschaft trotzdem in die Brüche geht, kann man sich denken «…dann hätte ich auch den Urlaub sausen lassen können.» Die Frage ist trotzdem: «Angenommen, Sie hätten sich gegen den Urlaub und für das Grossprojekt entschieden und die Partnerschaft wäre dann auch in die Brüche gegangen – was hätten Sie sich nicht vorwerfen wollen?». Vielleicht war es trotzdem gut, den Urlaub gemacht zu haben, weil man es versucht hat und so besser in den Spiegel schauen kann.